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KeinHerzhaben: Deutschland zum Flüchten

Til Schweiger hat sich auf seiner Facebook-Seite gegen fremdenfeindliche Kommentare gewehrt. Unser Kolumnist gibt ihm Recht - und rechnet mit dem dumpf-deutschen Pöbel im Netz so richtig ab.

Eine Kolumne von Micky Beisenherz

Micky Beisenherz über Flüchtlinge und den Spendenaufruf von Til Schweiger

Til Schweiger rief zu Spenden für Flüchtlinge auf - und wurde dafür beschimpft. Micky Beisenherz findet das mehr als bedenklich.

"Was sagen sie denn zu der Situation hier? Hier werfen Menschen mit Steinen."

"Ja, aber nicht auf Deutsche."

"Naja, aber doch auf Menschen."

"...wie gesagt: Nicht auf Deutsche."

(ARD- Reporter im Gespräch mit einer Frau aus Freital)


Til Schweiger kann man wirklich nicht vorwerfen, ein intellektuelles Publikum anzuziehen. Was ihm aber zuletzt an Hass und Dummheit in seinen Facebook- Kommentarspalten entgegen schlug, dürfte auch ihn überrascht haben.

Aber was hatte er getan? Einen Welpen tot geknüppelt? Den Papst beleidigt? Oder schlimmer: Helene Fischer? Von wegen! Ganz übel! Schweiger hatte es gewagt, einen Aufruf im Internet zu teilen, syrischen Flüchtlingen in Hamburg mit Kleiderspenden zu helfen. Das geht natürlich gar nicht!

Als hätte er ein Dixi-Klo namens Internet umgestoßen, lief die stinkende Brühe quer über seine Facebook-Seite. Die ganze Klaviatur der Unmenschlichkeit wurde einmal durchgeklimpert - von "der soll doch seine Millionen spenden!" bis "wir sind doch nicht das Sozialamt der Welt". Gerne garniert mit der beliebten Arschgeigen-Ouvertüre "Ich bin ja kein Nazi, aber..." Der Aufregenbogen schillerte herrlich braun, bis Schweiger der Kragen platzte und er noch einen nachlegte: "Oh Mann- ich habs befuerchtet!! Ihr seid zum Kotzen! Wirklich! Verpisst Euch von meiner Seite, empathieloses Pack! Mir wird schlecht!!!"

Abgesehen davon, dass Schweiger mit dem Post sein Monatskontingent an Emojis verbraucht haben dürfte, hat das erwartungsgemäß nur wenig zur Deeskalation beigetragen. Flüchtlingshilfe. Ein Thema, für das viele KeinOhrhaben.

Grunzende Orks grölen Naziparolen

Das Flüchtlingsthema wurde speziell in der letzten Woche auch zur emotionalen Grenze, die das Volk in zwei Lager zu spalten scheint. Am selben Tag gingen zwei Videos durch Netz: Zum einen ein Beitrag von "Panorama", der zeigte, wie unterschiedlich die Menschen im schleswig-holsteinischen Boostedt und dem sächsischen Freital mit Flüchtlingen umgehen. Während in Boostedt die viel zitierte Willkommenskultur mit angenehmer Selbstverständlichkeit gepflegt wird, stehen in Freital grunzende Orks vor Flüchtlingsheimen und grölen Naziparolen. Intellektuelle Schrebergärtner, die beweisen, dass "kleiner Feigling" für sie mehr ist als nur ihr Lieblingsgetränk.

Und dann war da noch dieses Video vom Bürgerdialog in Rostock, das zeigt, wie Angela Merkel ungelenk ein "Flüchtlingsmädchen" (was ein Wort) streichelt, scheinbar kurz bevor es abgeschoben wird. Die Folge war das erwartungsgemäße Heckenschützenfest. Jeder durfte sich unter dem Hashtag #merkelstreichelt mal versuchen, die Frau als gefühllosen Androiden zu diffamieren. Irgendwas zwischen Rainwoman und C3PO. Ich hab selbstverständlich auch mitgemacht. Klar. Ich kann ja nicht anders.

#merkelstrauchelt

Ja, vieles war selbstgefällig, einiges war dämlich, okay. Und weil das immer so ist, tauchte, nachdem die Empörtenstampede einmal durchgerauscht war, das Video in voller Länge auf, das zeigte, dass das alles SO nicht gewesen ist, das Mädchen wohl gar nicht abgeschoben werden soll. Hat da jemand "Lügenpresse!" gebrüllt? Aber: Ist deswegen jetzt gleich alles falsch? Haben wir der "Kanzlerin der Streichel-Einheit" vollumfassend unrecht getan?

Sicher nicht.

Kabinen-Selfies mit Weltmeistern machen noch kein Empathietalent

Natürlich hat Merkel ungelenk an dem Mädchen rumgepatscht, als wäre es ein Erlenmeyerkolben, weil sie eben nie die war, die so viele in sie hineinlieben wollten: "Mutti". Eine bloße Behauptung. Immer schon. Neben all der turnusmäßigen Häme im Netz offenbarte sich auch viel Enttäuschung über das, was sie nicht ist, nie war und wofür sie steht. Ab und zu beim Länderspiel  auf der Ehrentribüne die Arme heben wie eine Figur der Augsburger Puppenkiste und Kabinen-Selfies mit Weltmeistern, das macht aus ihr gewiss kein Empathietalent. Gerade jetzt wäre so jemand an der Spitze gefragt.

