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3. Mai 2009, 20:28 Uhr

Der ewige Verdächtige

Vor zwölf Jahren soll der Installateur Harry Wörz versucht haben, seine Frau Andrea zu erdrosseln. Sie überlebte, ist seitdem schwer behindert und kann ihn daher weder be- noch entlasten. Nun steht Wörz zum dritten Mal vor Gericht - und die Justiz vor einem Scherbenhaufen. Von Holger Witzel

Harry Wörz, Justizirrtum, Andrea, erdrosselt, behindert

Seit zwölf Jahren lebt Harry Wörz als Angeklagter, mehr als vier Jahre war er bereits in Haft© Arne Dedert/DPA

Andrea Zacher weiß, wer es war. Sie hat dem Täter in die Augen gesehen, als er ihr den Schal um den Hals legte und so lange daran zog, bis der Sauerstoff knapp wurde in ihrem Gehirn. Ein Wort von ihr, ein Name, und der Spuk hätte ein Ende - nur nicht für sie.

So, wie sie in ihrem Rollstuhl sitzt und mit offenem Mund schweigt, die Arme spastisch verkrampft, der Blick umherirrend, kommt es einem manchmal vor, als wolle sie nicht sagen, wer ihr das angetan hat. Denn ob es nun ihr Ex-Mann Harry war, der dafür schon einmal mehr als vier Jahre im Gefängnis saß, oder doch ihr damaliger Liebhaber Thomas, der anfangs ebenso unter Verdacht stand wie ihr Vater Wolfgang - für Andrea Zacher, 38, würde sich nichts ändern.

Die Grenzen des Strafrechts

Nicht einmal ihre Zunge gehorcht ihr noch. Also schweigt sie oder schreit höchstens mal, wenn jemand bei ihrer Lieblingsserie im Fernsehen stört, und nachts im Traum sowieso. Schweigen und schreien, so als schnüre ihr der Schal noch immer die Kehle zu, der Kinderschal von Kai, Andreas und Harrys Sohn, der damals gerade zwei Jahre alt war und neben ihr lag.

"Hypoxischer Hirnschaden nach Strangulation" nennen Ärzte Andrea Zachers weitgehend hoffnungslosen Zustand. "Infantile Amnesie" nennen sie den gnädigen Zauber der Natur, weshalb sich Kai, heute 14, nicht erinnern kann, was er in der Nacht vom 28. zum 29. April 1997 womöglich mit ansehen musste. Pech für Harry Wörz, dass ihn weder sein Sohn noch seine Ex-Frau entlasten können - oder Glück, falls er es doch war. Sicher ist nur eins: Es handelt sich um einen der kompliziertesten Fälle der deutschen Kriminalgeschichte, bei dem Ermittler und Gerichte seit nunmehr zwölf Jahren immer wieder an die Grenzen des Strafrechts stoßen.

Einmal rechtskräftig verurteilt und einmal aus Mangel an Beweisen frei gesprochen, steht der gelernte Gas- und Wasserinstallateur Harry Wörz aus Gräfenhausen bei Pforzheim seit dieser Woche zum dritten Mal wegen versuchten Totschlags vor Gericht. Bereits zweimal landete der Fall vor dem Bundesgerichtshof. Im Mai wird der Angeklagte 43 Jahre alt. Ein gutes Viertel seines Lebens verbrachte er als Angeklagter und immer unter dem Vorbehalt, jederzeit wieder ins Gefängnis zu müssen. Und bis heute schwört Harry Wörz "bei Gott", dass er es nicht war.

"Gottes Geisel"

Weil das sein einziger Zeuge ist, gaben ihm seine Mithäftlinge schon in der Untersuchungshaft den Spitznamen "Gottes Geisel". Dahinter steckt vermutlich mehr Respekt als Spott: So dumm kann in den Augen erfahrener Knackis gar keiner sein, denn mit ein wenig "Tateinsicht" und ein bisschen guter Führung wäre Wörz inzwischen auch regulär längst wieder ein freier Mann.

