
"Geh weg aus Deutschland!", riefen die Fans beim Konzert in Moskau© Thomas Rabsch
Natürlich lässt die Hysterie um Tokio Hotel die Musikmanager träumen. Was so gut auf Deutsch funktioniert, soll jetzt ausgebaut werden. Die Jungs aus Magdeburg sollen nach Plänen ihrer Plattenfirma Universal jetzt Weltstars werden. Voraussichtlich im Mai wird die erste englischsprachige CD der Band in England und Amerika erscheinen, in den USA beim erfolgreichen Label Interscope, das unter anderem Eminem oder Gwen Stefani unter Vertrag hat. Das Moskauer Konzert gehört zur Testreihe "Tokio Hotel International". Am nächsten Abend soll Bill Kaulitz auf der Bühne einer ehemaligen Eiskunstlaufhalle zum ersten Mal russische Teenies mit Songzeilen wie "Schrei! Bis du du selbst bist" und "Leb die Sekunde" begeistern.
Im Moment hat Bill Kaulitz noch andere Sorgen. Lachs in Salzkruste? Ente in Dillcreme? Flusskrebssuppe? Er schaut gequält in die Speisekarte. "Ich will Pizza", sagt er dann mit leiser Stimme in die wartende Runde. Er sagt das nicht fordernd wie ein störrisches Kind, er sagt das vorsichtig und höflich, als würde er nur mal ausprobieren wollen, was möglich ist. "Klar, bekommst du, Bill", sagt die Betreuerin von der Plattenfirma und lächelt sanft. Der Tisch wird abgeräumt und Bodyguard Saki losgeschickt. Er soll eine "Pizza Hut"-Filiale in Moskau finden.
Es gibt, grob gesagt, zwei Dinge, die Bill Kaulitz über alles liebt: Fast Food und Musikmachen. Von Fast Food ernährt er sich, das Musikmachen ist sein Beruf. "Es macht mir irre Spaß, vor 20.000 Mädchen zu spielen und mit denen etwas zu machen." "Etwas zu machen?" "Ja, mit denen zu spielen, die anzuheizen, sie zum Lachen, zum Weinen zu bringen. Emotionen zu wecken", sagt er ganz professionell und klingt dabei doch noch wie der Junge, der erst vor kurzem sein Kinderzimmer gegen die Konzertbühne eingetauscht hat.
In diesen Tagen erscheint nun die neue Single von Tokio Hotel, "Übers Ende der Welt", im Februar dann das zweite Album: "Zimmer 483". Wieder auf Deutsch, wieder mit Texten über Liebe, Wut und Weltschmerz und wieder ganz schön finster. Kinder-Gothic, dunkelbunt: In ihrem neuen Song heißt es: "Achtung, fertig, los und lauf/Vor uns bricht der Himmel auf/Wir schaffen es zusammen/Übers Ende dieser Welt/Die hinter uns zerfällt."
Es scheint so, als markiere Tokio Hotel mit ihrer Musik auch das Ende des Happy-Hippo-Kinder-Pops. Hartz IV, Jobangst, Gewalt in der Schule, Rechtsradikalismus, sich auflösende Familien - all das gehört zum Alltag ihrer Generation, die plauschigen unbeschwerten Wohlstandsjahre haben sie nie erlebt. In dem Song "Gegen meinen Willen" besingen Tokio Hotel das Drama einer Scheidung aus der Kinderperspektive: "Ihr guckt euch nicht mehr an/Und ihr glaubt, ich merk das nicht". Es sind solche Zeilen, mit denen sich die Fans identifizieren. "Wir können nur über das schreiben, was uns auch selbst betrifft", sagt Bill, "alles andere wäre Verrat." Er kennt sich da aus. Seine Eltern trennten sich, als er noch ein Kind war.
