
Nudschud mit Cousins und Cousine in einer Gasse der Hauptstadt Sanaa. Neben ihr, mit traditionellem Krummdolch, der Onkel, der sie nach ihrer Flucht vor dem Ehemann aufgenommen hatte© Karim Ben Khelifa
Nudschuds Mutter, Schu'iya Salim, ist Ende 30. Abgearbeitete Hände, ein altes Gesicht, ein ausgelaugter Körper: So viele Babys wie möglich, das war ihre einzige Chance auf Anerkennung. Sie erlebte und erlitt 19 Schwangerschaften, die letzte vor zwei Jahren; zehn ihrer Babys sind gestorben. Wenn man den Vater nach der Zahl seiner Kinder fragt, beginnt er zu zählen. Anfang dieses Jahres verlor er seine Arbeit bei der Müllbeseitigung. Er spuckt Blut, kann sich nicht mehr konzentrieren, starrt wie ein Tagträumer ins Leere. Wenn es der Körper erlaubt, stellt er sich morgens bei den Tagelöhnern an, die Jobs suchen. Manchmal bekommt er Arbeit als Lastenträger.
Anfang Januar ruft der Vater Nudschud zu sich, als sie aus der Schule heimkehrt. "Tochter, du wirst verheiratet", sagt er, "ich habe einen Vertrag gemacht mit Faiz." Der Bräutigam ist ein Verwandter aus dem Heimatdorf der Familie in der Provinz Hajjah und arbeitet auf seinem Moped als Taxifahrer. Geschenke werde sie bekommen bei der Hochzeit, erzählt die Mutter der Zwölfjährigen, schöne Sachen, Kleidung und einen Ring. "Kind, der Vater will es so", sagt sie. Ihr künftiger Ehemann werde auf sie Acht geben.
Es soll eine Doppelhochzeit werden: Nudschuds Bruder wird die Schwester von Faiz zur Frau nehmen. So bleibt das Brautgeld, ein paar Hundert Dollar, in der Familie. Faiz Thamer ist Ende 20. Er verspricht dem Vater, seine Kinderbraut großzuziehen. Den schriftlichen Heiratsvertrag soll später ein Beamter bei Gericht verfassen. Eigentlich müsste der auch die Zustimmung des Mädchens prüfen.
"Ich dachte: Schön, es wird eine Feier geben", sagt Nudschud, "und mir war das auch irgendwie egal." Niemand sagt ihr, was eine Ehe wirklich bedeutet. Eine Woche später findet die Hochzeit statt, aber es ist keine dieser märchenhaften Feiern mit Tanz und Freunden, blitzenden Krummdolchen und würdiger Zeremonie, wie wohlhabende Jemeniten sie feiern. Kein Bräutigam hoch zu Ross, kein weißes Kleid, kein weißer Brautschleier. Nudschud bekommt einen Ring und ein Fläschchen billiges Parfüm. Sie trägt ein braunes Kleid, geliehen von der Stiefschwester des Bräutigams, viel zu groß ist es und schleift über den staubigen Boden.

Nuschuds Vater, Ali Muhammad© Karim Ben Khelifa
Noch am selben Tag bestätigt sich, wovor die älteren Geschwister sie gewarnt haben: "Er wird dich wegholen in sein Dorf." Traditionell lebt und arbeitet die Braut bei der Familie ihres Mannes. Mit dem Brautgeld hat sich der Bräutigam den Körper der Kleinen gekauft. Nudschud will sich wehren, sie weint, fleht. Und hockt wenig später in dem Auto, das Faiz sich geliehen hat. Sie fahren in den Norden, drei Stunden lang, immer weiter weg von zu Hause. Er sitzt am Steuer und sagt nichts. "Er sah mich ständig so an", sagt Nudschud. "Er war so alt."
Praktisch über Nacht verliert sie ihre Kindheit. Im Dorf warten sie schon. Gleich nach dem Abendessen weist die Schwiegermutter der Neuen die Arbeiten für den kommenden Tag zu. Dann wird es dunkel, nicht mal Strom gibt es hier. Selbst im Schein der Petroleumfunzeln ist alles staubig und dreckig und noch ärmlicher als bei den Eltern in Sanaa. "Es ist Zeit", sagt ihr Mann, "komm mal mit ins Zimmer", und er sperrt die Tür zu. "Ich hatte furchtbare Angst, ich dachte doch, heiraten, das ist eine Feier. Ich habe nicht geahnt", sagt sie leise und blickt dann auf, "dass das passiert." Die Dunkelheit, der fremde Mann, sein Atem, der Schmerz, die Stimmen der fremden Familie aus dem Nebenraum - Nudschud ist krank vor Scham und Angst und Grauen.
Übernommen aus ...
Stern
Ausgabe 22/2008