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Der Autist, der von Headhuntern gejagt wird

Sören Schindler sieht Zusammenhänge, wo für andere Menschen Chaos herrscht. Schindler ist Autist. Mit 30 Jahren war er Frührentner, weil niemand seine Krankheit erkannte. Doch dann legte er eine bemerkenswerte Karriere hin.

Von Christian Ewers

Vor sechs Jahren wurde bei Sören Schindler das Asperger-Syndrom diagnostiziert

Vor sechs Jahren wurde bei Sören Schindler das Asperger-Syndrom diagnostiziert

Zimmer 2AU1001, Gebäude VTW 2, Untergeschoss, das ist der Krisenstabsraum der Hypovereinsbank in München. Ein Tisch, ein paar Stühle, Neonröhren an der Decke. Hierher ziehen sich die Führungskräfte zurück, wenn die Bank in Not ist. Wenn große Kredite platzen, die Märkte taumeln oder Hacker das IT-System angreifen.

Dass es eine Welt da draußen gibt, jenseits der schallgedämmten Wände, ist allenfalls ahnbar. Manchmal sind Stimmfetzen vom Flur zu hören, für Sekunden nur, und mittags fallen einige Sonnenstrahlen durch die schmalen Fenster.

Sören Schindler sitzt hier seit Monaten mit seinem Laptop und einer Flasche Mineralwasser, oft allein, manchmal mit einem Kollegen, und schreibt an einer Software für die Bank. Schindler mag Raum 2AU1001. Seine Stille, die Leere, die Kühle. "Ein perfekter Ort" , sagt Schindler, „hier kann ich gut arbeiten.“ Schindler, 40, ist Informatiker, Spezialgebiet Software-Architektur und Big Data. Er ist einer der besten seines Fachs in Deutschland. Und Schindler ist Autist.

Reize prasseln ungefiltert auf ihn ein

Vor sechs Jahren wurde bei ihm das Asperger-Syndrom diagnostiziert. Die Gesellschaft von Menschen bedeutet Stress für Schindler. Sie macht ihn müde, so sehr, dass er regungslos dasitzt, in der S-Bahn oder im Restaurant etwa, innerlich geflüchtet in eine andere Welt.

Man sieht Schindler die Erkrankung nicht gleich an. Er meidet zwar Blickkontakt, und seine Worte sind nüchtern, wie aus einem Sachbuch mitunter, sonst ist da nichts Auffälliges.

Früher arbeitete Schindler in Großraumbüros, ging mittags mit seinen Kollegen in die Kantine, und niemand wusste, dass das für Schindler die Hölle bedeutete. Dass er Reize schlecht kanalisieren kann; klingelnde Telefone, Stimmengewirr, das Klappern von Geschirr - alles prasselt ungefiltert auf Schindler ein.

Heute arbeitet Schindler für Auticon, ein Start-up aus Berlin, das Autisten für Wochen oder Monate zu Kunden wie der Hypovereinsbank schickt. Die Kunden wissen, dass ein besonderer Mensch zu ihnen kommt, der ein spezielles Umfeld braucht und eine spezielle Ansprache. So ist Schindler in Raum 2AU1001 gelandet.

Frührentner mit 30

Mediziner beschreiben Autismus als eine Störung der Wahrnehmungs- und Informationsverarbeitung, angeboren und unheilbar. Bei Menschen mit Asperger, einer vergleichsweise sanft ausgeprägten Form des Autismus, kommen Einschränkungen in der Interaktion hinzu. Sie sind oft nicht fähig, Gestik und Mimik zu deuten; auch deshalb bedeutet Kommunikation eine Last für sie.

Als Schindler 2002 im Risiko-Controlling einer Bank in Frankfurt arbeitete, brach er zusammen. Er schaffte es nicht mehr aus seiner Wohnung; die Hektik der Großbank hatte ihm alle Energie geraubt. In seinen Worten klingt das heute so: "Ich habe nicht mehr funktioniert." Schindler, geboren in Göteborg und aufgewachsen in Bad Kreuznach, Rheinland-Pfalz, ging zu mehreren Ärzten, um klären zu lassen, was sein Problem war. Er wurde krankgeschrieben, Diagnose: schwere Depression und soziale Phobie. Schindler bekam Antidepressiva, Neuroleptika und Benzodiazepin, ein Schlafmittel mit Suchtpotenzial. Um seine angebliche soziale Phobie zu überwinden, musste er mit einem Therapeuten durch die Innenstadt gehen und eine an einem Bindfaden befestigte Dose hinter sich herziehen.

2005, Schindler war gerade 30 Jahre alt, wurde er als "dauerhaft arbeitsunfähig" eingestuft. Er war jetzt Frührentner.

Erst 2009 die richtige Diagnose

"Ich war ein abgeschriebener Fall" , sagt Schindler. "Ich wusste schon, dass etwas mit mir nicht stimmt. Aber dass es überhaupt keinen Platz für mich gibt, dass ich zu nichts fähig sein sollte, das konnte ich nicht akzeptieren." Seinen Weg zurück ins Berufsleben, bis in den Keller der Hypovereinsbank, hat Schindler jenem Neurologen zu verdanken, der 2009 endlich die richtige Diagnose stellte - und Dirk Müller-Remus.

