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23. November 2007, 15:56 Uhr

Schwerin verteidigt Sozialarbeiter

Die Schweriner Stadtverwaltung hat den Mitarbeiter, der für Lea-Sophie verantwortlich war, verteidigt. Er habe "eine subjektiv richtige Entscheidung getroffen". Jetzt wird über verpflichtende Vorsorgeuntersuchungen diskutiert. "Das ist absolut notwendig", sagte eine Mitarbeiterin des Hamburger Jugendamtes zu stern.de.

In Schwerin herrscht Entsetzen und Empörung über den Hungertod der kleinen Lea-Sophie© Frank Hormann/AP

Die Schweriner Stadtverwaltung hat nach dem Hungertod der fünfjährigen Lea-Sophie nicht ausgeschlossen, dass sich so ein Fall wiederholen kann. "Das kann überall wieder passieren", sagte Sozialdezernent Hermann Junghans (CDU) vor Journalisten. "Es hätte in jeder anderen Stadt passieren können, und der, dem es passiert ist, hat in diesem Fall Pech gehabt", sagte Oberbürgermeister Norbert Claussen (CDU). Das habe nichts mit fehlenden Finanzmitteln oder mangelhaften Verfahren zu tun - das Jugendamt könne nicht jede Familie kontrollieren.

Das kleine Mädchen starb am Dienstagabend, nachdem es in ein Krankenhaus gebracht worden war. Die Eltern kamen in Untersuchungshaft. Das zweite Kind der Familie, ein zwei Monate alter Junge, wurde in einer Pflegefamilie untergebracht. Das Jugendamt hatte seit 2006 mehrfach Hinweise auf Schwierigkeiten in der Familie bekommen und wiederholt Kontakt mit den Eltern gehabt, das Mädchen aber dabei nicht zu Gesicht bekommen.

Im Fall von Lea-Sophie habe der zuständige Mitarbeiter mit den Informationen, die ihm vorlagen, "eine subjektiv richtige Entscheidung getroffen, die am Ende objektiv falsch war", sagte Claussen. Junghans erklärte: "Wir erkennen nicht, dass der Mitarbeiter zwingend hätte anders handeln müssen." Der seit Jahrzehnten erfahrene Mitarbeiter habe den Fall der Familie zusammen mit einem jüngeren Kollegen betreut. Laut Jugendamt habe keiner der beiden zu wenig Zeit gehabt oder sei überlastet gewesen.

Claussen hat mögliche Lücken im System der Kinder- und Jugendhilfe eingeräumt. Der Tod des Mädchens zeige, "dass die Mechanismen offensichtlich nicht ausgereicht haben", teilte Claussen in einer Presseerklärung mit.

Anfeindungen gegen Sozialarbeiter

Unterdessen sind nach Angaben der Staatsanwaltschaft am Freitag weitere Anzeigen gegen das Jugendamt eingegangen. Dessen Mitarbeiter werden seit Tagen beschimpft. Der verantwortliche Sozialarbeiter mache sich schwere Vorwürfe, sagte Junghans. "Ich mache mir große Sorgen um den Mitarbeiter."

Die ehemalige Kindergärtnerin der in Schwerin verhungerten Lea-Sophie hat geschockt auf den Tod des Mädchens reagiert: "Wir sind alle sehr traurig und betroffen, dass so etwas passieren konnte", sagte Hildegard Kralisch, Leiterin der Kindertagestätte "Gänseblümchen", zu stern.de. Lea-Sophie habe die Kindertagestätte von 2003 bis 2004 besucht. "Es war ein ganz normales Kind. Sie war zwar sehr zurückhaltend, sie war aber nicht unterernährt", sagte Kralisch, die das Kind aber seit 2004 nicht mehr gesehen hat. Auch bei den Eltern habe sie damals keine Auffälligkeiten bemerkt.

Diskussion um Untersuchungen

Der Tod der kleinen Lea-Sophie erinnert an den Fall der siebenjährige Jessica, die 2005 verhungert in der elterlichen Wohnung in Hamburg gefunden worden war. Auch hier hatten die Behörden vor dem Tod des Kindes Hinweise, dass es in der Familie Probleme gibt. Aufgrund des Todes von Jessica, der damals ebenfalls bundesweit für großes Entsetzen sorgte, habe man in der Hansestadt Konsequenzen gezogen, sagte der Sprecher der Sozialbehörde, Rico Schmidt, zu stern.de.

