Die Akte Fritzl

31. Dezember 2008, 10:49 Uhr

Es war ein Jahrhundertverbrechen: 24 Jahre hält Josef Fritzl seine Tochter im Keller gefangen. Er quält, prügelt, vergewaltigt sie. Die Anklageschrift und ein psychiatrisches Gutachten schildern seine Grausamkeit. Im März wird ihm in Österreich der Prozess gemacht. Von Christian Parth und Michael Streck

Josef Fritzl, Amstetten, Inzest, Vernehmungsprotokoll, Mordanklage

Handgeschriebene Wünsche von Elisabeth F. stehen auf einem Dankes-Plakat©

Er sitzt im Gefängnis für ein Jahrhundertverbrechen. Er hat seine Tochter gefangen gehalten, gequält, geschlagen, vergewaltigt, 24 Jahre lang, 8641 Tage. Sieben Kinder ließ er sie austragen in der Dunkelhaft. Im März wird ihm der Prozess gemacht. Josef Fritzl, 73 Jahre, wird wohl für den Rest seines Lebens weggesperrt. Aber Josef Fritzl sieht sich bald wieder in Freiheit. Er hat Pläne. Er arbeitet daran. Fritzl teilt sich seine Zweimannzelle in St. Pölten mit einem, wie der Anstaltsleiter Oberst Günther Mörwald sagt, "geeigneten Insassen". Zwölf Quadratmeter, getrennte Sanitäreinheit, Sessel, Bett, Tisch, ein Fernseher mit Satellitenanschluss, ein Radio. Fritzl bekommt Briefe von Kirchen, in denen steht, dass selbst seine Seele zu retten sei. Er darf zwei- bis dreimal in der Woche duschen und einmal am Tag für eine Stunde die Zelle verlassen und sich auf dem Innenhof bewegen. Sein Leben im Knast ist Luxus verglichen mit dem seiner Tochter im Kellerverlies, die er ein knappes Vierteljahrhundert lang missbrauchte vor den Augen ihrer Kinder, die zugleich ihre Halbschwestern und Halbbrüder sind und deren Vater und Großvater er ist.

Sie saßen bis vor wenigen Tagen gleichfalls hinter dicken Mauern, auf dem Gelände des Landesklinikums bei Amstetten. Inzwischen sind sie zwar entlassen worden, aber von einem normales Leben weit entfernt. Niemand kann sagen, ob sie es überhaupt jemals haben werden.

Josef Fritzl wird in St. Pölten behandelt wie jeder andere Straftäter. Es kursierten viele Geschichten und noch mehr Gerüchte, andere Gefangene trachteten ihm nach dem Leben und er müsse sich unentwegt beschimpfen lassen als Teufel und Schande. Aber das scheint Unfug. "Den anderen Gefangenen", sagt Oberst Mörwald, "ist er ziemlich wurscht." Anfangs war es wohl so, "dass geeignete Mitinsassen" darauf achten sollten, dass er sich nicht selbst "richtet". Aber Josef Fritzl, das wird schnell klar, ist keineswegs selbstmordgefährdet. Er glaubt, dass die Mordanklage gegen ihn kollabieren wird. Glaubt, dass er in einigen Jahren wieder freikommt und er seinen Lebensabend verbringen kann mit Ehefrau Rosemarie, die er behandelte wie Dreck, während seine Tochter und Zweitfrau Elisabeth im Keller vegetierte mit den Kindern, Opfer von mehreren Tausend Vergewaltigungen in sonnenlosen 24 Jahren auf anfangs 18,64 Quadratmetern, erweitert später auf 40,02.

