13. Juli 2010, 11:27 Uhr

Kalaschnikow unterm Schleier?

Niqabs und Burkas machen vielen Angst. Offfenbar auch den Franzosen, wo das Parlament am Dienstag für ein landesweites Burkaverbot stimmte. Claudia I. aus München trägt selbst einen Gesichtsschleier. Für sie ist er ein Stück Freiheit. Ein Porträt. Von Manuela Pfohl

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Claudia I. aus München fällt auf, wenn sie mit ihrem Niqab in München unterwegs ist.©

Neulich im Baumarkt gab es wieder so eine Situation. Claudia I. prüfte verschiedene Sägeblätter auf ihre Tauglichkeit, weil sie das nötige Werkzeug für die Schulbastelarbeiten ihrer Tochter besorgen wollte. Den älteren Herrn, der nebst Gattin in der Regalreihe hinter ihr stand, hatte sie zunächst gar nicht bemerkt. Sie nahm ihn erst wahr, als er entrüstet forderte, sie solle auf der Stelle verschwinden. "Der war wohl einfach mit der Situation überfordert, dass ihm ausgerechnet im Baumarkt eine verschleierte Frau gegenübersteht", meint die 32-Jährige amüsiert. Denn die Münchnerin trägt einen Niqab, einen Schleier, der ihr Gesicht verhüllt und nur einen schmalen Schlitz für die Augen unbedeckt lässt. Für die einen ist der Niqab - ebenso wie die Burka - wahlweise ein Symbol der Unterdrückung der Frau oder der Radikalisierung im Islam. Für die anderen, Frauen wie Claudia I., ist es eine religiöse Notwendigkeit.

Die Würde der Frau kostet 150 Euro

Auch als sie an einem Wochenende im Café eines Münchner Einkaufszentrum sitzt, fällt die Muslima auf. Wenn die junge Frau ihren Latte Macchiato trinken will, muss sie den Schleier vor ihrem Gesicht etwas anheben, das Glas vorsichtig unter den Stoff schieben und aufpassen, dass sie dabei nirgends "aneckt". Eine mühselige Angelegenheit, wie es scheint. "Ach was", winkt sie ab. "Das geht schon. Ein Problem mit meinem Schleier haben doch eher die anderen." Die blauen Augen blitzen angriffslustig. Käme jetzt jemand und würde sie fragen, warum sie an diesem warmen Tag mit einem langen schwarzen Kleid und bis zu den Ellenbogen reichenden Handschuhen im Café sitzt, statt in einem Minikleid, würde sie erzählen, dass sie die streng islamischen Kleidervorschriften gern einhält, weil sie sich damit einfach wohler fühlt. Doch es fragt keiner. Die Tische nebenan bleiben frei. "Wahrscheinlich fürchten die Leute, ich hab unterm Schleier eine Kalaschnikow versteckt", meint Claudia I. spöttisch.

Im April hat die belgische Abgeordnetenkammer fast einstimmig ein Gesetz gebilligt, das das Tragen von Burkas und Niqabs in Belgien verbietet. Auch Österreich und die Niederlande erwägen ein Verbot. Frankreich macht nun Ernst: Am Dienstag verabschiedete die französische Nationalversammlung ein Gesetz, das die Burka im ganzen Land verbietet. Die Mehrheit war erdrückend: 336 zu 1. Bei dem Gesetz, so wird versichert, gehe es nicht um einen generellen Terrorismusverdacht gegen verschleierte Muslimas. Präsident Nicolas Sarkozy erklärte vielmehr: "Es ist unerträglich, dass in unserem Land Frauen in einem Gefängnis aus Stoff leben, ohne eigene Identität und ohne sozialen Kontakt. Das passt nicht zu Frankreichs Bild von der Würde der Frau." Geht es nach der französischen Justizministerin, dann sollen verschleierte Frauen künftig 150 Euro Geldbuße zahlen, wenn sie mit Burka oder Niqab in der Öffentlichkeit erwischt werden.

