Im Epizentrum der Not

22. Januar 2010, 16:08 Uhr

Hilfsgüter unter Haitis notleidender Bevölkerung zu verteilen, ist ein harter Job: Denn wer alles verloren hat, ist zu allem bereit, um auch nur ein bisschen zu bekommen. Zu Besuch bei UN-Soldaten in einem fast vergessenen Provinzstädtchen. Von Cecibel Romero, Leogane

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Blauhelme gegen Erdbebenopfer: UN-Soldaten versuchen in Leogane die Verteilung von Wasser zu regeln©

Um die Mittagszeit fahren drei weiße Lastwagen der Vereinten Nationen in der Provinzstadt Leogane ein. Die Fünf Männer pro Auto tragen olivgrüne Uniformen und schusssichere Westen, in den Händen halten sie Sturmgewehre, auf den Köpfen sitzen blaue Stahlhelme. Die UN-Soldaten sind angespannt. Auf den ersten Blick wirkt es, als gehörten sie zu einem Aufklärungstrupp in einer Stadt, die soeben mit einem Flächenbombardement zerstört wurde. 90 Prozent aller Häuser sind zerstört, einst solide Betongebäude genauso wie Wohnungen aus Holz. Es gibt kein Rathaus mehr, keine Kirche und auch keine Polizeistation.

Drei Stunden Fahrtzeit für zehn Kilometer

Leogane ist gerade einmal zehn Kilometer entfernt vom Epizentrum des Bebens vom 12. Januar. Es liegt nahe bei Port-au-Prince, auf der Straße sind es nur gut 20 Kilometer. In den ersten Tagen nach der Katastrophe war dies zu weit. Das Städtchen lag abseits der Aufmerksamkeit. Die anlaufende Hilfe konzentrierte sich ganz auf die Hauptstadt. Drei Stunden brauchen die Lastwagen für die kurze Strecke vom Flughafen bis hier her. Die Straße besteht mehr aus Schlaglöchern als aus Asphalt und zunächst muss sich der kleine Konvoi durch den inzwischen wieder chaotisch dichten Verkehr von Port-au-Prince kämpfen. Am Wegesrand stehen hunderte von Menschen, die um Lebensmittel betteln. Sie halten den Fahrern der Lastwagen Pappschilder in allen Sprachen entgegen: "We need help!". Aber auch auf deutsch: "Wir brauchen Hilfe!"

Der zentrale Platz von Leogane wurde zur provisorischen Notunterkunft für hunderte Überlebende umfunktioniert. Die Sonne brennt unbarmherzig und trocknet die dürstenden Menschen aus. Nicht nur die Ortsansässigen haben sich hier versammelt. Es sind auch Erdbebenopfer aus den zerstörten Dörfern der Umgebung gekommen. Alle hoffen, etwas von der Hilfslieferung von Caritas International abzubekommen. Die Lastwagen bringen 3000 Kanister mit Wasser, 1100 Decken, 1000 Schachteln mit Tabletten zur Aufbereitung von Wasser und chirurgische Grundausstattungen, mit deren Hilfe in den nächsten drei Monaten 5000 Menschen behandelt werden können.

US-Armee blockiert Hilfslieferung

Die Ladung ist die Hälfte einer Hilfslieferung, die am Mittwoch aus Deutschland auf dem Flughafen von Port-au-Prince angekommen ist. Sie sollte eigentlich viel früher da sein. Doch die US-Armee, die die Kontrolle über die Piste übernommen hat, gab vorher keine Landeerlaubnis. Die andere Hälfte der Ladung bringt die Diakonie Katastrophenhilfe nach Jacmel, einer Stadt rund hundert Kilometer südwestlich der Hauptstadt, ganz im Süden des Landes. Jacmel wurde vor nicht einmal zwei Jahren von vier aufeinanderfolgenden Wirbelstürmen zerstört. Das Wichtigste war gerade aufgebaut. Jetzt haben die Bewohner wieder alles verloren: ihre Häuser, die Schulen, das einzige Krankenhaus in der Umgebung. "Wir gehen dort hin, weil diesen Menschen sonst gar niemand hilft", sagt Astrid Nissen, die Leiterin des Büros der Diakonie Katastrophenhilfe in Haiti.

