Utøya - die paradiesische Polit-Insel Norwegens wird am schwarzen Freitag zur Todeshölle für viele Menschen. Bei stern.de erzählen Augenzeugen von ihren Erlebnissen und ihrem Lebenskampf.

Khamshajniv Gunaratnam posiert fröhlich für den Wahlkampf in Oslo© Khamshajniv Gunaratnam
Utøya: Paradies. Idylle. Ein Nest für den politischen Nachwuchs. Wer in der norwegischen Sozialdemokratie etwas zu sagen hat, war in seiner Jugend regelmäßiger Gast auf Utoya. In ganz Norwegen ist die Insel für ihre Sommercamp der AUF bekannt, dem Pendant zu den deutschen Jusos.
Khamshajniv Gunaratnam, 23, genannt Kamzy, seit 2007 im Stadtparlament von Oslo und Vorstandsmitglied bei der Jugendorganisation ihrer Partei, hätte eines der Opfer von Anders Behring Breivik werden können.
Gunaratnam wollte campen, Spaß haben und über Politik reden. Wie ihre 600 Kollegen von den norwegischen "Jusos". Einen Tag zuvor, am Donnerstag, saßen die Jungpolitiker noch auf einer Wiese und lauschten ihrem Außenminister Jonas Gahr Støre. Er besuchte das Jugendlager.
Die Sonne schien, die Stimmung war locker: Sonnenbrillen, ärmellose T-Shirts, Chucks, Cappy. Etwa 600 Meter vom Festland entfernt, folgen die Nachwuchs-Politiker ihren Vorbildern.
Für Freitag haben sich besonders viele Besucher angekündigt, um die frühere Regierungschefin Gro Harlem Brundtland zu sehen. Doch statt der Politikerin besucht der Attentäter die Insel. Während Gunaratnam sich noch wegen der Anschläge in Oslo sorgt und verzweifelt ihre Familienangehörigen zu erreichen versucht, hört sie plötzlich Schüsse. Erst glaubt die junge Frau, dass es sich um einen Scherz handele und wird sauer. Als sie merkt, dass die Sicherheitsleute schreien und warnen, versteckt sie sich auf der Toilette.
Gunaratnams Stimme klingt fest und stark, wenn sie von ihrem Lebenskampf am "Schwarzen Freitag" berichtet. "Ich stehe wohl immer noch unter Schock. Ich weine nicht, ich spüre nicht, was da eigentlich passiert ist," sagt die junge Frau zu stern.de. Derzeit halten die norwegischen Sozialdemokraten rund um die Uhr Ärzte und Seelsorger in Bereitschaft. Gunaratnam sagt, sie brauche keinen Psychologen.
Die junge Frau hat ihre Geschichte aufgeschrieben und in ihren Blog gestellt. Weil sie es nicht mehr ausgehalten habe, das Unbeschreibliche immer wieder zu beschreiben: Wie sie aus der Ferne die ersten Schüsse hörte. Wie sie sich auf dem Klo versteckte. Wie sie ihr Handy in ihrem BH vergrub. Wie sie durch dornige Büsche Richtung Wasser floh und sich die Haut zerkratzte. Wie sie durch kaltes Wasser schwamm, während der Amokschütze am Ufer stand und schoss. Wie sie andere zurückkehren sah, weil das Wasser zu kalt, die Entfernung zu weit oder die Angst zu Ertrinken zu groß war. Wie sie gejagt und fast ermordet wurde. "Sieh nicht zurück, sieh immer aufs Land und sag dir, dass das dein Ziel ist", ruft hinter ihr jemand zu, während Sie um ihr Leben schwimmt.
Gunaratnam und ihr Begleiter werden schließlich von einem Boot aus dem kalten Wasser gefischt. "Auch als ich auf dem Boot war, fühlte ich mich nicht sicher", schreibt Gunaratnam auf ihrer Seite. Kazmy Gunaratnam gehörte zu den ersten, die am Ufer ankamen. "Ich konnte es einfach nicht verstehen und kann es immer noch nicht verstehen, warum ich nicht eine Träne vergieße. Ich will einfach nur raus aus diesem Zustand des Schocks," sagt die junge Frau.
Währenddessen springen immer noch Taucher ins Wasser, Suchhunde laufen am Ufer entlang, Leichenwagen warten am Straßenrand. Es ist nicht Madrid oder London. Es ist der tragischste Amoklauf der Geschichte auf einer idyllischen Insel in Norwegen.
Kazmy Gunaratnam sagt: "Diese Tat muss uns eine Lehre sein. Wir müssen den Leuten klarmachen, dass eine multikulturelle Gesellschaft funktionieren kann. Dass sie gut sein kann und stabil."
Lesen sie auf der nächsten Seite, was Augenzeuge Marcel Gleffe bei dem Attentat erlebte.