Ärger mit Alice Schwarzer

Ein harscher Verfolgungsdruck, der den schätzungsweise rund 100 verschleierten Muslimas hierzulande vorerst nicht droht. Denn Bundesinnenminister Thomas de Maiziere (CDU) hält ein entsprechendes Gesetz in der Bundesrepublik für "unangemessen und nicht erforderlich".

Dass ausgerechnet Ikonen der Emanzipation wie etwa Alice Schwarzer querschießen und für ein Verbot plädieren, ärgert Claudia I. maßlos. Mit der Behauptung, Niqab und Burka seien äußere Zeichen radikalislamischer männlicher Herrschaftsausübung, degradiere die Frauenrechtlerin die entsprechenden Muslimas pauschal zu willenlosen Objekten, die keine eigenen Entscheidungen treffen könnten. "Wie verträgt sich das denn mit der Würde der Frau", fragt die Münchnerin. Nicht ihre Kopfbedeckung ist für Claudia I. das Problem, sondern die Reaktionen der anderen.

Bei jedem Weg zum Supermarkt, jedem Besuch mit ihren Kindern auf dem Spielplatz oder beim Umgang mit Behörden seien Skepsis und Hass zu spüren, berichtet sie, ebenso wie die stets im Raum stehende Frage: Was ist denn das für eine?

Jeans, Buddhismus und Dreifaltigkeit

Claudia I. wird 1978 in Dresden geboren. Ihre Mutter arbeitet als Industriekauffrau, der Vater als Elektriker. Die Tochter macht einen guten Schulabschluss. Sie mag die Werkstatt, die im Keller eingerichtet ist. Sägen, bohren, bauen ist ihr Ding. Sie trägt Jeans und T-Shirts, hört die Musik, die alle hören und hat die Zweifel, die alle Jugendlichen haben. "Meine Familie ist nie religiös gewesen. Und mich hat das als Kind auch überhaupt nicht interessiert. Aber als Jugendliche fing ich an, nach dem Sinn des Lebens zu suchen. Ich hatte einfach das Gefühl, dass mir noch irgendwas fehlte."

Claudia will Krankenschwester werden und macht ein Ausbildungspraktikum in einem christlich geprägten Pflegeheim. Sie hofft, Antworten auf ihre vielen Fragen zu finden. Doch die Erklärungen des Pastors zur Dreifaltigkeit und Jungfrauengeburt überzeugen sie nicht. Auch der Ausflug in die Welt des Buddhismus schafft keinen emotionalen Gewinn.

Aus Sehnsucht wird Gewissheit

Es ist ein Trip nach Marokko, der im Jahr 1996 alles verändert. Claudia wohnt bei einer einheimischen Familie, ist begeistert vom Umgang miteinander und dem im Alltag praktizierten Glaubensbekenntnis der Muslime. Sie sagt: "Ich habe alles was ich vom Islam sah und hörte aufgesogen wie ein Schwamm und hatte das Gefühl, überhaupt nicht genug kriegen zu können." Aus der Neugier wird Sehnsucht. Aus der Sehnsucht Gewissheit. Im Oktober 1998 konvertiert Claudia I. zum Islam. Im Islamischen Zentrum München spricht sie die Shahada: "Aschhadu an la ilaha illa llah, wa aschhadu, anna Muhammadan rasulu llah. Ich bezeuge, dass niemand das Recht hat, angebetet zu werden außer Allah und ich bezeuge, dass Muhammad der Gesandte Allahs ist."

Sie bekommt einen Job als Krankenschwester in einer städtischen Klinik, heiratet ein Jahr später einen Marokkaner, der in Deutschland Medizin studiert. Und sie trägt ein Kopftuch, schon damals, wohl wissend, dass sie damit eine "Angriffsfläche" bietet. "Ich wollte einfach ehrlich sein, meinen Glauben nicht nur mit mir selbst leben, sondern auch in der Öffentlichkeit dazu stehen. Und eine Kopfbedeckung gehört für mich zwingend dazu", erklärt die Münchnerin. Die Entscheidung erwies sich zumindest im Job nicht als nachteilig. "Mein Chef hatte Verständnis für mich, und auch die Patienten kamen gut mit mir und meinem Kopftuch klar."

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