Lesen Sie auf der nächsten Seite: Nur mit Mühe können die UN-Soldaten das Chaos verhindern. Und das schlimmste steht noch aus, wenn am nächsten Tag die Lebensmittel kommen

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KOMMENTARE (3 von 3)
 
Julian2225 (24.01.2010, 04:08 Uhr)
HBBAER,
ein super Beitrag und der eigentliche Artikel!!! Leider zu antiamerikanisch und zu nah an der Realitaet um von vielen wahrgenommen zu werden!

Das heisst halt "american interest" und falls das Interesse nachlaesst wird die heisse Kartoffel halt fallengelassen...siehe Irak, in den 80zigern und 20Jahre spaeter, siehe Chile, Nicaragua etc etc etc und auch Afghanistan wo Deutsche an dem "american interest" beteiligt ist!

und das Rettungsfluege am Landen gehindert werden zeigt das eigentliche Chaos das herrscht, nicht nur bei der Bevoelkerung Haitis!
mr.quick (23.01.2010, 06:34 Uhr)
@ hbbaer
machen Sie eine Homepage.. lassen Sie die Welt es wissen.. tragen Sie weiter Informationen zusammen mit vielen Informativen links zu diesem Thema..
hbbaer (23.01.2010, 06:21 Uhr)
Lesen Sie lieber die Wahrheit:
Die ungeheuren Opferzahlen und das Leiden, das die Menschen in Haiti durch das Erdbeben vom 12. Januar hinnehmen mussten, haben ein ungeheures internationales Verbrechen des US-Imperialismus bloß gelegt. Er hat diese Katastrophe vorbereitet, indem er das Land ein Jahrhundert lang unterdrückte und nun versucht, das Unglück für seine eigenen Ziele auszunutzen.

Die schätzungsweise 200.000 Toten, 250.000 oder mehr Verletzten und die drei Millionen Obdachlosen sind nicht einfach Opfer einer Naturkatastrophe. Die fehlende Infrastruktur, die schlechte Qualität der Gebäude in Port-au-Prince und die Macht- und Hilflosigkeit der Regierung Haitis gegenüber dem Schicksalsschlag sind ebenfalls ausschlaggebende Faktoren in dieser Tragödie.

Diese sozialen Bedingungen sind das Ergebnis einer langen Beziehung zwischen Haiti und den Vereinigten Staaten, die das Land seit seiner ersten fast 20-jährigen Besetzung durch US-Marines im Jahre 1915 de facto als koloniales Protektorat behandelt haben.

Im weiteren Verlauf der Geschichte unterstützten die USA die dreißigjährige Diktatur der Duvaliers, denen sie mehrere Kredite gewährten, die auf deren privaten Konten landeten, und die die arme Bevölkerung von Haiti zurückzahlen musste.

In den 1980er und 1990er Jahren setzte Washington eine Politik der freien Marktwirtschaft durch. Das bedeutete die Beseitigung aller Schutzmechanismen für die Landwirtschaft Haitis und die Privatisierung von Staatsunternehmen und staatlichen Dienstleistungen. Die Folge waren Massenarmut, die Abwanderung ruinierter Bauern in die Elendsviertel der Hauptsstadt Port-au-Prince sowie die Untergrabung der Regierung und der Infrastruktur des Landes. Das alles hat zu den verheerenden Auswirkungen des Erdbebens beigetragen.

Jetzt sind Millionen Bewohner Haitis unter den Augen der Weltöffentlichkeit alleingelassen worden, ohne medizinische Versorgung, Lebensmittel, Wasser oder Unterkünfte, weil amerikanische Militärtransporter Tausende Soldaten und Marines eingeflogen und damit den Flughafen blockiert haben. Währenddessen patrouillieren amerikanische Kriegsschiffe und Schiffe der Küstenwache vor den Küsten Haitis, um zu verhindern, dass irgendjemand dem Elend entfliehen kann.