Schmidt weist vor allem auf den Schulzwang hin, der schon 2005 eingeführt wurde. Bei einer Nichtanmeldung zur Schule, aber auch bei einem Fernbleiben, darf die Schulbehörde demnach mit richterlicher Genehmigung in die Wohnung eindringen, um nach schulpflichtigen Kindern zu suchen. Als weitere Maßnahme sei eine für 24 Stunden erreichbare "Kinderschutzhotline" eingerichtet worden, sagte Schmidt. Von Anfang 2006 bis März 2007 seien hier 248 Meldungen von möglicher Kindeswohlgefährdung eingelaufen, sagte Schmidt, denen man dann nachgehe. Zudem sei das Personal des "Allgemeinen Sozialen Dienstes"(ASD) aufgestockt worden, der sich für das Jugendamt um Problemfamilien kümmert.

Allerdings sagte auch Schmidt: "So einen Fall wie Jessica kann man nicht ausschließen, selbst mit dem besten Hilfesystem nicht. Dafür bräuchte man eine dauernde Überwachung der Bevölkerung. Aber das will niemand."

Nach Angaben des Schweriner Jugendamtes sind im Fall Lea-Sophie zwei Mitarbeiter wenige Tage vor ihrem Tod an der Wohnung ihrer Eltern gewesen. Allerdings hätten sie dort niemanden angetroffen und deshalb eine Einladung für einen Termin am nächsten Tag hinterlassen. In Hamburg würde man in einem solchen Fall ähnlich verfahren, sagte eine Mitarbeiterin des "ASD" stern.de. "Hier sind uns die Hände gebunden", sagte sie. Wenn keine verdächtigen Laute aus einer Wohnung dringen, könne man sich nicht durch ein Aufbrechen der Wohnung Zugang verschaffen. Um Fälle wie Jessica oder Lea-Sophie in Zukunft zu verhindern, forderte die ASD-Mitarbeiterin verpflichtende Untersuchungen im Alter von einem Jahr. "Das ist absolut notwendig und sinnvoll, weil es eine zusätzliche Kontrollmöglichkeit schafft."

Auch die Hamburger SPD will sich für verpflichtende Vorsorgeuntersuchungen für Kinder stark machen. Dafür werde die SPD- Fraktion ihren entsprechenden Gesetzentwurf vom Dezember 2006 erneut in die Bürgerschaft einbringen, kündigte der SPD-Sozialexperte Dirk Kienscherf in Hamburg an. Er warf der CDU und dem Senat vor, die landesrechtlichen Möglichkeiten für die Einführung verpflichtender U-Untersuchungen für Kinder nicht auszunutzen. Nach Angaben des Sprechers der Sozialbehörde, Hartmut Stienen, hat der CDU-Senat einen Gesetzentwurf im Grunde vorbereitet.

"Bonussystem schafft Anreize"

Der familienpolitische Sprecher der Unions-Bundestagsfraktion, Johannes Singhammer (CSU), erinnerte an einen gemeinsamen Antrag der Koalitionsfraktionen unter dem Motto "Gesundes Aufwachsen von Kindern ermöglichen". Darin werde die Einführung eines Bonussystems für die Teilnahme an den Vorsorgeuntersuchungen U1 bis U10 gefordert. "Ein solches Bonussystem schafft mehr Anreize, alle Vorsorgeuntersuchungen wahrzunehmen. Das geplante Betreuungsgeld könnte damit kombiniert werden", hieß es in einer Mitteilung Singhammers.

Die Vorsitzende des Bundestags-Familienausschusses, Kerstin Griese (SPD), verlangte in der "Berliner Zeitung" angesichts des Todes der Fünfjährigen: "Ich plädiere ganz massiv dafür, die Vorsorgeuntersuchungen zur Pflicht zu machen." Notwendig sei eine bundesweit einheitliche gesetzliche Regelung. Zwar sei dies keine Garantie dafür, dass künftig schreckliche Fälle wie der in Schwerin verhindert werden. "Aber es ist ein Baustein für den Schutz der Kinder", sagte Griese.

Der Vorsitzende der Deutschen Kinderhilfe, Georg Ehrmann, sagte dem Sender n-tv: "An der Strukturkrise der Kinder- und Jugendhilfe, an dem Problem, dass die Jugendämter offensichtlich nicht in der Lage sind, das Kindeswohl sicherzustellen, ändert sich durch Pflichtuntersuchungen gar nichts."

