Ein Leben wie im Mafia-Epos: Cem Gülay war wütend, brutal, intelligent - und machte eine atemberaubende Gangsterkarriere. Nun warnt der Deutschtürke vor einer verkorksten Integrationspolitik. Von Uli Rauss

Sie waren jung. Sie waren cool. Cem Gülay im September in der City Nord in Hamburg© Timmo Schreiber
Es war eine verdammt geile Zeit. Sie waren jung, sie waren cool. Sie rauschten in ihren Porsche-Cabrios um die Binnenalster, die goldene Rolex-Daytona an der Linken. Sie wurden durchgewinkt in die VIP-Lounges der besten Hamburger Clubs, hofiert mit Champagner auf Kosten des Hauses. Ihre Koksparties feierten sie auf Sylt und in Timmendorf, auf Ibiza und in Miami. Sie waren Türken, sie waren organisiert, und sie hatten alles, Geld, Blondinen, Macht, Respekt. Alles, wovon sie als Kinder in Hochhaussiedlungen am Rande der Stadt geträumt hatten.
Nach einer Feier mit über 100 Gangstern im Meyer Lansky am feinen Gänsemarkt wollten einige Gäste die Party in einen Edelpuff verlegen und rasten im Morgengrauen sturzbetrunken mit 200 Sachen durch Hamburg. Zwei von ihnen schossen aus fahrenden Autos mit scharfer Munition auf die roten Ampeln an der Hoheluftchaussee. Die Polizisten im Schlepptau hielten niemanden an.
Sam fühlte sich unantastbar. Sein Pate war der legendäre Türke Musa A., der für einen Mord auf offener Straße mit einer Pumpgun sieben Jahre Knast abgesessen hatte und dann Mitte der Neunziger mit seiner brutalen "Gangster GmbH" Hamburgs Unterwelt eroberte. Es war die Zeit der wilden Schießereien mitten in der City. Musas Gefolgsleute waren hungrige türkische Migranten, und sie schossen deutsche Zuhältergrößen von deren Rotlichtthronen. Auseinandersetzungen im Milieu regelten sie mit gezielten Beinschüssen. Sie waren die neuen Herrscher am Kiez - eine Bande, die gewerbsmäßig betrog und erpresste, dealte und mordete.
Und Sam war mitten drin. Einmal gab er für 10.000 Mark einen Beinschuss in Auftrag. Seine besten Freunde ließen Mädchen anschaffen und verhökerten kiloweise harte Drogen. Sam selbst schlug ungezählte Opfer krankenhausreif. Geld beschaffte er sich als 25-Jähriger mit einer eigenen Firma. Unter Sams Anleitung betrogen 30 Angestellte in den Büros von "Atlanta" an der Börsenbrücke per Telefon Kapitalanleger um Millionen. Sam beriet zudem den Paten bei dessen Warenterminaktionen und schwor ihm ewige Loyalität, beim Blut seiner Mutter. Die beiden standen sich so nahe, dass er nicht mal an Musa A. zahlen brauchte.
Mittlerweile sind die schätzungsweise fünf Millionen Mark, die Sam nach eigenem Kalkül in seiner Gangsterzeit ergaunerte, "verballert und futsch". Mit dem Segen des Paten hat er es geschafft, aus der "Gangster GmbH" auszusteigen. Das Hamburger Landgericht akzeptierte im März 2005 Sams "von Reue und Einsicht getragenes Geständnis". Seine Untaten täten ihm heute "wirklich leid", sagt Sam. "Mein Weg war der falsche, ganz klar."
Mit seiner Biografie will dieser Cem Gülay nun aufrütteln. In einem Buch* packt er als erster Insider über die Türkenmafia und ihre Strukturen in Deutschland aus. Dabei schildert er mehr als sein rauschhaftes Gangsterleben. Er beschreibt, wie er auch zum Insider wurde für Ausgrenzung, Diskriminierung und die "total gescheiterte Integration von Türken in Deutschland". Mit der punkt- und kommalosen Atemlosigkeit eines Warenterminverkäufers, aber auch mit provokanter Logik erklärt Sam, warum junge Deutschtürken Gewalttäter werden, woraus sich ihr Hass auf Deutsche speist, warum er "diese elenden Schulen mit hohem Migrantenanteil" schließen würde - "bevor es zu spät ist und Eure Innenstädte brennen". Der aktuellen Sarrazin-Debatte liegt für Sam vor allem eins zugrunde: "Wir hassen Euch, Ihr hasst uns. Das ist nun mal Fakt, und das hat Gründe."
*Das Buch ... ... "Türken-Sam: Eine deutsche Gangsterkarriere", das Cem Gülay gemeinsam mit Helmut Kuhn geschrieben hat, ist bei dtv erschienen und kostet 14,90 Euro.