Wer hört, wie Bill Kaulitz über Musik, Bühnenshows, Songwriting spricht, mag kaum glauben, dass da ein Junge sitzt, der nach der neunten Klasse die Schule geschmissen hat. Er ist ein Profi - ein Star. Und der Hauptgrund für den unglaublichen Erfolg seiner Band. Alles begann im Jahr 2003. Nach einem Auftritt des 13-jährigen Bill in der Sat-1-Sendung "Star Search" fährt der Produzent Peter Hoffmann nach Magdeburg, um sich Kaulitz und seine Band in einem kleinen Club anzuschauen. Schon damals schminkte der sich wie eine Kreuzung aus Vampir und Märchenelfe. "Vielleicht ist David Bowie daran mit schuld", sagt er, "ich hab mir immer und immer wieder seinen Fantasyfilm "Die Reise ins Labyrinth" angeschaut und ihn bewundert." Bowie spielt darin den König Goblin mit einer hochtoupierten Wuschelmähne.
Seit einer Halloween-Party, da war Bill elf, läuft er in diesem Outfit rum. Die Band gab es damals schon in der heutigen Besetzung. Bill als Sänger, sein Zwillingsbruder Tom Gitarrist, Gustav am Schlagzeug und Georg am Bass. Devilish (Teuflisch) nannten sie sich und machten rockig-einfache Songs mit Titeln wie "Grauer Alltag" ("Keine Arbeit und Gewalt/So wird hier keiner von uns alt/Politiker fühlen sich ganz schlau/und trotzdem bleibt der Alltag grau"). Perfektes Ausgangsmaterial, befand Hoffmann. Das hier war keine gecastete Teenie-Truppe, sondern eine echte, junge Band. Hoffmann holte die Produzenten Pat Benzner, David Jost und Dave Roth mit ins Boot. Gemeinsam arbeiteten sie mit den vieren zwei Jahre lang im Studio, sie bekamen Musik- und Gesangsunterricht - und einen neuen Namen. Aus Devilish wurde Tokio Hotel. Das klang gut in den Ohren der Jungs, und außerdem "muss das eine irre Stadt sein", sagt Bill, "obwohl wir noch nie da waren".
Alex Gernandt, stellvertretender Chefredakteur der "Bravo", war einer der Ersten, der die Band professionell abklopfen durfte. Gernandt - Kapuzenpulli, Turnschuhe, 41 Jahre - spricht von "Faszination" und "Wahnsinnsoptik", wenn man ihn nach dem Besonderen von Tokio Hotel fragt. Und wenn er von der ersten Begegnung mit der Band erzählt, wird er fast poetisch. "Es war ein verregneter Maitag im Jahr 2005. Da sind wir losgefahren, um uns diese Jungs aus Magdeburg anzuhören - und ich war gleich begeistert."
Gernandt war klar: Das ist das richtige Produkt zur richtigen Zeit. Bands wie Juli oder Silbermond hatten deutschen Poprock gerade wieder jugendzimmerfähig gemacht - und Tokio Hotels Single "Durch den Monsun" war so etwas wie "Perfekte Welle" für die Generation 10 plus. Und so entschloss sich die "Bravo", "Believe" zu zeigen, was im "Denglisch" der Musikindustrie heißt: Hier ist jemand, der den "Act supportet", jemand, der an die Gruppe glaubt. Mit "Bravo" als Starthilfe konnte nicht mehr viel schiefgehen: Bereits vor der ersten Single berichtete das Magazin über "Deutschlands neue Superband", schürte Neugier und sichtete schon mal das Marktpotenzial der Newcomer. Ergebnis: 60 E-Mails. Allein als Reaktion auf das erste Foto.
