. .
Panorama-Nachrichten
Schlagzeilen Themen Mobil iPad Blogs Investigativ Hefte
 
Fotocommunity
Fotocommunity

Treffpunkt für ambitionierte Amateurfotografie. Bilder hochladen und bewerten, sich mit anderen Austauschen. mehr...

Weblogs bei stern.de
Weblogs bei stern.de

Die Online-Tagebücher bei stern.de: Freie Autoren schreiben hier persönlich, direkt und eigenständig. mehr...

Information und Unterhaltung mit Steffen Hallaschka
sternTV - Information und Unterhaltung mit Steffen Hallaschka

Vertiefende Informationen zu der aktuellen und den vergangenen Sendungen von sternTV. mehr...

stern Investigativ
stern Investigativ

Das Recherche-Team des stern. Erfahren Sie mehr über die Recherchespezialisten und ihre Enthüllungen von Terrorismus bis Wettmanipulation. mehr...

 
1. Juni 2008, 12:23 Uhr

"Schnapp sie dir, sie ist deine Frau"

Nudschud mit Cousins und Cousine in einer Gasse der Hauptstadt Sanaa. Neben ihr, mit traditionellem Krummdolch, der Onkel, der sie nach ihrer Flucht vor dem Ehemann aufgenommen hatte© Karim Ben Khelifa

"Kind, der Vater will es so"

Nudschuds Mutter, Schu'iya Salim, ist Ende 30. Abgearbeitete Hände, ein altes Gesicht, ein ausgelaugter Körper: So viele Babys wie möglich, das war ihre einzige Chance auf Anerkennung. Sie erlebte und erlitt 19 Schwangerschaften, die letzte vor zwei Jahren; zehn ihrer Babys sind gestorben. Wenn man den Vater nach der Zahl seiner Kinder fragt, beginnt er zu zählen. Anfang dieses Jahres verlor er seine Arbeit bei der Müllbeseitigung. Er spuckt Blut, kann sich nicht mehr konzentrieren, starrt wie ein Tagträumer ins Leere. Wenn es der Körper erlaubt, stellt er sich morgens bei den Tagelöhnern an, die Jobs suchen. Manchmal bekommt er Arbeit als Lastenträger.

Anfang Januar ruft der Vater Nudschud zu sich, als sie aus der Schule heimkehrt. "Tochter, du wirst verheiratet", sagt er, "ich habe einen Vertrag gemacht mit Faiz." Der Bräutigam ist ein Verwandter aus dem Heimatdorf der Familie in der Provinz Hajjah und arbeitet auf seinem Moped als Taxifahrer. Geschenke werde sie bekommen bei der Hochzeit, erzählt die Mutter der Zwölfjährigen, schöne Sachen, Kleidung und einen Ring. "Kind, der Vater will es so", sagt sie. Ihr künftiger Ehemann werde auf sie Acht geben.

Es soll eine Doppelhochzeit werden: Nudschuds Bruder wird die Schwester von Faiz zur Frau nehmen. So bleibt das Brautgeld, ein paar Hundert Dollar, in der Familie. Faiz Thamer ist Ende 20. Er verspricht dem Vater, seine Kinderbraut großzuziehen. Den schriftlichen Heiratsvertrag soll später ein Beamter bei Gericht verfassen. Eigentlich müsste der auch die Zustimmung des Mädchens prüfen.

Über Nacht verliert sie ihre Kindheit

"Ich dachte: Schön, es wird eine Feier geben", sagt Nudschud, "und mir war das auch irgendwie egal." Niemand sagt ihr, was eine Ehe wirklich bedeutet. Eine Woche später findet die Hochzeit statt, aber es ist keine dieser märchenhaften Feiern mit Tanz und Freunden, blitzenden Krummdolchen und würdiger Zeremonie, wie wohlhabende Jemeniten sie feiern. Kein Bräutigam hoch zu Ross, kein weißes Kleid, kein weißer Brautschleier. Nudschud bekommt einen Ring und ein Fläschchen billiges Parfüm. Sie trägt ein braunes Kleid, geliehen von der Stiefschwester des Bräutigams, viel zu groß ist es und schleift über den staubigen Boden.

