29. Januar 2006, 15:00 Uhr

"Wer die Kacke findet, ist selber Kacke!"

Kreisch, kreisch, in-Ohnmacht-fall - es ist nicht einfach, die Faszination der Schüler-Rockband Tokio Hotel zu begreifen. Ein Blick hinter die Teenie-Front. Von Andrea Ritter

Tokio Hotel in der Magedeburger Stadthalle: Gustav Schäfer, Tom Kaulitz, Bill Kaulitz und Georg Listing (v.l.n.r.)©

Es ist bloß Magdeburg, aber es fühlt sich an wie Bürgerkrieg. Draußen ballert Radio RTL stumpfe Bässe in den milchigen Winter, drinnen laufen verkabelte Männer rum, tragen Schwarz und gucken ernst. "Schön, dass Sie meine Einsatzpläne übernommen haben", sagt einer in sein Handy. Dann sagt er noch etwas von "verdeckten Ermittlern" und "Ausschreitungen". Das klingt nach Großeinsatz und Gefahr und passt irgendwie ganz gut in die Magdeburger Stadthalle - ein martialischer Backsteinbau, eine Trutzburg gegen das, was draußen wartet: mehr als 4000 kleine Mädchen mit Erdbeer-Lipgloss und Hüfthosen. Die Fans von Tokio Hotel. Ein Sicherheitsrisiko.

Magdeburg ist ein Heimspiel für Tokio Hotel - die Band kommt von hier. Das bedeutet: noch mehr Mädchen, die behaupten, die beste Schulfreundin der Jungs zu sein, und die sich mit viel "bitte, bitte" in die Halle schleichen wollen. "Hundert besoffene Punker sind mir lieber als zehn von denen da", sagt ein Ordner. "Alle minderjährig und voll von 'ne Rolle. Da musste Augen haben wie 'n Luchs. Sonst: Teufels Küche." Er schiebt eine Gardine zur Seite und guckt aus dem Fenster. Hätte er besser nicht getan. Denn sobald sich an einem der Hallenfenster etwas bewegt, geht es draußen wieder los: Sie schreien. Erst einzeln, dann alle zusammen. Könnte ja sein, dass sich - hiiiiihhhh! - einer von der Band sehen lässt.

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Der Auftritt ist das vorletzte Konzert der "Schrei Tour 2005", die am 4. Februar direkt in die "Schrei Tour 2006" übergeht. Noch nie hat ein Name besser gepasst: Sie haben in Köln geschrien, in Wien, in München und in Leipzig, Tausende Mädchen am Rand der Besinnungslosigkeit in jeder Stadt. Eine Fan-Gemeinde, die besondere Sicherheitsmaßnahmen braucht: Damit sich die inbrünstigen jungen Damen nicht gegenseitig zerquetschen, werden vor der Bühne drei extrabreite Abstandsgräben eingerichtet und Sicherheits- und Rettungspersonal verdoppelt. Sämtliche Zigarettenautomaten müssen abgeklebt werden. Es herrscht striktes Alkoholverbot. Sonst: Teufels Küche.

Helfer verteilen Früchtetee an die bibbernden Mädels. Manche stehen schon seit zehn Uhr morgens vor der Tür. Das Konzert beginnt abends um halb acht. Manche sind nur zum Kreischen gekommen. Karten gibt es längst nicht mehr. Warum? Blöde Frage. "Weil, die sind sooo süß! Die sind das Beste, was es gibt", fiept Julika, 15, aus Kassel.

Jungs treten auf, Mädchen kreischen - das war schon bei den Beatles so. Dass eine so junge deutsche Band ein solches Kreisch-Inferno auslöst, hat es allerdings seit den 80er Jahren und "The Teens" nicht mehr gegeben. Die Tokio-Hotel-Frontzwillinge Tom (Gitarre) und Bill (Gesang) Kaulitz sind im vergangenen September 16 geworden, Gustav (Drums) ist 17, Georg (Bass) immerhin schon 18. Viele ihrer Fans sind allerdings gerade erst dem Schnappi-Alter entwachsen und werden von ihren Müttern an der Hand gehalten. Das mag für Außenstehende so absurd wirken wie der schwarze Haarbalken im Gesicht von Sänger Bill, ist wirtschaftlich gesehen aber plausibel: Neben Metal-Fans sind Mädchen zwischen 10 und 16 Jahren die wohl treueste aller Zielgruppen der Musikindustrie.

Ihre Fans sind überwiegend weiblich, minderjährig und nicht nur an der Musik interessiert. Manche warten zehn Stunden vor der Konzerthalle©

Mit Tokio Hotel hat die Plattenfirma Universal Music das richtige Produkt zur richtigen Zeit gefunden - ein bisschen wild und trotzdem kuschelig. Der Erfolg: gewaltig. Von null auf Platz eins die erste Single "Durch den Monsun" im vergangenen August, das Album "Schrei" bereits dreimal vergoldet. Es gab einen "Bambi", den "Echo", den "Comet".

"Schra-hei! Bis du du selbst bist", brüllen die Mädchen draußen den Refrain der Hit-Single "Schrei". Dazu recken sie die Arme in die Luft und machen das Teufelszeichen. Sieht lustig aus, aber Vorsicht: Tokio-Hotel-Fans sind Spott gewohnt und schlagen zurück, wenn jemand die, nun ja, musikalische Qualität ihrer Idole bezweifelt. "Wer die kacke findet, ist selber kacke", sagt Linda, 14. "Kacken-scheiß-kacke", ergänzt Caro, 15, und ihre Freundin Laureen, 15, erläutert: "Wir finden alle scheiße, die die scheiße finden. Und die, die die scheiße finden, finden uns scheiße." So ist das.

Übernommen aus ... Stern Ausgabe 04/2006

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