Von Jauch bis Beckmann - die ARD bietet von Herbst 2011 an fünf Talker auf. Geopfert wird die TV-Dokumentation. Es ist das Werk kulturloser Macher, die nur auf eines schielen: die Quote. Von Bernd Gäbler

Bezieht 2011 Anne Wills Platz an der Sonne: Günther Jauch© Jörg Carstensen/Ulrich Perrey/DPA
Hugh! Die ARD-Intendanten haben gesprochen. Fast schon kann man froh sein, dass sie nicht auch noch Kai Pflaume, Stefan Raab und Anke Engelke eine Talkshow angeboten haben. Denn beschlossen haben sie auf ihrer Tagung in Berlin: Was in Zukunft in der ARD besonders zählt, ist Reden. Talk durchzieht das Programm von sonntags bis donnerstags. Durch den Zuzug von Günther Jauch muss die ARD das Talk-Überangebot halbwegs sinnvoll über das Programm verteilen. Das große Stühlerücken begann – und am Ende dieser Reise nach Jerusalem hat zwar jeder der ARD-Talker sein Sendeplätzchen gefunden, dennoch gibt es Gewinner und Verlierer.
Sieger ist Günther Jauch, der den gut gepolsterten Sonntagsplatz auf dem Tablett serviert bekam. Das ist der Platz an der ARD-Sonne, denn er ist der gelernte Platz für gesellschaftlich relevante Debatten, und außerdem muss sich ein Talker schon recht dumm anstellen, will er die 8 Millionen "Tatort"-Zuschauer, die jeweils zu Beginn in den Talk am Sonntag hereinhören, auf eine schlechte Gesamtquote herunterwirtschaften.
Verliererin ist die vom NDR protegierte Anne Will, die eben diesen komfortablen Sendeplatz verliert und nun mittwochs ins Spätprogramm auf 22. 45 Uhr rutscht, also ein Stündchen später startet als bisher Frank Plasberg, der sich sogar gegen den konkurrierenden europäischen Fußball oft recht wacker schlug.
Frank Plasberg, der Dompteur unter den Talkern, darf nun montags um 21 Uhr ran, wenn Günther Jauch mit dem quotenstarken Quiz "Wer wird Millionär?" auf RTL gerade in das letzte Viertelstündchen geht. Spannung zwischen Jauch und Plasberg dürfte nicht ausbleiben. Wie soll Plasberg am Montag ein ganz anderes zentrales Thema der Woche entdecken als das von Jauch am Sonntag bereits besprochene? Auch dürfte es zwischen beiden Redaktionen ein hübsches Promi-Jagen und -Abjagen im politischen Berlin geben. Vermutlich wird sich aber auch der Charakter beider Sendungen scharf voneinander abheben müssen: hier der gepflegte Diskurs beim gefühlten Bundespräsidenten Jauch, dort die hektische Arena. Für eine rechercheintensive Sendung wie "Hart aber fair", so ließ Frank Plasberg flugs wissen, sei es sehr aufwendig, auch übers Wochenende Fakten und Gäste zu recherchieren". Stimmt. Ein Begeisterungssturm klänge anders.
Sollte nun Reinhold Beckmann, der sich mit einem menschelnderen Gestus am späten Montag gut in der ARD etabliert hat, auch noch am selben Tag nach Plasberg ran? Lieber nicht. Er wechselt auf den Donnerstag, wo er ebenfalls die späte Talk-Schiene um 22.45 Uhr bedient. Reinhold Beckmann ersetzt also Harald Schmidt. Schon das ist eine schöne Charakterisierung des neuen ARD-Programms. Beckmann sendet dann an gegen die etwas früher gestartete Maybrit Illner – Soft-Talk versus Hardcore-Politik. Das ist wohl das Kalkül. Aber längst lassen sich auch viele Politiker gerne ruhig und gründlich von Beckmann befragen. Dahinter steckt die Erwartung, weniger hart herangenommen zu werden. Der Donnerstag selbst bekommt so ein "weicheres" Profil, denn eingeleitet wird er meist von Show-und Quiz-Sendungen, die immer gleich aussehen, egal ob es gerade um den Menschen, die Maus, den Tatort, den Sex der Deutschen oder Naturwunder geht.
Sandra Maischberger bleibt auf ihrem angestammten Tag. Ihr Geronto-Talk passt wunderbar zum Dienstag, dem Geronto-Tag der ARD, an dem sich das Programm mit "In aller Freundschaft" oder "Um Himmels willen" rasch in den Grundrhythmus der Altenheime eintaktet. Dabei soll es bleiben, allerdings werden Politik-Magazine, die inzwischen ungeliebten Kinder der ARD, auf den Dienstag verschoben.
Fünf Mal Talk, drei Mal um 22.45 Uhr mit Maischberger, Will, Beckmann und der Doppelschlag Jauch/ Plasberg zum Wochenbeginn – das ist das Resultat des Intendanten-Pokers. So können die "Tagesthemen" von Montag bis Donnerstag einheitlich um 22.15 Uhr beginnen.
Zur Person Bernd Gäbler, geboren 1953 in Velbert/Rheinland, ist Publizist und Dozent für Journalistik. Er studierte Soziologie, Politologie, Geschichte und Pädagogik in Marburg. Bis 1997 arbeitete er beim WDR (u.a. "ZAK"), beim Hessischen Rundfunk ("Dienstags - das starke Stück der Woche"), bei Vox ("Sports-TV"), bei Sat.1 ("Schreinemakers live", "No Sports"), beim ARD-Presseclub und in der Fernseh-Chefredaktion des Hessischen Rundfunks. Bis zur Einstellung des Magazins leitete er das Medienressort der "Woche". Von 2001 bis Ende 2004 fungierte er als Geschäftsführer des Adolf-Grimme-Instituts in Marl.