Für die Vize-Fraktionschefin der Union, Ilse Falk (CDU), muss gewährleistet werden, dass bei den Vorsorgeuntersuchungen konkret auf Anzeichen von Misshandlungen geachtet wird. Falk plädierte in der "Berliner Zeitung" dafür, die sogenannte aufsuchende Hilfe zu stärken. "Früher gab es die Gemeindeschwester, die sich regelmäßig um die Familien gekümmert hat." Oppositionsvertreter beklagten in der Zeitung vor allem ein Versagen der staatlichen Stellen.

mta/dpa/AP
 
 
KOMMENTARE (10 von 20)
 
scully78 (24.11.2007, 16:18 Uhr)
Eltern und Familie
Also wenn ein einziger Mitarbeiter für 100-150 Kinder verantwortlich ist, meistens sind es ja mehr dann brauch man sich ned wundern das der Dienst nach Vorschrift gemacht wird und alles hopp hopp abgewickelt wird.Die Schuld selbst tragen die Eltern und deren Familien.Wo waren die Grosseltern?? wo waren Tanten etc.?Und bitte ich möchte nicht mehr hören die zwei waren ja hartz 4 Empfänger etc.
Wir sind immo auch Hartz4 Empfänger und können uns keine 2 Hunde leisten!!Als erstes sollten doch die Kinder versorgt werden und nicht Hunde.Würde bei uns mal das Geld knapp am Ende des Monats, null problemo , da helfen Tante,Grosseltern und Freunde aus.
Aber für mich ist das auch nicht unterlassene Hilfeleistung das ist Mord!!!Wenn man seelenruhig die Hunde füttert aber die Tochter bekommt nichts ist das mutwillig und das ist Mord!!!
Nive (24.11.2007, 11:49 Uhr)
Kuhzunft
Der Artikel, bzw. das was sich ereignet hat, ist wirklich nicht zum Lachen. Aber der Kommentar von Roy05441 hat mich wirklich erheitert: Zuerst die "Kuhzunft" und dann die "einwachsenden Inder". Da habe ich Schwierigkeiten, die mir vorzustellen, es sei denn in einem Horrorfilm. Ansonsten kann man nicht alles auf die Behörden abschieben, sonst kommen wir dazu, dass eine Erlaubnis zum Kinder-kriegen erteilt wird, sozusagen einen Vater-und Mutterschein.
Lelou (24.11.2007, 09:10 Uhr)
Dienst nach Vorschrift
Wenn denn Jugendamtsmitarbeiter meinen, sie müssten Dienst nur nach Vorschrift machen, dann würde eine einfache Dienstanweisung ausreichen:
*** Bestehen Sie im Falle eines Verdachtes auf oder einer Anzeige wegen Gefährdung des Kindswohl freundlich aber bestimmt darauf, innerhalb einer Frist von ... Tagen alle Kinder der Familie zu sehen. Lassen Sie nicht locker, bis sie wirklich alle Kinder gesehen haben. Sollte dieser Aufforderung nicht Folge geleistet werden, leiten sie spätestens am ... Tag entsprechende Maßnahmen ein, um die Kinder zu Gesicht zu bekommen. ***
Wenn dann doch ein Kind verhungert, weil sich keiner die Mühe macht, nach ihm zu sehen, kann sich endlich niemand mehr rausreden aus seiner Verantwortung, denn er hätte sich in diesem Fall eindeutig nicht an die Dienstvorschriften gehalten.
Was ich in Fällen wie diesem (wo es eindeutig und schon länger Hinweise an das Jugendamt gab) als absolute Krönung empfinde ist die Tatsache, dass durch dieses unsägliche Herausgerede ("Es kann gar nicht so sein, dass einer unserer Mitarbeiter sich auch nur falsch verhalten haben könnte")
dem Kind ein zweites Mal die Würde genommen wird. Ein weiteres Mal stellen "die Erwachsenen" nur ihre eigenen Interessen und ihre eigene Armseligkeit in den Vordergrund und mißachten damit ein schützenswertes, hilfloses Kind.
oper1979 (24.11.2007, 08:18 Uhr)
Kinderwunsch
Wenn ich mich für ein Kind entscheide, weiß ich, daß ein Kind kein Kuscheltier ist und daß es mich nicht davon entbindet, etvl. meinen Schulabschluß fertigzumachen, ggf. die Lehre fertigzumachen. Es ist auch kein Alibi dafür, daß ich nun den Rest meines Lebens auf Kosten aller leben kann.
In erster Linie sind immer die Eltern für ihre Kinder verantwortlich. Es ist einfach, die Schuld immer anderen in die Schuhe zu schieben. Natürlich ist es nicht immer leicht, vor allem, wenn man noch sehr jung ist. Aber wenn man merkt, man schafft es nicht, sollte man zumindest soviel Verstand haben, sich Hilfe zu holen.
Meiner Meinung haben den Tod des Kindes an erster Stelle die Eltern zu verantworten und niemand sonst.
dkc78 (24.11.2007, 03:52 Uhr)
Zu viel zu tun, zu wenig Zeit