Nuschuds Vater, Ali Muhammad© Karim Ben Khelifa

Noch am selben Tag bestätigt sich, wovor die älteren Geschwister sie gewarnt haben: "Er wird dich wegholen in sein Dorf." Traditionell lebt und arbeitet die Braut bei der Familie ihres Mannes. Mit dem Brautgeld hat sich der Bräutigam den Körper der Kleinen gekauft. Nudschud will sich wehren, sie weint, fleht. Und hockt wenig später in dem Auto, das Faiz sich geliehen hat. Sie fahren in den Norden, drei Stunden lang, immer weiter weg von zu Hause. Er sitzt am Steuer und sagt nichts. "Er sah mich ständig so an", sagt Nudschud. "Er war so alt."

Praktisch über Nacht verliert sie ihre Kindheit. Im Dorf warten sie schon. Gleich nach dem Abendessen weist die Schwiegermutter der Neuen die Arbeiten für den kommenden Tag zu. Dann wird es dunkel, nicht mal Strom gibt es hier. Selbst im Schein der Petroleumfunzeln ist alles staubig und dreckig und noch ärmlicher als bei den Eltern in Sanaa. "Es ist Zeit", sagt ihr Mann, "komm mal mit ins Zimmer", und er sperrt die Tür zu. "Ich hatte furchtbare Angst, ich dachte doch, heiraten, das ist eine Feier. Ich habe nicht geahnt", sagt sie leise und blickt dann auf, "dass das passiert." Die Dunkelheit, der fremde Mann, sein Atem, der Schmerz, die Stimmen der fremden Familie aus dem Nebenraum - Nudschud ist krank vor Scham und Angst und Grauen.

Übernommen aus ... Stern Stern
Ausgabe 22/2008

 
 
KOMMENTARE (10 von 67)
 