Erziehung mit harter Hand

Das also glaubt Josef Fritzl, Sohn der Maria N., die ihrerseits aus einer kaputten Familie stammt. Tochter einer Magd, außerehelich geboren, ein Stigma in den Zeiten und Verhältnissen Anfang des vergangenen Jahrhunderts. Ihr Männerbild, heißt es im psychiatrischen Gutachten über Josef Fritzl, war zeitlebens gestört, und genau das bekommt er als Kind mit aller Brutalität zu spüren. Maria heiratet einen Mann, der sie aber wieder fallen lässt im Glauben, sie sei unfruchtbar. Sie widerlegt das, indem sie sich von einem anderen schwängern lässt, "dem sie emotional nicht zugetan war und den sie nur zum Zweck der Zeugung gebrauchte". Die Frucht dieses kühl kalkulierten Aktes ist Josef Fritzl, der mit seiner Geburt am 9. April 1935 bereits seine Funktion erfüllt hat und - wie es im Gutachten heißt - "in weiterer Folge bestenfalls eine Kalamität, schlimmstenfalls eine Belastung und Plage war, jedenfalls aber kein Wesen, dem Zuwendung, Zuneigung, Achtung, Fürsorge oder gar Liebe entgegengebracht wurde".

Maria erzieht ihren Josef mit harter Hand in jenem Haus, Ybbsstraße 40, das Jahrzehnte später auf schaurige Art weltberühmt werden soll. Maria schlägt ihren Josef. "Sie prügelte und trat mich, bis ich am Boden lag und blutete ... Ich hatte Angst vor ihr, schreckliche Angst vor ihrer Unberechenbarkeit, vor ihren Schlägen ...", gibt Fritzl in Haft zu Protokoll. Als Kleinkind leidet er an einer Phimose, einer schmerzhaften Verengung der Vorhaut, aber erst auf Drängen einer Nachbarin wird er behandelt. Josef ist in den Augen der Maria ein Nichtsnutz. Doch das Martyrium des jungen Josef fällt nicht weiter auf in Amstetten. Harte Erziehung ist normal. Härte gilt - zumal im Nationalsozialismus - als Merkmal von Disziplin und Ordnung.

Die dunkle Seite des Josef Fritzl

Fritzl geht erst auf die Volks-, dann auf die Hauptschule. Nie darf er Klassenkameraden mit nach Hause bringen - so wie er viele Jahre später auch bei seinen Kindern keinen Besuch von Freunden dulden wird. Seine Mitschüler erinnern sich an Josef Fritzl als wachen, guten Schüler. Karl Dunkl und Fritz Leimlehner erzählen von Josef, dem Sepp oder Bepperl, als einem dürren Kerl mit dunklen Haaren, der nie über seinen Vater redete. Sie dachten sich nichts dabei, denn es war Krieg, und "vielleicht war der Vater ja draußen geblieben, das war ja nicht unüblich". Manchmal spielen sie Cowboy und Indianer im Wald, Fritzl fällt dabei nicht auf, "er war kein Typ für den Häuptling". Die alten Herren erzählen, dass ihre Mütter zuweilen Mitleid hatten mit dem schmächtigen Josef und ihm Brote schmierten. Sie erinnern sich auch dunkel an dessen Mutter Maria und das Haus in der Ybbsstraße, das für sie tabu war. Aber sie erinnern sich nicht, dass Fritzl jemals klagte über die despotische Mutter.

Doch in dieser Zeit, so das psychiatrische Gutachten, entsteht "sein Bedürfnis, eine Person ganz für sich zu besitzen - seine Begierde nach unstörbarer, durch keine äußeren Faktoren lösbare Bindung, nach einem Naheverhältnis". In dieser Zeit wird der Sepp zum Mann, deutlich vor seinen Klassenkameraden, weil er zwei Jahre später eingeschult worden ist und nun körperlichen Vorsprung hat. Und als die Hormone durchschlagen und der Sepp erstmals nach den Röcken schaut, fängt er an, sich fesch zu kleiden. Mit Brillantine frisiert er sich vor dem Unterricht eine rockige "Gatschwellen", wie die Tolle im Dialekt genannt wird. Die Kameraden lachen. In dieser Zeit entwickeln sich auch jene Charaktereigenschaften, die ihn zu einem menschenverachtenden Sadisten machen sollen. Es entsteht das, was Fritzl selbst als seine "dunkle Seite" bezeichnet. Er wird die Welt später einteilen in hell und dunkel, in oben und unten.

Übernommen aus ... Stern Ausgabe 01/2009

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