Dieser Fall ist auch ein Musterbeispiel für den Rechtsgrundsatz, dass im Zweifelsfall die Zweifel immer dem Angeklagten gutzuschreiben sind - aber auch dafür, wie verzweifelt sich die Justiz im Zweifel dagegen wehrt. Denn Zweifel und Widersprüche gab es in diesem Fall immer genug. Es fängt damit an, dass Harry Wörz kein Motiv hat. Seine Frau Andrea und er leben im April 1997 seit einem Jahr getrennt. Die Scheidung steht an. Alle zwei Wochen sieht er Kai und hat noch am Tag vor der Tat einen hoffnungsvollen Termin bei seiner Anwältin, wo er erfährt, wie sich der Umgang künftig gestalten wird. Angeblich schläft er danach die ganze Nacht.

Andreas neuer Liebhaber Thomas H. dagegen steht mächtig unter Druck. Er arbeitet auf dem gleichen Revier wie sie. Als ihr sogenannter Bärenführer soll er Andrea Wörz, geborene Zacher, eigentlich zur Polizeihauptmeisterin ausbilden, verbringt aber auch die Freizeit öfter mit ihr als mit der eigenen Familie, so auch am Wochenende zuvor. Weil ihm seine Frau deshalb mit Scheidung droht, habe er sich, so seine Aussage, ausgerechnet in der Tatnacht mit ihr versöhnt. Um 5.30 Uhr haben sie sogar Sex, das erste Mal seit Monaten. Seine Frau bestätigt dieses Alibi in allen Verhandlungen, obwohl sie inzwischen voneinander getrennt leben.

Böse Vorahnung

Auch Andreas Eltern führen bis zu dieser Nacht nur noch nach außen ein gemeinsames Leben: Ihre Mutter duldet Geliebte; Vater Wolfgang Zacher findet das "ganz normal" nach über 20 Jahren Ehe. Ab und zu flüchtet er ins Haus seiner Tochter nach Birkenfeld, wie es der Zufall will, auch an jenem 27. April, seinem 49. Geburtstag. Andrea überrascht ihn noch mit einem selbst gebackenen Kuchen. Der Vater bedankt sich gerührt mit einem 100-Mark-Schein - für ihn der Beweis, "was für ein gutes Verhältnis wir hatten". Dabei dreht er sich zu ihrem Rollstuhl um: "Nicht wahr, Andy?" Doch Andrea Zacher schweigt nur mit offenem Mund.

Jedes Wochenende haben sie früher zusammen trainiert, er und sein einziges Kind, "Polizistin und Sportlerin durch und durch genau wie ich". Im Keller stehen noch ihre Pokale. "Und jetzt … Ich bin doch auch Opfer", sagt Wolfgang Zacher und weint hemmungslos. Es gefiel ihm nie, dass sie wie ein Henker Motorrad fuhr, sich tätowieren ließ - "auch unterhalb des Bauchnabels!" Ihre Freunde hat der Vater regelmäßig im Polizeicomputer überprüft. Und dass es mit diesem arbeitslosen Installateur, "diesem Wörz", kein gutes Ende nehmen würde, habe er schon immer geahnt: "Keine Arbeit, kein Geld, nur diesen Rocker-Club."

Geschämt habe er sich zur Hochzeit und ja, auch versucht, seine Tochter zur Abtreibung zu überreden. Als Andrea endlich bei Harry auszieht, schenkt ihr der Vater vor Freude ein Haus. "Bei Zachers wohnt keiner zur Miete", sagt er - und überhaupt: Nie habe es dem Mädel an etwas gefehlt. Wieder dreht er sich zu ihr um: "Stimmt doch, Andy, oder?" Sie fängt da plötzlich an zu schreien.

Konfuse Ermittlungen

Ihre letzten deutlichen Worte hört ein Nachbar. Er wohnt etwa 30 Meter entfernt und wacht vom Geschrei eines Mannes auf: "Ich bring dich um! Ich schlag dich tot! Das kannscht met mir net mache!" Er sieht Licht in Andreas Schlafzimmer und hört sie flehen: "Mach mir doch nichts!" Weil es danach ruhig bleibt, legt er sich wieder hin. Wenige Minuten später will ihr Vater Wolfgang, der im Souterrain schläft, von "Gerumpel" über ihm aufgewacht sein. Es ist 2.34 Uhr, das weiß er genau, weil im selben Moment seine Armbanduhr klingelt - wie jede Nacht, seit er sie im letzten Urlaub so eingestellt hat. "Ein komischer Zufall, sicher", das gibt er zu.

