Hilfsgüter unter Haitis notleidender Bevölkerung zu verteilen, ist ein harter Job: Denn wer alles verloren hat, ist zu allem bereit, um auch nur ein bisschen zu bekommen. Zu Besuch bei UN-Soldaten in einem fast vergessenen Provinzstädtchen. Von Cecibel Romero, Leogane

Blauhelme gegen Erdbebenopfer: UN-Soldaten versuchen in Leogane die Verteilung von Wasser zu regeln© Oliver Reinhardt/Zeitenspiegel
Um die Mittagszeit fahren drei weiße Lastwagen der Vereinten Nationen in der Provinzstadt Leogane ein. Die Fünf Männer pro Auto tragen olivgrüne Uniformen und schusssichere Westen, in den Händen halten sie Sturmgewehre, auf den Köpfen sitzen blaue Stahlhelme. Die UN-Soldaten sind angespannt. Auf den ersten Blick wirkt es, als gehörten sie zu einem Aufklärungstrupp in einer Stadt, die soeben mit einem Flächenbombardement zerstört wurde. 90 Prozent aller Häuser sind zerstört, einst solide Betongebäude genauso wie Wohnungen aus Holz. Es gibt kein Rathaus mehr, keine Kirche und auch keine Polizeistation.
Leogane ist gerade einmal zehn Kilometer entfernt vom Epizentrum des Bebens vom 12. Januar. Es liegt nahe bei Port-au-Prince, auf der Straße sind es nur gut 20 Kilometer. In den ersten Tagen nach der Katastrophe war dies zu weit. Das Städtchen lag abseits der Aufmerksamkeit. Die anlaufende Hilfe konzentrierte sich ganz auf die Hauptstadt. Drei Stunden brauchen die Lastwagen für die kurze Strecke vom Flughafen bis hier her. Die Straße besteht mehr aus Schlaglöchern als aus Asphalt und zunächst muss sich der kleine Konvoi durch den inzwischen wieder chaotisch dichten Verkehr von Port-au-Prince kämpfen. Am Wegesrand stehen hunderte von Menschen, die um Lebensmittel betteln. Sie halten den Fahrern der Lastwagen Pappschilder in allen Sprachen entgegen: "We need help!". Aber auch auf deutsch: "Wir brauchen Hilfe!"
Der zentrale Platz von Leogane wurde zur provisorischen Notunterkunft für hunderte Überlebende umfunktioniert. Die Sonne brennt unbarmherzig und trocknet die dürstenden Menschen aus. Nicht nur die Ortsansässigen haben sich hier versammelt. Es sind auch Erdbebenopfer aus den zerstörten Dörfern der Umgebung gekommen. Alle hoffen, etwas von der Hilfslieferung von Caritas International abzubekommen. Die Lastwagen bringen 3000 Kanister mit Wasser, 1100 Decken, 1000 Schachteln mit Tabletten zur Aufbereitung von Wasser und chirurgische Grundausstattungen, mit deren Hilfe in den nächsten drei Monaten 5000 Menschen behandelt werden können.
Die Ladung ist die Hälfte einer Hilfslieferung, die am Mittwoch aus Deutschland auf dem Flughafen von Port-au-Prince angekommen ist. Sie sollte eigentlich viel früher da sein. Doch die US-Armee, die die Kontrolle über die Piste übernommen hat, gab vorher keine Landeerlaubnis. Die andere Hälfte der Ladung bringt die Diakonie Katastrophenhilfe nach Jacmel, einer Stadt rund hundert Kilometer südwestlich der Hauptstadt, ganz im Süden des Landes. Jacmel wurde vor nicht einmal zwei Jahren von vier aufeinanderfolgenden Wirbelstürmen zerstört. Das Wichtigste war gerade aufgebaut. Jetzt haben die Bewohner wieder alles verloren: ihre Häuser, die Schulen, das einzige Krankenhaus in der Umgebung. "Wir gehen dort hin, weil diesen Menschen sonst gar niemand hilft", sagt Astrid Nissen, die Leiterin des Büros der Diakonie Katastrophenhilfe in Haiti.
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