Die gefühlte Temperatur in Deutschland könnte höher sein.

Klar, Merkel hat sich diese Asylpolitik nicht ausgedacht, aber sie steht als Kanzlerin dafür. Sie rautet seit Jahren stoisch alles weg, sie steht ein für eine Politik, die nicht diskriminiert, aber bei der Homoehe "einen Unterschied macht" (discriminare, lat. : unterscheiden), sie toleriert unappetitliche Bierzelt-Hooligans wie Seehofer, die weiter zündeln, während in Bayern (nein, es ist kein rein ostdeutsches Problem) Flüchtlingsheime beschossen (!) werden. Und sie hat bei diesem Bürgerdialog eben auch Sätze gesagt wie "....und wenn wir jetzt sagen: Ihr könnt alle kommen. Und ihr könnt alle aus Afrika kommen- das können wir auch nicht schaffen", was all jene in ihrer Befürchtung bestätigt, Deutschland sei so eine Art Shrimps Büffet, vor dem man bloß nicht die rote Kordel beiseite hängen darf, weil sonst "Afrika" keine Lust mehr auf Lachsschnittchen hat und geschlossen unsere Teller stürmt.

Auch wegen solcher Sätze stehen Leute vor Flüchtlingsheimen und bepöbeln Menschen, die nach wenigen Tagen vermutlich schon besser deutsch sprechen als sie. Ekelhafte Mitklatscher in karierten Cityhemden, die nur von hier bis zum nächsten Billigbäcker denken können und sich bei "Schwiegertochter gesucht" amüsieren, weil sie instinktiv spüren, dass eine Beate ihnen an einem schlechten Tag intellektuell unterlegen ist. Gestalten, von denen man erwartet, dass sie jeden Moment zurück ins Meer kriechen. Wie diese Mittdreißigerin aus Hamburg-Jenfeld, die sich nicht entblödet, sich vor einer ZDF Kamera über die Flüchtlinge in ihrer Nachbarschaft leer zu wimmern: "Die spielen hier bis 22 Uhr 30 Fußball. Was will man uns noch alles zumuten?!" Richtig. Deutlicher kann man das entbehrungsreiche deutsche Flüchtingselend nicht darstellen. 

Fleischgewordene Trekkingsandale als Klassensprecher der Besorgten

Wir gehen wahrlich bis an die Grenze des Erträglichen. Klar, es ist natürlich toll, wenn "Mutti" regelmäßig aus Brüssel wieder kommt und wir alle noch unser Geld haben. Find ich auch schön. Und dann jedes Jahr diese beeindruckend tristen Urlaubsbilder von "Angie". Dieses TCM-hafte, dieses abgrundtief beige, das sie zum Pin-up-Girl für die macht, denen es wichtig ist, dass "die sich auch nicht mehr gönnt als wir. Uns schenkt ja auch keiner was!" Das ist alles ein Spiegel dieser jämmerlichen "Wir müssen jetzt auch mal an uns denken" - Mentalität, die dafür sorgt, dass Menschen allen Ernstes Sätze wie "und wer hilft Deutschland?" in Til Schweigers Kommentarspalten schreiben. Eigentlich ist es fast komisch, wenn so eine fleischgewordene Trekkingsandale mit intellektuellem Oberleitungsschaden als Klassensprecher der Besorgten vor einem Asylantenheim steht, fürchtet, "dass mit denen bald unsere Kultur verloren geht" und Du denkst: Besser heute als morgen.

Aber es besteht noch Hoffnung: Der Bürgerdialog mit Reem, diesem Beispiel für gelungene Integration war in Rostock. Rostock-Lichtenhagen. Ja, genau. Als Klassenbeste in Deutsch kann das "Flüchtlingsmädchen" vielleicht mal die Rechtschreibung in Til Schweigers Kommentarleiste korrigieren. Auch wenn das wahrscheinlich Jahre dauern dürfte.

 #Refugeeswelcome

Kommentare (33)

  • Default Author
    Stern-Moderation

    Til Schweiger rief zu Spenden für Flüchtlinge auf - und wurde dafür beschimpft. Micky Beisenherz findet das bedenklich. Wie ist Ihre Meinung dazu?