Alex64 (04.06.2008, 19:42 Uhr)
Fair dinkum,
sheila - and no worrys ......
nese (04.06.2008, 14:04 Uhr)
@h-p-t & @Alex
@h-p-t:
'zu schreiben man kenne ja die argumente der anderen und wäre müssig darüber zu diskutieren ist doch auch etwas arm.'
Ich bin immer wieder von neuen erstaunt, was Sie aus meinen Kommentaren herauslesen. Wie kommen Sie jetzt auf diese Behauptung? Etwa wegen dem angekuendigten Loblied ueber die fanatischen Christen, das ich dann doch nicht gesungen habe?
Ich habe nichts dagegen, dass uns Herr Garnet mit seinen Auslandserfahrungen bereichert. Seine 'Beobachtungen' interessieren mich auch, aber er sollte ein bisschen nachforschen, bevor er diese mit Islam in Verbindung bringt. In seinem sarkastischen Kommentar hat er naemlich Tradition und Religion durcheinander gewuerfelt, und genau dagegen habe ich laut protestiert.
@Alex
'Reicht das? Oder soll ich meine diversen langjährigen Aufenthalte im "englischen Ausland" anführen???'
Ja, ich glaube dir, aber nur wegen deiner langjaehrigen Aufenthalte im englischsprachigen Ausland ;-)
h-p-t (04.06.2008, 09:17 Uhr)
@nese
das was du garnet unterstellst ( seinen sarkastischen beitrag - und das ist offensichtlich - gegen ihn zu verwenden ) ist billig.
wir alle ( alex, garnet, lisa ,du und ich ) treffen uns regelmäßig bei islamkritischen beiträgen, aber zu schreiben man kenne ja die argumente der anderen und wäre müssig darüber zu diskutieren ist doch auch etwas arm.
deine argumente sind gut, genauso gut aber sind die von alex und garnet, besonders die von garnet haben eine gewisse aussagekraft da er und seine frau ( auch schon bekannt aus früheren diskussionen ) einen recht grossen erfahrungswert aus den auslandaufenthalten haben und "aus erster hand" erzählen können, weshalb diesen "gewinn" nicht zur diskussion nutzen ?
h-p-t (04.06.2008, 09:01 Uhr)
Ist es nicht alles eine Frage der Macht über die Frau ?
ich für meinen Teil denke das es nach wie vor die "Wertung der Frau" eine große Rolle spielt, ähnlich wie bei uns auch noch vor nicht allzu langer Zeit ist die Wertigkeit einer Frau / eines weiblichen Wesens allgemein, doch eher gering.
Man kann für alle Regeln die Religion vorschieben und hat so doch immer eine gewisse Macht über die Frau. Das wird von klein auf "reingeschnitten" und zieht sich bis zum Tod der Frau hin...Verschleiert, Unterwürfig usw.
Warum sonst machen die jungen Migranten hier fast ein Fass auf wenn ein Mädchen bauchfrei herumlaufen möchte, oder ein Handy benutzt...warum sonst geschiehen Ehrenmorde ? Weil sich die jungen Mädchen nicht fügen und aus Ihrer Rolle herausfallen... in den Ländern in denen es möglich ist werden Sie offiziel "gerichtet" und gesteinigt , in den "zivilisierteren" Ländern werden Sie halt von der Familie "gerichtet" und heimlich auf Parkplätzen abgestochen.
Die Mütter stehen nicht für Ihre Mädchen ein, sie haben den "Respekt" eingeschlagen / geschnitten etc. bekommen.
"Frauen gefügig machen so das sie dem Mann Untertan ist..." dafür ist die Religion ein tolles Rechtfertigungsinstrument,( alles andere wäre Mohammed und was weiss ich wem alles nicht wohlgefällig ) noch ein paar Extreme die es dann auf biegen und brechen durchsetzen.
Das gab es im Mittelalter auch im Christentum.
@Alex: bewundernswerte Argumente, wie immer auf den Punkt gebracht..
Preussin (03.06.2008, 09:21 Uhr)
@ Alex 64
Ich kann das , Sie nehmen den Koran zu ernst , nicht ganz glauben.Wenn ich sehe , oder höre , daß wieder einer mit Sprengstoffgürtel als Biobombe die Feinde vernichtet , und es ist niemals der Religionsführer oder Prediger selbst. Obwohl es ja auf diese Art geradewegs ins Paradies gehen soll. Ja um des Himmels willen warum drängeln den da die Genannten nicht ? Fürchten sie sich ? Oder sind sie sich doch nicht so ganz sicher mit den Jugfrauen u.s.w. ?
Alex64 (03.06.2008, 09:08 Uhr)
Falsche Sichtweise
"Das Problem sind die Fanatiker, die ihre heiligen Buecher sehr ernst nehmen."
DAS sind ja - nach eurer eigenen, hier immer wieder geäusserten Ansicht - nur sehr wenige.
Das Problem sind eher diejenigen, die nichts gegen diese Fanatiker aus den eigenen Reihen unternehmen oder immer wieder konstatieren, das alles hätte "nichts mit dem Islam" zu tun.
Und natürlich diejenigen, die ihre mitgebrachte mittelalterliche Gesellschaftsform (nein, hat natürlich nichts mit dem Islam zu tun)inklusive der darin gelebten Intoleranz gegenüber allen Andersdenkenden und des steinzeitlichen Ehrbegriffes in einer modernen, humanistischen Sozialstruktur beibehalten wollen.
Alex64 (03.06.2008, 07:23 Uhr)
nese
Nehmen wir doch die englische Version selbst...