Er steigt die Kellertreppe hinauf, erinnert er sich später, aber die Tür zum Erdgeschoss lässt sich nur einen Spalt öffnen. Dahinter sieht er die Beine seiner Tochter, dann haut ihm plötzlich jemand von innen die Tür vor den Kopf. Er ruft, stemmt sich dagegen, stürzt kopflos in den Keller und wieder hinauf. Da steht die Tür plötzlich offen, der Täter ist weg. Nur der kleine Kai sitzt im Ehebett und weint nicht einmal. Seine Tochter liegt leblos am Boden. Zacher löst den Schal von ihrem Hals und ruft seine Kollegen an. Auf dem Band der Notrufaufzeichnung schluchzt er und keucht, dass es keine Einbruchsspuren gebe. Auch einen Verdacht hat er sofort parat: Thomas H., der Kollege von der Polizei und Andreas Liebhaber, oder "der Wörz".

Alle Ermittlungen stützen sich danach vor allem auf Zachers Angaben. Pforzheimer Polizisten, so lesen sich die Akten, ermitteln nach den Verdächtigungen eines Pforzheimer Polizisten vor allem die Unschuld von Pforzheimer Polizisten. Allein das hat ein "Geschmäckle", wie man hier sagt. "Sicher gab es Versäumnisse. Aber schließlich war der Staatsanwalt Herr des Verfahrens", sagt dazu später der Pforzheimer Kripo-Chef Hans Jäger. "Da muss ich mich schon auf die Beamten verlassen können", kontert der Staatsanwalt. Im Nachhinein sind sich alle einig, dass man den Fall sofort an eine andere Polizeidirektion hätte abgeben müssen.

Nicht einmal die Autos der drei Verdächtigen werden sofort untersucht. Dafür wuselt Wolfgang Zacher immer noch am Tatort herum. Spuren werden verschleppt oder - wie es später heißt - aus "ermittlungsökonomischen" Gründen gar nicht erst ausgewertet. Die Tagebücher von Andrea Wörz verschwinden. Später tauchen zwei alte kurz wieder auf. Zuerst schließen die Ermittler Andreas Vater als Täter aus, weil "dessen Verhältnis zu seinem einzigen Kind harmonisch und konfliktfrei war". Auch ihrem Liebhaber und dessen Aussagen über die Versöhnungsnacht mit seiner Frau bescheinigen die Kollegen "volle Glaubwürdigkeit". Übrig bleibt Harry Wörz, der kein Polizist ist.

Übernommen aus ... Stern Stern
Ausgabe 18/2009

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KOMMENTARE (9 von 9)
 