Das Fehlen einer konzertierten Rettungsaktion ist kein Zufall. Ebenso wenig ist das schrecklich langsame Eintreffen von Lebensmitteln, Wasser und Medizin in auch nur halbwegs ausreichender Menge eine Frage unzureichender Logistik. Die Behauptung des amerikanischen Militärs, dass es nicht möglich sei, die traumatisierten Überlebenden des Erdbebens nur 700 Meilen vor der amerikanischen Küste mit Wasser Nahrung und anderen Lebensnotwendigkeiten zu versorgen, ist eine verachtenswerte Lüge. 2003 war es möglich innerhalb von gerade einmal zwei Wochen eine Viertelmillion Soldaten in den weit entfernten Irak zu transportieren und Bagdad zu erobern.

Wir haben es hier mit einer bewussten, bedrohlichen Politik zu tun, die von grober Gleichgültigkeit gegenüber menschlichem Leben charakterisiert ist und an Völkermord grenzt.

In der Obama-Regierung und der herrschenden Elite Amerikas wurden ganz bestimmte Überlegungen angestellt. Was bringt es, verletzte Angehörige einer verarmten und chronisch arbeitslosen Bevölkerung zu retten, die der amerikanische Kapitalismus schon längst als überflüssige Arbeitskräfte ansieht? Warum Menschen aus den Trümmern graben und medizinisch versorgen, wenn Washington dabei ist in den USA selbst die Gesundheitsversorgung zu rationieren?

Obwohl immer noch Menschen lebend aus den Trümmern zerstörter Häuser gezogen werden, betonen US- und UN-Vertreter, dass weitere Rettungsaktionen hoffnungslos seien.

Zu allermindest kann man sagen, dass das Retten von Menschenleben bei der amerikanischen Intervention in Haiti keine Priorität hatte. Wann immer Rettungs- und Hilfsmaßnahmen in Konflikt mit Washingtons vordringlichem Ziel - der militärischen Besetzung des Landes - kamen, mussten sie hinten anstehen.

Die Frachtflugzeuge, die Soldaten und Nachschub ins Land bringen, fliegen im Übrigen leer zurück. Es ist nicht erwünscht, verletzte Haitianer, die ohne ausreichende medizinische Versorgung sterben werden oder wegen fehlender medizinischer Geräte Amputationen fürchten müssen, in die USA zu bringen, wo sie behandelt und geheilt und ihr Leben gerettet werden könnte.

So offensichtlich war der Charakter der amerikanischen Militäroperation, dass selbst Verbündete in Haiti wie Brasilien, das dort die UN-Friedenstruppe leitet, und Frankreich in Washington protestiert haben. Der französische Minister für Zusammenarbeit, Alain Joyandet ging so weit, die UN aufzufordern, Washingtons Rolle zu klären. Er sagte, eigentlich sei die Mission "Haiti zu helfen, nicht es zu besetzen".

Auch Rettungs- und Hilfsorganisationen haben die militärische Reaktion der USA öffentlich verurteilt.

Die Organisation Ärzte ohne Grenzen protestierte am Dienstag, weil ihrem Frachtflugzeug mit zwölf Tonnen dringendst benötigter medizinischer Hilfsgüter schon dreimal die Landung auf dem von den USA kontrollierten Flughafen von Port-au-Prince verweigert worden sei, obwohl vorher eine Landeerlaubnis zugesichert worden war. Seit dem 14. Januar wurden fünf Flugzeuge der Organisation in die Dominikanische Republik umgeleitet. Hunderte Patienten seien deswegen schon gestorben, teilte die Gruppe mit, und Hunderte verletzte Haitianer würden jeden weiteren Tag sterben.