"Bashing is a harsh, gratuitous, predjudicial attack on a person, group or subject. Literally, bashing is a term meaning to hit or, colloquially, to assault but when it is used as a suffix, or in conjunction with a noun indicating the subject being attacked, it is normally used to imply a sense of uncompromising vehemence and bigotry about the assailant."
Reicht das? Oder soll ich meine diversen langjährigen Aufenthalte im "englischen Ausland" anführen???
Preussin (03.06.2008, 05:20 Uhr)
Zwangsehe, Beschneidung
Es ist ja historisch belegt , dass Mohamed eine Witwe geheiratet hat , eine reiche Kaufmannswitwe , damit er Reisen und Studien über das Leben in anderen Ländern machen konnte. Da hat ihn die fehlende Jungfräulichkeit nicht gestört. Des weiteren hat er sich nicht gegen die Knabenliebe ausgesprochen , im Gegenteil.Er hat wohl nach seinem Verständnis Lebensregeln aufgestellt, aber sicher nicht die Weiterentwicklung des Geistes verboten ? Wenn Euch Gott geschaffen hat , warum berichtigt ihr ihn und schneidet Teile ab , hat er was falsch gemacht ? Das sagt ihr ja damit. Verwunderlich ist auch das Eure Ehre zwischen den Beinen der Frauen ist . Schlimm für Euch , dass ihr keine bessere Aufbewahrung an eurem Körper dafür findet . Da wäre zum Beispiel der Kopf ein sicherer Ort. Das Wort Ehrenmord ist eine Schande für die Menschheit .Benennt es doch nach der Ursache , wie könnt ihr , weil ihr eure Sexualität nicht steuern könnt , die Köpfe der Frauen unter Tücher verbergen . Sollte nicht die Ursache dafür in der Quelle gesucht werden im Kopf der Herren. Gebt obacht , dass die Frauen nicht eines Tages aufstehen und euch beschneiden , Eunuchen haben keine Probleme mit der Sexualität und können auch ihre Gedanken zusammennehmen , wenn eine unverhüllte Frau vor ihnen steht. Also wo ist die Ursache des Übels ?
nese (03.06.2008, 00:42 Uhr)
@guinness, @manesse & @Alex
@guinness
'Unvorstellbar für mich, daß es sogar hier im Forum noch Befürworter gibt.'
Wegen diesem Satz habe ich jetzt alle Kommentare noch einmal durchgelesen. Ich habe keinen einzigen Kommentar gefunden, wo eine Zwangsverheiratung von Kindern befuerwortet wird. Lesen Sie bitte die alles genau durch, wenn Sie das naechste mal so einen Unsinn schreiben.
@manesse
Wieso sind Sie so empfindlich? Wo habe ich Ihnen denn verboten zu reden und ist es denn eine Drohung, wenn ich sage 'gleich fange ich an zu singen'? Dieses Erlebnis mit den halbwuechsigen Gewalttaetern ist natuerlich tragisch. Aber Sie sollten wissen, dass diese Jugendliche meist ueberhaupt keine Ahnung haben von ihrer eigenen Religion. Homosexualitaet wird leider nicht nur im Islam, sondern auch im Christentum (auch im neuen Testament!) verurteilt, das muessten Sie eigentlich wissen. Das Problem sind die Fanatiker, die ihre heiligen Buecher sehr ernst nehmen.
@Alex
'Guckst Du hier... http://dict.leo.org/'
Na so was. Mein Online Dictionary http://dict.tu-chemnitz.de/ sagt aber was anderes. Was stimmt denn nun?
mona.lisa (02.06.2008, 20:20 Uhr)
Am schlimmsten finde ich, daß diese Männer...
...Unterstützung von ihren Müttern, also auch Frauen, bekommen.
Die müßten doch selbst am besten wissen, wie sich bei ihrer eigenen Zwangsverheiratung gefühlt haben!
.
Typisch für diese Hinterwäldler ist, daß sie vollkommen unflexibel, intolerant und hasserfüllt auf alles reagieren, was auch nur irgendwie außerhalb ihrer eigenen kleinen Welt liegt: ob Frauen (die aus dem Ruder laufen) oder Homosexuelle (die nach ihrem Weltbild "nicht normal" sind) oder Kinder, die sich wehren.
Sie alle werden entweder gefügig geprügelt oder umgebracht, und diese Männer fühlen sich auch noch im Recht.
.
Die Kleine ist unglaublich mutig, aber leider wird sie wohl früher oder später das Opfer eines "Ehrenmordes" werden. Das ist die bittere Realität.
MEHR ZUM ARTIKEL
Jemen Achtjährige setzt Scheidung durch

Erstmals hat im Jemen eine Minderjährige die Scheidung von ihrem 22 Jahre älteren Ehemann durchgesetzt. Die achtjährige Nojood hatte gegen ihren Vater und ihren Ehemann geklagt. Das Mädchen will jetzt wieder zur Schule gehen. mehr...

Jemen Achtjährige verlangt die Scheidung

Erstmals verlangt im Jemen eine Minderjährige die Scheidung von ihrem wesentlich älteren Ehemann. Weil er sie geschlagen und missbraucht haben soll, ist die achtjährige Nojood in Sanaa vor Gericht gezogen. Außerdem verklagt das Mädchen seinen Vater, weil er die Zwangsheirat eingefädelt hat. mehr...

 
Leser werben Leser

Jetzt den stern empfehlen und attraktive Prämie sichern!

 
 
 
 
 
stern - jetzt im Handel
stern (23/2012)
Rettet die Liebe