Slartibartfast (04.05.2009, 15:21 Uhr)
Kein Ruhmesblatt...
2005 hatte ich bei einem Besuch Mannheims die Gelegenheit, mir einmal selbst ein Bild von diesem verfahrenen Fall zu machen: Als Zuschauer im Gerichtssaal war ich entsetzt über das, was ich da zu dem unmöglichen Ablauf der Ermittlungen erfahren musste und dachte nur: Hoffentlich ist so etwas wirklich nur eine krasse Ausnahme - sonst kann es jedem schnell passieren, der dummerweise zur falschen Zeit am falschen Ort war oder unglücklicherweise die falschen Leute kennt, plötzlich auf der Anklagebank zu sitzen...
Ob Wörtz der Täter war oder nicht, dazu will ich mir kein Urteil anmaßen.
Aber dass Polizisten in einem Fall aus dem eigenen Familien-/Freundeskreis "ermitteln" dürfen, zumal wenn Kollegen zeitweise zu den Tatverdächtigen gehören, und dass dies offensichtlich so schlampig - um nicht zu sagen tendenziös - geschieht, sollte in Deutschland eigentlich unmöglich sein. Die Bananenrepublik lässt grüßen.
unglaeubiger (04.05.2009, 10:55 Uhr)
Think-Smart
richtig!
so einem "gutachter" eine plattform zu geben ist die größte unverschämtheit.
an den ohren hat er ihn erkannt.
die gesamte verhandlung war ein witz.
3 zeugen werden einfach ignoriert und in meinem fall bedroht.
nürnberg hat einer der höchsten aufklärungs quoten. da spielt es keine rolle ob schuldig oder unschuldig, die "götter in schwarz lassen sich feiern.
freisler lässt grüssen.
kahame (04.05.2009, 10:03 Uhr)
@Clibanarius
Den mit den kleinen grünen Männchen fand ich jetzt gut. :D
kokablue (04.05.2009, 08:33 Uhr)
Der Vater wars
zumindest wenn man den Beitrag liest.
Und ich könnte mir das durchaus vorstellen..
Think-Smart (04.05.2009, 07:24 Uhr)
Ungläubiger
Sie beschreiben hier offensichtlich den Fall Stellwag. Gutachter liefern der Justiz Gefälligkeitsgutachten, die vor Parteilichkeit und Manipulation nur so stinken. Die Justiz hat daraus nichts gelernt, vielmehr mutet es wie eine Bedienungsanleitung zur Quotenerfüllung an. Es geht unvermindert weiter. Buchempfehlung: Bossi - Halbgötter in schwarz.
unglaeubiger (04.05.2009, 00:05 Uhr)
gute quote, einer muß verurteilt werden
ein bekannter von mir, wurde zu 9 jahren wegen bankraub verurteilt.
eine tankstellenangestellte, eine kioskbesitzerin und ich haben bezeugt das er sich einige 100 km vom tatort entfernt aufgehalten hat.
er konnte unmöglich der täter sein.
vor der verhandlung bedrohte mich der staatsanwalt: bleiben sie bei ihrer aussage gehen sie selber in haft!
jedenfalls war die kiosk besitzerin zu alt und hat sich wohl vertan.
die tankstellenbesitzerin hat sich im tag getäuscht und ich war sein freund und habe ihm mit meiner aussage geholfen.
9 jahre war mein bekannter in haft.
da er ja uneinsichtig war und die tat nie zugegeben hat, gab es keine vergünstigungen und keine 2/3.
4 wochen nach seiner entlassung hat der wahre täter gestanden (lebensbeichte).
die haftentschädigung war ein witz.
leider wurde der mann auch noch krank in haft und brauchte eine besondere ernährung, die von der haftentschädigung abgezogen wurde.
zu der ach so tollen polizei sei noch zu sagen: in mehreren mir bekannten fällen, fragten kriminelle bei " ihren polizeifreunden" nach, ob denn der neue kunde vieleicht ein V MANN sei. es lebe die bananenrepublik
soondecember (03.05.2009, 23:16 Uhr)
menschenunwürdig..
Unter Mordverdacht zu stehen ist eine absolut belastende Situation, ich möchte mal ganz allgemein auf beispielsweise die Massengentests hinweisen, nachdem man nun weiss dass die LKA-Labors fahrlässig gearbeitet haben (Serienmörderin war nur DNA der Tupferstäbchenfabrikarbeiterin), tja...
Niemand hat es verdient 12 Jahre lang verdächtigt zu werden, das ist eine endlose Folter und widerspricht elementaren Menschenrechten, z.B. auch der im Grundgesetz geschützten Menschenwürde.
Clibanarius (03.05.2009, 22:40 Uhr)
Polizeibeamte....
...sind alle die Korrektheit und Integrität in Fleisch und Blut, über jeden Verdacht erhaben. Nur in billigen und schlechten Hollywood-Streifen kommt Mauschelei unter Cops, Unterschlagung von Beweismaterial und das Legen von falschen Spuren und Fährten vor - ganz zu Schweigen von versuchtem Mord/Totschlag. Heute morgen habe ich in meinem Garten kleines, leuchtendes und schwebendes tassenähnliches Dings gesehen. Aus ihm entstiegen 2 grüne Männchen und entführten meinen sich heftig wehrenden Gartenzwerg.
Greeper (03.05.2009, 22:02 Uhr)
"werder" !
Bischen viel Fussball geguckt, oder?
"... kann ihn werder be- noch entlasten"
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