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26. April 2009, 12:31 Uhr

Das Dreckloch

Der Salzstock Asse löst sich langsam auf. In ihm liegt nicht nur atomarer Abfall, sondern auch Arsen und Blei. Das "Versuchsendlager" wird zu Deutschlands gefährlichster Deponie. Von Wolfgang Metzner

Asse, Endlager, Deponie

Ein Bergmann misst die Strahlung vor der Kammer 12 in 750 Meter Tiefe. Aus den Räumen treten radioaktive Stoffe wie Cäsium 137 und Kobalt 60 aus© Jörg Sarbach/AP

Man sieht nichts. Man spürt nichts. Man ahnt nicht, was man unter den Füßen hat, wenn man zwischen Buchen und Wiesen die Wanderwege an dem sanften Höhenzug bei Wolfenbüttel hochsteigt. Weit oben, halb versteckt in einer Senke, ein ehrwürdiger Förderturm und alte Backsteingebäude, wie aus einem Industriemuseum. Darunter liegt eine Zeitbombe, die lautlos tickt.

490 Meter rauscht der Förderkorb in dem dunklen Schacht in die Tiefe, zehn Meter pro Sekunde. Am Ziel, im Zwielicht einer Wandnische, bewacht die heilige Barbara, Schutzpatronin der Bergleute, den Eingang zu einer monströsen Unterwelt: 14 Geschosse aus kilometerlangen Tunneln und kirchengroßen Kammern. Irgendwo hier, in verschlossenen, lichtlosen Hohlräumen, verrotten 126.000 Fässer mit radioaktiven Abfällen, während Wasser an Stalaktiten von der Decke tropft.

"Atommüll hätte niemals hier eingelagert werden dürfen", sagt Wolfram König, Präsident des Bundesamts für Strahlenschutz, "jeden Tag fangen wir hier unten zwölf Kubikmeter Wasser auf, die aus dem Deckgebirge einsickern." König, neben dem ein Strahl wie aus einem Badewannenhahn in ein Becken plätschert, ist seit Jahresbeginn für die "Asse II" zuständig, nachdem der frühere Betreiber die Probleme in dem "Versuchsendlager" jahrelang verharmlost und die Flüssigkeit einfach verklappt hatte. Seine Behörde soll jetzt das marode Bergwerk sanieren, und König ist inzwischen sicher, dass er "eines der größten Umweltprobleme Deutschlands" geerbt hat: Das Desaster um das strahlende Dreckloch hat noch dramatischere Dimensionen, als bisher bekannt war (siehe stern Nr. 8/2008). "Keiner kann sagen, ob nicht morgen oder übermorgen unaufhaltbare Wassermengen zutreten", sagt König, "dann könnten ganze Pfeiler und Kammerdecken zusammenbrechen." Und immer wieder kommen neue Skandale um die Altlast ans Licht.

Einzementiertes Arsen

Denn in dem ehemaligen Salzbergwerk sind nicht bloß schwach- und mittelaktive Nuklearabfälle untergebracht worden. In der Asse schlummert auch das Gift Arsen. Als die Bayerische Warenvermittlung landwirtschaftlicher Genossenschaften AG im Jahr 1967 Pflanzenschutzmittel loswerden wollte, fand sie einen willigen Abnehmer in der Münchner Gesellschaft für Strahlenforschung (GSF), damals Betreiber der Atomkippe. Nach kurzem Schriftwechsel - "Wir hoffen, Ihnen damit gedient zu haben" - wurde ein 50-Liter-Fass mit einzementiertem Arsen auf die 750-Meter-Sohle versenkt.

Niemand weiß, wie dicht es heute noch ist. Nach einem internen Inventar von 2003 liegen hier insgesamt 497 Kilogramm Arsen unter der Erde - 0,1 Gramm können für einen Menschen tödlich sein. Dazu kommen weitere hochgiftige Stoffe wie Quecksilber, Cyanide und mehrere Tonnen Blei.

Und auch die radioaktiven Substanzen, die in der Asse landeten, waren keineswegs, wie oft behauptet, bloß harmlose Röntgenabfälle. Irgendwo im Salz ist Plutonium mit einer Halbwertszeit von 24.000 Jahren eingepökelt, vermutlich rund acht Kilo. Viele der rund 1300 mittelaktiven Fässer strahlten so stark, dass sie dicke Abschirmungen brauchten, damit die Arbeiter keine lebensgefährliche Dosis abbekamen. Auf Begleitlisten für Fässer aus Reaktoren in Karlsruhe und Jülich ist sogar von "Kernbrennstoffen" und "Brennelementen" die Rede. Sie wurden offenbar mit ande rem Material so vermischt, dass sie die Aufnahmebedingungen erfüllten. "Alle damals in Betrieb befindlichen Kernkraftwerke haben hierher direkt oder indirekt angeliefert", sagt König, "wir wissen noch nicht, was im Einzelnen hier eingelagert worden ist."

Die Geschichte rekonstruieren

Wie Detektive durchforsten Spezialisten des Bundesamts jetzt alte Unterlagen, um die oft per Hand gekritzelten Angaben zu prüfen. 220 Aktenordner haben sie inzwischen vom Helmholtz-Zentrum München, dem vorherigen Betreiber, erhalten - wenn auch erst nach "langen, langen Diskussionen", wie König klagt. Damit wollen sie die Geschichte der Asse rekonstruieren - eine Geschichte, die von Anfang an voller Lügen und Leichtfertigkeit war.

Lesen Sie auf der zweiten Seite, warum ausgerechnet das Bergwerk Asse als Endlager ausgwählt wurde.

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Ausgabe 17/2009

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