"Wir haben kein Morphium mehr, um die Schmerzen unserer Patienten zu lindern", sagte Rosa Crestani, medizinische Koordinatorin des Krankenhauses Choscal. "Wir können nicht akzeptieren, dass Flugzeuge mit lebensrettenden medizinischen Gütern immer wieder zurückgeschickt werden, während unsere Patienten sterben. Medizinische Lieferungen müssen Priorität erhalten."

Eine spanische in Port-au-Prince aktive Hilfsgruppe veranstaltete am Dienstag am Flughafen von Madrid eine Pressekonferenz, um die Militarisierung der amerikanischen Erdbebenhilfe in Haiti zu verurteilen. Sie warnte, dass "die Obsession mit Sicherheit" den Kampf zur Rettung von Leben behindere. Die Gruppe mit Namen Intervención, Ayuda y Emergencia erklärte, dass sie noch bei keiner Katastrophe so etwas erlebt habe, nicht in Sri Lanka und nicht in der Türkei.

Der wirkliche Charakter der amerikanischen "Hilfsaktion" drückt sich auch darin aus, dass Präsident Barack Obama seine beiden Vorgänger, George W. Bush und Bill Clinton, mit ihrer Leitung beauftragt hat. Beide haben das Blut von Haitianern an den Händen. Die Bush-Regierung zog 2004 bei dem Putsch die Fäden, der mit der Entführung und Deportation des gewählten Präsidenten Jean-Bertrand Aristide endete. Tausende fielen anschließend den von der CIA ausgebildeten Todesschwadronen zum Opfer. Clinton schickte 1994 Truppen nach Haiti.

Der Demokrat Clinton drückte gewissermaßen am offensten die Haltung der herrschenden Elite der USA aus, die von Klassenhass gegen die unterdrückten Massen Haitis und kaum verhülltem Rassismus charakterisiert ist.

In Medieninterviews lobte Clinton die Regierung von Präsident Réne Préval für ihre Bereitwilligkeit, den Forderungen Washingtons nachzukommen. Er sprach darüber, dass Haiti nach dem Erdbeben besser dastehen könne als vorher. Er behandelte das massenhafte Blutbad und die soziale Katastrophe mehr oder weniger als einen Vorstoß auf dem Weg des Fortschritts, der sich an der künftigen Zunahme amerikanischer Investitionen bemessen ließe.

Das ist Washingtons wirkliches und bösartiges Ziel. Es will die Tragödie des Landes ausnutzen, um eine direktere koloniale Kontrolle zu errichten und Bedingungen für US-Firmen zu schaffen, riesige Profite durch die Ausbeutung sklavenähnlicher Arbeit für Hungerlöhne zu machen.

Gleichzeitig festigt es wieder seine Vorherrschaft in einem Gebiet, das es lange Zeit als "seinen Hinterhof" angesehen hat, den Geburtsort des Yankee-Imperialismus. Angesichts zunehmender Konkurrenz von Seiten seiner Wirtschaftsrivalen in Europa und China beim Handel und bei Investitionen in der westlichen Hemisphäre, sowie abnehmendem Einfluss auf die Staaten der Region, setzt Washington militärische Gewalt ein, um seine Interessen zu verfolgen.

Die wirtschaftsfreundlichen Medien in den USA spielen eine besonders abstoßende Rolle in diesem Prozess. Sie glorifizieren die Rolle des Militärs, während sie bewusst die Behinderungen der Rettungs- und Hilfsmaßnahmen, die von den amerikanischen Besatzungstruppen ausgehen, verschweigen.

Gleichzeitig werden Berichte über "Plünderer" aufgeblasen, um die massive militärische Reaktion zu rechtfertigen. Dabei handelt es sich meistens lediglich um verzweifelte Menschen auf der Suche nach Nahrungsmitteln zum Überleben. Die wirklichen Kriminellen unter diesen Bedingungen sind nicht die so genannten Plünderer, sondern diejenigen, die dringend benötigte Vorräte horten und sie den Hungernden und Obdachlosen vorenthalten sowie diejenigen, die die private Profitgier derer verteidigen, die diese Vorräte zurückhalten.
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