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Die verdrängte Katastrophe: Warum erreichen uns diese Bilder nicht?

Jedes Jahr sterben während der Monsunzeit in Südasien Menschen. Dieser Sommer aber ist verheerend: 2100 Menschen sind tot - 50 Mal so viele wie durch Sturm "Harvey" in den USA. Das Elend ist enorm, das Interesse gering. Warum?

Die südasiatische Monsunzeit dauert in der Regel von Juni bis September, jedes Jahr sterben viele Menschen. In diesem Sommer erleben Indien, Nepal, Bangladesch und Pakistan den verheerendsten seit vielen Jahren mit bislang mehr als 2100 Toten. Die Opfer erreicht nach Angaben des Roten Kreuzes nicht genug Hilfe. "Wir riskieren eine furchtbare Zweitkrise von Lebensmittelknappheit und Krankheiten", sagt Vize-Regionaldirektor Martin Faller.

In der öffentlichen Wahrnehmung der westlichen Industriestaaten wurde die Katastrophe in bisweilen durch die "Harvey"-Fluten in den USA verdrängt, wo bis Freitag 42 Todesopfer gezählt wurden. Die einseitige Wahrnehmung sei Schuld der Medien, heißt es jetzt, die Presse würde nicht ausgewogen berichten. Stimmt das? Der stern hat Medienwissenschafler Stephan Ruß-Mohl gefragt.

Herr Ruß-Mohl, ist die Katastrophenberichterstattung einseitig?

"Gefühlt" ist etwas dran an den Vorwürfen, aber ohne wissenschaftliche Inhaltsanalysen lässt sich das nicht überprüfen. Medien berichten nun mal mehr aus dem eigenen Kulturkreis - und da sind uns die aus vielerlei Gründen weiterhin näher als Südasien.

Medienberichterstattung spiegelt Leserinteresse wider: Wenn das Interesse der Leser an einem Thema groß ist, berichten Medien ausgiebig. Wird das Problem der angeblich einseitigen Berichterstattung beim Leser geboren?

Jein. Leserinteresse lässt sich ja erst seit relativ kurzer Zeit minutiös in Form von Klickzahlen messen. Journalisten argumentieren dagegen seit Jahrzehnten auf Redaktionssitzungen: "Der Leser will das so."

Entsteht Interesse erst dann, wenn der Leser auf Themen aufmerksam gemacht und informiert wird? Müssen sich also doch die Medien ändern?

Zu informieren, auf wirkliche Probleme aufmerksam zu machen, Neugier zu wecken bleibt die tagtägliche Herausforderung für den Journalismus. Ändern müssten sich die Medien, wenn sie Irrelevantes aufbauschen, PR-Experten auf den Leim gehen, sich gelegentlich auch von Populisten und Potentaten "fernsteuern" lassen und - viel zu oft - unnötig Angst und Schrecken verbreiten. Aber das ist leichter gesagt als getan.

Warum wecken in den USA Aufmerksamkeit und Betroffenheit, während Katastrophen, die viel schlimmere Ausmaße annehmen, weitestgehend unbeachtet bleiben, uns gar kalt lassen?

Ich bin mir nicht sicher, ob das so stimmt. Aber es gibt auch in den Medien - so wie sonst unter den Menschen auch - Herdentrieb. Und wenn meinungsführende Medien wie CNN, "New York Times" oder "Washington Post" etwas vermelden, hat das wohl weltweit die Vermutung von Wichtigkeit für sich, und andere greifen das dann auf.

In einer globalisierten Welt ist alles potentiell von Belang - ist das zu viel für das Aufmerksamkeitsvermögen und die Psyche des Menschen? Ist diese Doppelmoral, die wir bei Aufmerksamkeit und Betroffenheit an den Tag legen, am Ende ein Schutzmechanismus?

Ja, wir leben gewiss in einer "Aufmerksamkeitsökonomie", in der Nachrichten, aber auch Werbebotschaften im Überfluss vorhanden sind und wir diese, gerade weil unsere Aufmerksamkeit begrenzt ist, längst nicht mehr angemessen verarbeiten können und wir uns auch schützen müssen vor einem medialen Überangebot, das ähnlich desinformierend wirken kann wie eine Unterversorgung.

Müssen wir an unserer Doppelmoral arbeiten und wenn ja, wie?
In meinem neuen Buch "Die informierte Gesellschaft und ihre Feinde" spreche ich vom "Schizo" in uns selbst. Ich habe Zweifel, ob wir das ändern können - aber wenn wir uns unserer eigenen Irrationalität bei der Informationsverarbeitung und auch unserer gelegentlichen Doppelmoral bewusst würden, wäre das schon hilfreich. Als Wähler entscheiden wir ja oft ganz anders denn als Konsumenten. Und um Klima- und andere Katastrophen vermeiden zu helfen, könnte jeder von uns als aufgeklärter Marktteilnehmer mehr bewirken als mit dem Stimmzettel.

E-Mail-Interview: Petra Gasslitter

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