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25. August 2006, 11:36 Uhr

Triebtäter, Raser und kleine Mädchen

Das Schicksal der entführten Natascha ist erschütternd. Es macht jeder Mutter, jedem Vater Angst. Das ist so verständlich wie unvernünftig. Ein Kommentar von Stefan Schmitz

Suchplakat der Polizei: Acht Jahre lang war Natascha in der Gewalt ihres Entführers© Reuters/Polizei

Natascha wurde auf dem Schulweg in ein Auto gezerrt, verschleppt, in einem Kellerloch eingesperrt und dort acht Jahre lang festgehalten. Ein Verbrechen, wie man es sich abscheulicher nicht ausmalen kann. Zwei Tage nach der Flucht des Mädchens aus ihrem Verlies ist ihr Schicksal Thema in jedem deutschen Kindergarten, an jedem Schultor: "Ich lasse meine Tochter keine Sekunde mehr aus den Augen", ist die erste Reaktion vieler Eltern. Das ist ein ebenso natürlicher wie falscher Reflex. Vor allem, wenn der Nachwuchs nur lässig angeschnallt auf dem Rücksitz des Autos in die Kita transportiert wird oder Papa mit kühnem Schwung seinen Fahrradanhänger, in dem die Kleinen ohne Helm sitzen, in die Einfahrt steuert.

Denn wenn es um die Sicherheit und den Schutz der eigenen Kinder geht, sollte man sich davor hüten, die Größe der Bedrohung aus der Größe der Schlagzeilen abzuleiten. Der Vergleich ist problematisch, aber aufschlussreich: Im Jahr 2003 wurden in Deutschland 208 Kinder im Straßenverkehr getötet. Fünf wurden Opfer eines Mordes in Zusammenhang mit einem Sexualdelikt. Ein Jahr zuvor tötete der Verkehr 216 Kinder; drei kamen nach der offiziellen Statistik in Zusammenhang mit Sexualdelikten ums Leben.

Natascha, Natalie, Pascal und Levke - die Namen der Opfer spektakulärer Verbrechen - kennt fast jeder. Die der vielen hundert Toten der Raserei und des Leichtsinns niemand. Wer ein Tempolimit fordert, riskiert, als Feind der individuellen Freiheit dazustehen. Wer dagegen verlangt, bei der Bestrafung von und der Fahndung nach Sexualstraftätern alle Rechtsnormen über Bord zu werfen, kann sich des Beifalls sicher sein. Das ist absurd.

Darum: Passen wir auf unsere Kinder auf. Jedes ist eine Welt für sich - unersetzlich, unwiederbringlich und mit dem Recht ausgestattet, dass sein Leben gegen nichts anderes aufgerechnet wird. Natürlich müssen wir alles tun, um Tragödien wie Nataschas Entführung zu verhindern. Aber zuerst sollten wir auf dem Weg zu Kindergarten oder Schule schauen, ob der Gurt richtig sitzt.

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Ein Kommentar von Stefan Schmitz
 
 
KOMMENTARE (6 von 6)
 
eye074 (26.08.2006, 09:16 Uhr)
Empörend
Ich empfinde es eher absurd, Verkehrsteilnehmer mit Sexualverbrechern auf eine Stufe zu stellen. Was ist denn das für eine Berichterstattung?
scorner (25.08.2006, 16:14 Uhr)
Auch die eigenen Besen sollen kehren!
Es ist immer leicht, nicht vor der eigenen Haustüre zu kehren.
Gerne zeigt man mit dem Finger auf andere, prangert an und verurteilt. Aber wenn man ehrlich ist, wie oft gefährdet man das eigene Kind selbst. Ein Schritt zu weit von der Wickelkommode, den Herdschutz nicht hochgeklappt, der Blick zur Seite. Es gibt unzählige Beispiele.
Wir müssen unsere Kinder beschützen. Immer und überall. Und nicht nur vor den "bösen Menschen", sondern auch vor unserer eigenen Sorglosigkeit.
Im Kommentar steckt viel Wahrheit, die manchmal schmerzt wenn man sie sich wie einen Spiegel vorhält.
Wasa (25.08.2006, 14:36 Uhr)
Hier werden doch Äpfel mit Birnen verglichen !!
Nur zur Info:
Mörder bringen Leute bewußt und willentlich um !
Einem Raser kann ein Unfall passieren, wo er selbst und andere umkommen können !
Es kommen noch zig Tausende Menschen anderswo um...also was soll dieser Vergleich ?? Ist doch nur blödes Geblubber !
Jeder nicht natürliche Tod ist schlimm und schrecklich aus welchen Gründen auch immer !
Dazu brauch man nicht verschiedene Morde und Unfälle vergleichen
waelder (25.08.2006, 14:09 Uhr)
Natascha
Voll zutreffend! Als Vater von drei Töchtern kenne ich auch die Furcht vor Triebtätern.
Aber die wirkliche Gefahr für meine Kinder geht eher von Schulbusfahrern aus, die im Winter ein Streufahrzeug überholen und dann mit dem Bus voller Schulkinder ins Rutschen geraten.
Grüsse!
Paul R. Woods
gekautes (25.08.2006, 13:49 Uhr)
auf den punkt
so viel wahrheit in einem artikel, bemerkenswert!
diese hochgepushten, medial ausgeschlachteten und nach wenigen tagen, selten wochen, wieder fallengelassenen "großen schlagzeilen", die die aufmerksamkeit der bürger auf unbedeutende, aber spektakuläre erlebnisse lenken, haben für mich mehr den charme eines hollywood-films denn einer seriösen nachricht. ihr beispiel mit den verkehrstoten ist nur eines von vielen. wenn ein kind in deutschland durch ein derart schreckliches, das gebe ich zu, verbrechen misshandelt oder gar getötet wird, dann steht es in allen zeitungen, kommt in allen nachrichten, dass aber die tragweite solcher ereignisse im gegensatz zu dem leid beispielsweise in bürgerkriegsgeplagten staaten afrikas nicht weiter ins gewicht fällt, als wenn der sprichtwörtliche sack reis umfällt, wird von den medien verschwiegen. aber afrika ist weit weg und ein erschossenes kind unter hunderten nichts besonderes.
kurtaxe1 (25.08.2006, 13:25 Uhr)
bravo!
so tragisch der fall kampusch ist, so richtig ist ihr kommentar, der zeigt, wo die wirklichen probleme liegen.
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