Natürlich hat der Einsatz für Tokio Hotel auch einen handfesten geschäftlichen Hintergrund. Keine andere Zeitschrift ist so abhängig von frischen Teeniestars wie die "Bravo". Dank etlicher Tokio-Hotel-Titelgeschichten stieg die Auflage im ersten Quartal des vergangenen Jahres um satte 12,2 Prozent. Die internationale Karriere wird das nächste ganz große Thema für die Zeitschrift werden. Fragt man die vier Jungs nach den internationalen Plänen, werden sie allerdings ziemlich wortkarg, fast schüchtern. "Wir möchten das gar nicht so an die große Glocke hängen", sagt Bassist Georg. Haben Sie Angst vor einem Flop? "Nee, wir haben doch wirklich nichts zu verlieren, wir haben schon mehr erreicht, als wir jemals erhofft haben", versichert Bill. Stimmt. Westernhagen, Grönemeyer, Maffay, all die großen Deutschrocker mussten sich hochspielen, vor wenig Publikum über viele Jahre. Tokio Hotel dagegen haben einen Blitzstart hingelegt. Schon jetzt füllen sie Stadien mit 18.000 Menschen.
Es ist der zweite Abend in Moskau. Im Backstageraum sitzen Bill, Tom, Gustav und Georg um einen kleinen Plastiktisch. Ein paar Gummibärchen, ein paar Dosen Red Bull, eine Schale mit Obst stehen darauf. Die Spiegel an der Wand hängen schief. Es gibt keine Fenster. Wenig Popstar-Glamour. Doch kaum öffnet sich die Tür einen Spalt, hört man sie schon aus der Halle schreien: 6000 russische Mädchen. Einige rufen: "Bill, geh weg aus Deutschland!"
"Was soll ich denn zur Begrüßung sagen", fragt der und streicht sich nervös durchs Strubbelhaar. "Sag 'Dobryj wetscher'. Das heißt "guten Abend" auf Russisch", sagt Gustav, der in der Schule ein paar Jahre Russisch hatte. "Dobryj, was? Das kann ich mir nicht merken. Das vergesse ich sofort, wenn ich auf der Bühne stehe." Bill wirkt plötzlich wie geschrumpft, klein und ängstlich. Seine Hände zittern ein wenig, als er sich eine Flasche Wasser öffnet. Er ist jetzt kaum noch ansprechbar, seltsam entrückt. Die Pressedame schickt uns aus dem Backstageraum. Noch 30 Minuten bis zum Auftritt.
Wie verwandelt wirkt Bill dann, als das Konzert losgeht. Steht locker hinter dem schwarzen Bühnenvorhang, jongliert lässig das Mikrofon von der linken in die rechte Hand, grinst, atmet tief ein und aus und tippelt auf der Stelle wie ein Staffelläufer, der auf seinen Startschuss wartet. Die Band spielt schon die ersten Takte. Tausende Mädchenaugen fixieren die Bühne. Wo ist Bill? Plötzlich stürmt er los, steht mitten im Rampenlicht, streckt die Arme in die Luft, und ein gigantisches Kreischen erfüllt die Halle. Auch als Erwachsener spürt man sofort: Dieser Junge hat etwas. Diese manische Energie, mit der er durch die Luft flirrt. Diese Körpersprache, wenn er im nächsten Moment in einer perfekten Rockpose verharrt, die Hüfte geneigt, den Arm angewinkelt, den Blick sehnsüchtig in die Ferne gerichtet. Er könnte der gemeinsame Sohn von Cher und David Bowie sein, dramatisch und gestenreich, androgyn und glamourös. Ein Junge aus der Provinz, der mit zwölf Jahren beschlossen hat, ein Star zu sein, der sich Schminke aus dem Supermarkt besorgte und sich seine Klamotten selbst zurechtschnitt.
Will man wissen, wo das alles herkommt - dann landet man in Loitsche, einem Dorf bei Magdeburg, 670 Einwohner, Autokennzeichen OK. Für Ohrekreis. "Tokio Hotel? Wohnt da drüben", sagt eine Nachbarin und zeigt auf den schlichten Flachbau mit Blick auf einen braunen Hügel. Loitsche ist ein Zentrum des Kalibergbaus. Nicht hässlich, bloß ein bisschen kahl. Man kann sich gut vorstellen, dass einer hier anfängt, Gedichte zu schreiben. Oder Songs über den grauen Alltag.
Übernommen aus ...
Stern
Ausgabe 05/2007