Ich arbeite fuer das Jugendamt in den Vereinigten Staaten, und was man als Sozialarbeiter jeden Tag miterleben muss ist unglaublich ueberwaeltigend. Man geht verueckt, wenn man ca. 60-120 Faelle pro Woche bearbeiten muss und dann auch nicht fuer die Ueberstunden bezahlt wird. Anscheinend ist es voellig egal, fuer welches Jugendamt man arbeitet. Es werden immer Familien geben, die ihre Kinder misbrauchen oder vernachlaessigen, und das Jugendamt kann nicht alles verhindern.
waelder (24.11.2007, 02:52 Uhr)
Jugendamt - alles korrekt?
Wer beauftragt ist, sich um das wohl eines Kindes zu kümmern und dann dieses Kind nicht einmal sieht, macht derjenige Dienst nach Vorschrift oder dient er der eigenen Bequemlichkeit?
Ich habe das Jugendamt nie als Interessenvertretung der Minderjährigen erfahren, weder als Kind noch als Erwachsener. Und das Sozialdezernat, das die Jugendämter beaufsichtigt, und die Landesjugendämter, die die Heime beaufsichtigen, noch weniger.
Desinteresse, grundsätzlich nicht auf die Kinder und Jugendlichen hören, Arbeitsüberlastung - so sieht der Alltag in einem Jugendamt in Deutschland aus. Das war in den 50ern so, das hat sich in der Heimkampagne Ende der 60er als wahr erwiesen und dem ist noch immer so. Tausende von Kinder werden umkommen, tausenden Jugendlichen wird die Jugend und das künftige Leben versaut, der Apparat macht Dienst nach Vorschrift - alles korrekt.
tagora-sagittara (24.11.2007, 01:09 Uhr)
Schuld ist nicht der Sozialarbeiter,...
der vieleicht vor 5 Jahren noch ein Postler war.
Schuld ist die Politik dieses Landes,...kalt, unmenschlich, nur dem eigenen Vorteil bedacht, wie kürzlich bei ihrer Diäten,...dieses Land geht den Bach runter,...stetig und mit zunehmender Geschwindigkeit.
D_C_M (23.11.2007, 20:42 Uhr)
Es muss immer wieder erst etwas Passieren..
damit man in der Politik aufwacht ? Grundlegende Sachverhalte diskutiert werden müssen ? Egal was passiert, danach ist immer das Geschrei und Gezetere gross. Wie lange wird um dieses Thema schon geredet, eigenartigerweise ging es bei Ihrer Diätenerhöhung von heute auf morgen.Was darf man diesen Personen noch Glauben. Die Vertreter unseres Landes, nun sucht man nach einem Schuldigen. Ist ja auch immer ziemlich einfach. Ich möchte damit nicht das Verhalten gewisser Ämter entschuldigen, nur weshalb hat man sich nicht mit grösserem Druck an die Stellen gewandt, wenn Personal dringend benötigt wird. Anscheinend ist es die Angst um den eigenen Arbeitsplatz, oder etwa als Querulant im Amt dahingestellt zu werden. Nur geht es hierbei um die Zukunft unseres Landes. Kinder müssen unterstützt und richtig gefördert werden. Langsam reicht mir diese fadenscheinige Politik, wenn unsere Politiker dazu nicht fähig sind, sollte man diese umgehend durch andere ersetzen. Wir brauchen entscheidungsfreudige und willige Politiker die unsere Interessen Aller durchsetzen. Aber solange man darüber ständig nur diskutiert und keinerlei fortschrittliche Entscheidungen getroffen werden, und das beziehe ich auf alle grundliegenden Sachen, sehe ich eine Zukunft, in der man nur noch den Kopf schütteln kann. Unglaublich aber Wahr, Deutschland ein Reiches Land, wo Kinder verhungern und Menschen zu unmöglichen Bedingungen arbeiten. Langsam erscheint mir die Politik in unserem Staate so zu sein; was zählt schon das Begehren eines einzelnen in unserem Land.
H.Brueggemeier (23.11.2007, 20:18 Uhr)
Schuldfrage ??????
Nicht alle Menschen dürfen Kinder bekommen .Nicht jede Frau die ein Kind bekommt ist eine gute Mutter. Aber hier in Deutschland müssen mehr Kinder gebohren werden also wird auf Teufel komm raus gefördert(für Sozialschwache ein lukratieves Angebot).Also wird man solche Nachrichten in Zukunft immer öfter hören müssen.
auenschwob (23.11.2007, 19:09 Uhr)
"Dienst-nach-
Da erhielt das Jugendamt mehrer Hinweise auf Schwierigkeiten in der Familie. Es stattete daraufhin den Eltern mehrere Besuche ab, hielt es aber nicht für nötig die Kinder zu sehen. Ein solches Verhalten soll nicht verantwortlangslos und grob fahrlässig sein?
Ich hoffe, daß die Stafanträge von Erfolg sind und endlich klargestellt wird, daß Leute die lediglich einen "Dienst-nach-Vorschrift-Job" suchen beim Jugendamt nicht verloren haben.
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