Die Volkswirtin, zwischen 1990 und 2006 stellvertretende Vorsitzende des DGB, tourte als soziales Gewissen der Nation jahrzehntelang durch alle Talkshows.

Ursula Engelen-Kefer, 64, im Wohnzimmer ihres Hauses in Berlin-Frohnau...© Thorsten Futh
Wofür denn?
Also darüber kann man nun wirklich streiten. Außerdem habe ich ja auch nie gesagt, dass die ganze Agenda weg müsse. Ich sehe trotzdem keinen Grund, mich zu entschuldigen. Vieles war schlecht, unnötig, ungerecht und hat die Gesellschaft gespalten.
Das glaube ich schon. Er mir aber auch. Ich bin seit mehr als 20 Jahren im SPD-Parteivorstand. Mit Willy Brandt hat es angefangen, seitdem habe ich neun Parteivorsitzende erlebt ...

...und 1994 auf einer Pressekonferenz des DGB - ihr Markenzeichen: große Ohrringe© Andreas Froese/AP
Mehr oder weniger, klar. Weil alle die Sozialpolitik gerne ein bisschen beiseite geschoben hätten. Außerdem haben Sie als Frau in solchen Gremien sowieso am besten den Mund zu halten und die Drecksarbeit zu machen. Das habe ich eben nie gemacht. Ich habe immer die Sachkompetenz in den Vordergrund gestellt, und die hat man mir trotz aller Versuche auch nicht nehmen können.
Man wird eben in eine Schublade getan. Aber wenn ich den Entrechteten helfen kann, dann freut's mich.
Ich bilde mir ein, dass ich noch Schlimmeres verhütet habe. Inzwischen bewegt sich die SPD ja auch wieder auf die Mehrheit ihrer Mitglieder zu. Auf die vielen Menschen, die wegen der erlittenen Ungerechtigkeiten bis ins Mark verbittert sind.
Ich werde Ihnen doch nicht verraten, wen ich wähle! Aber dass wir jetzt in der Lage sind, ein paar Dinge geradezurücken, das hat auch was mit der Linkspartei zu tun.
Hart. Was hat man mir damals für dummes Zeug erzählt! Jeder kann Millionär werden. Die Kinder werden im Büro betreut. Und plötzlich war die ganze schöne neue Wirtschaft einfach zusammengebrochen. Und ihre Helden waren weg vom Fenster.
Das haben jedenfalls die Gewerkschaftsvorsitzenden so gesehen.
Überhaupt nicht. Ich bin fit genug und will lieber Geld in die Rentenversicherung einzahlen als rausnehmen. Ich will auch nicht in die Zwangsvergreisung geschickt werden. Heute arbeite ich ehrenamtlich für die Bundesagentur für Arbeit. Ich entwickle Konzepte für mehr Gerechtigkeit bei der Arbeitsmarktpolitik für benachteiligte Personengruppen: Ältere, Alleinerziehende, gesundheitlich eingeschränkte Menschen.
Ja, warum denn? Wenn es um den Einsatz für soziale Gerechtigkeit geht, kenne ich keine Altersgrenze.
Ach nein? Hatten Sie das denn erwartet?
Ich habe mich immer bemüht, sachlich und korrekt zu sein. Auch wenn mich manches doch verletzt hat, habe ich nie mit gleicher Münze heimgezahlt. Weder nach außen noch hintenrum. Aber eines stimmt: Kämpfen muss ich immer.
Übernommen aus ...
Stern
Ausgabe 19/2008
Zur Person Ursula Engelen-Kefer, 1943 in Prag geboren, studierte VWL in Köln und arbeitete anschließend als Journalistin in New York. Zunächst Referentin am Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Institut des DGB, wechselte sie 1974 als Leiterin des Referats für internationale Sozialpolitik zum DGB-Bundesvorstand. 1984 wurde sie zur Vizepräsidentin der Bundesanstalt für Arbeit berufen, von 1990 bis 2006 war sie stellvertretende DGB-Vorsitzende; seit 1986 ist sie Mitglied im Parteivorstand der SPD. Engelen-Kefer ist mit dem Wirtschaftsjournalisten Klaus C. Engelen verheiratet und lebt in Berlin. Das Paar hat zwei erwachsene Söhne.