  • orangenblut
    orangenblut
    Schweiger hat recht. Die Kritiker der aktuellen Flüchtlingspolitik haben wenig Empathie. Und das ist gut so. Denn Empathie ist in Migrationsfragen der völlig falsche Ratgeber. Wer diese Themen mit Empathie angeht, hat nicht verstanden, wie schlecht es vielen Menschen in der Welt geht. Empathie bringt niemanden weiter.
  • anyoneinspace
    anyoneinspace
    Viele Flüchtlinge sind entsetzt über das Schweiger-Bashing in Deutschland. Einge überlegen jetzt vor seinem Haus Wache zu stehen, um damit ihre Sympathie zu bekunden.
  • Spaxs
    Spaxs
    Ich glaube, bei aller Diskussion ob etwas gut oder schlecht ist darf man mal Eines nicht außer Acht lassen, nämlich das, was die Menschen hier WOLLEN. Wir sind in einer Demokratie, zumindest belügt man uns ständig mit dieser vermeintlichen Tatsache. Sehr sehr viele Menschen WOLLEN diese Leute einfach nicht hier haben, nur möchte das niemand wahr haben.
    Die, die den Mund aufmachen bekommen den rechten Stempel auf die Stirn. Das macht die meisten mundtot, den Rest zu bösen Menschen. Wer auch immer hier mit diskutiert, soll mal raus gehen auf die Straße und sich umsehen. Ist keinem aufgefallen, dass die Situation immer heftiger wird? Ich beobachte das jetzt die letzten 20 Jahre und ich habe den Eindruck, weder wollen die Ausländer die Deutschen noch umgekehrt.
    WAS mir allerdings auffällt ist, dass man die Gesellschaft versucht, irgendwie in die Richtung zu bringen, dass sie alles akzeptieren soll. Man schönt dabei Fakten und belügt uns ganz gezielt.
    Wo ist das eigentliche Problem? Richtig. Es ist die ach so miese Vergangenheit, die man uns Deutschen permanent unter die Nase hält, sobald wir Widerworte geben. Jedes andere Land kann Tacheles reden, WIR dürfen es nicht. Das Feindbild "der Nazi" ist mittlerweile zum Trend geworden. Der Rest der Welt, völlig egal welcher Herkunft stempelt uns ab, damit wir den Mund halten. Wir bekommen im eigenen Land auf der Nase herum getanzt und die Politik hat nicht die Eier in der Hose, etwas zu bessern.
    Für was bitte brauchen wir Gerichtsurteile, ob sich jemand in der Schule verhüllen darf oder am Sportunterricht teilnehmen muss? Das ist lächerlich ohne Gleichen. Wo ist Anstand, Moral und Sitte geblieben? Für was hab ich in der Schule Noten bekommen, damit ich richtig lesen und schreiben lerne? Hier macht doch mittlerweile jeder was er will. Es ist ne Lachnummer geworden in Deutschland.
  • BuegePeter
    BuegePeter
    Aufnehmen und Spenden sind zwei paar Schuhe. Deutschland hat kein Einwanderungsgesetz, teil von der Politik abgelehnt, Grenzen stehen auf wie ein Scheunentor. Also alles rein was kriechen kann, selektieren und wieder abschieben. Das ist keine Politik!!
    Einmal sollte sich jeder klar sein, dass er in dem Moment selbst Ausländer ist wenn er sein "Kraft durch Freude" Urlaub im Ausland verbringt. Andererseits, Erfahrung, haben einige unserer Auslandsurlaubgehiesser dafür gesorgt das Deutsche in einigen Ländern einen schlechten Ruf genießen. Mit ihren Sozial Euro wedeln, grosses Maul und saufen. Leiden müssen darunter die Deutschen welche dort in diesen Ländern leben. Beispiel: Brasilien!! Dort heißt es nicht nur Deutscher sondern Gringo hat Dinar, Gringo ist sowieso dumm.
    Spenden?! Ich spende grundsätzlich nicht was mir seit meiner langen Zeit in Brasilien anhaftet. Zum anderen hat spenden etwas anrüchiges an sich - es haben sich daran schon genug andere daran gesund gestoßen. Und, ich habe etwas dagegen wenn sich eine Frau ein Kind vor dem Bauch bindet und bettelt. Gibst du nicht, bist du ein Nazi!! In Brasilien war mir klar warum ich nichts gab. Ein paar Cent erbetteln für ein Busticket sollte heißen für Drogen.
    Brasilien hat ein Einwanderungsgesetz, willst du rein musst du Nachweise bringen, Bundesstaatsanwaltschaft, Verdienstbescheinigung, Arbeitgeber. Das alles musst du in portugiesisch übersetzen lassen.
    Hier bei und, ist Nonsens ob die Card rosarot oder blau oder gelb ist. Wie viel Mafia Clans leben in Berlin??.
    .
  • schokuspokus
    schokuspokus
    Nähern wir uns einmal logisch an die Thematik.
    Keine Ausländer in Deutschland = Kein Fremdenhass auf Ausländer in Deutschland.
    Wer läßt die Ausländer rein? = Politiker
    Im Umkehrschluß sind Politiker zu einem TEIL ein Verursacher des Problems.
    Wer kann das Problem lösen = Politiker
    Also meine Aufforderung = Politiker löst das Problem
    Findet die wirklich Hilfsbedürftigen und helft - am Besten vor Ort.
    Der Rest bringt nicht die wirklich Hilfsbedürftigen in Verruf.
    Dann geht auch die Integration und Hilfeleistung der wirklich Hilfsbedürftigen schneller.
täglich & kostenlos
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