Dirk Müller-Remus, 58, ist der Gründer von Auticon. Er kennt Geschichten wie die von Schindler aus nächster Nähe. Auch bei seinem Sohn Ricardo, 23, wurde in der Pubertät Asperger diagnostiziert.

Müller-Remus und seine Frau suchten damals gemeinsam mit Ricardo eine Selbsthilfegruppe in Berlin auf. Es gab eine kurze Vorstellungsrunde; jeder schilderte seinen Lebenslauf. "Es war erschütternd", sagt Müller-Remus, "da saßen 20 Leute im besten Alter, viele hervorragend ausgebildet, mit Uni-Abschluss oder sogar Promotion - und fast alle lebten von Sozialhilfe, aufgegeben von den Ärzten und Behörden. Das hat mich aufgewühlt. Ich musste etwas dagegen tun, das war mir sofort klar." Müller-Remus arbeitete zunächst weiter in seinem alten Job bei einem Medizintechnikhersteller in Magdeburg. Parallel baute er Auticon auf.

Ordnung im Chaos

Autisten verfügen oft über sogenannte Inselbegabungen, die sie zu außergewöhnlichen Leistungen in bestimmten Themenfeldern befähigen. Dort haben sie nicht nur Talent, sondern sind unermüdlich und machen kaum Fehler. Die Stärke vieler Asperger-Autisten ist es, Muster zu erkennen und zu analysieren. Wo andere Menschen nur ein Gewimmel von Buchstaben und Zahlen sehen, erfassen Autisten die zugrunde liegende Ordnung. Im Alltag sind sie oft hilflos, doch sie bewegen sich sicher im digitalen Chaos, im Meer von Big Data.

Müller-Remus wollte die Talente von Menschen mit Asperger-Syndrom für IT-Dienstleistungen nutzen. Er reiste nach Dänemark, wo es ein Unternehmen gab, das ein ähnliches Konzept verfolgte. Doch bald schon erkannte er, dass der dänische Weg nicht seiner sein würde. "Die Kollegen verstanden ihre Firma damals eher als klassisches Sozialunternehmen", sagt er, "ich wollte zeigen, dass man auf dem freien Markt, im Wettbewerb bestehen kann - durch sehr gute Arbeit."

Der Plan ging auf. Viel schneller, als Müller-Remus das erwartet hatte. Im Januar 2013 verbuchte Auticon den ersten Umsatz: 1000 Euro für die Gestaltung einer Website. Am Ende des Jahres standen 700.000 Euro in den Büchern. 2014 waren es 1,8 Millionen Euro, dieses Jahr werden es über drei Millionen Euro sein. Auticon beschäftigt 77 Mitarbeiter, 51 davon sind Asperger-Autisten. Mehr als ein Drittel der Dax-Konzerne zählt zu den Kunden, darunter Siemens, Allianz und die Telekom. 2016 will Müller-Remus 40 autistische IT-Berater einstellen und Filialen in London und Paris eröffnen. Beim Deutschen Gründerpreis - einer Initiative von stern, ZDF, Porsche und den Sparkassen - erhielt Auticon in diesem Jahr den Sonderpreis.

Der Erfolg beruht auf einer intensiven Schulung der Kunden, bevor ein IT-Berater entsandt wird. Denn die meisten Fehler im Umgang mit Autisten entstehen aus Unsicherheit. Aus übertriebener Höflichkeit und zu viel Zartgefühl.

Klare Ansagen, keine Ironie

Auch Tibor Konya hat eine solche Schulung mitgemacht. Er ist Abteilungsleiter in der Konzernsicherheit bei der Hypovereinsbank und in diesen Monaten der Projektleiter von Sören Schindler. "Ich wusste zunächst auch nicht, was das bedeutet: Da kommt jetzt ein Mensch mit Asperger-Syndrom in unsere Abteilung", sagt Konya. "Aber Auticon gibt einem einige Grundregeln an die Hand. Das leicht mulmige Gefühl war schnell weg."

Die wichtigste Regel lautet: klare Ansagen. Keine Botschaften zwischen den Zeilen, keine Ironie, keine Floskeln, eindeutig definierte Aufgaben. "Man wird zu einer präzisen Wortwahl gezwungen", sagt Konya, "und ich merke dabei immer wieder, mit wie vielen Unschärfen und Phrasen man sich sonst durch den Alltag hangelt. Und wie viel Reibungsverluste dadurch entstehen können."

Schindlers Auftrag ist fest umrissen: Er soll ein Programm entwickeln, mit dem Risikoszenarien für die Bank durchgespielt werden können. Konya möchte wissen, welche Ressourcen in Krisenfällen unbedingt benötigt werden, um den Geschäftsbetrieb aufrechtzuerhalten.

Schindler mag seine Aufgabe. Er sagt: "Ich denke mich gern in neue Problemstellungen - wenn das Ziel erkennbar ist und ich den Weg finden muss." Mitunter muss Schindler von Konya gebremst werden. Es gibt Tage, da findet er kein Ende, da muss er an Pausen und Mahlzeiten erinnert werden, oft nimmt er seinen Rechner abends mit nach Hause. Schindler wohnt allein. In seiner Freizeit liest er Softwarebücher aus den USA auf seinem E-Reader. Die Arbeit ist sein Leben.

Wenig Reize, wenig Stress

Schindler weiß, dass er Fähigkeiten besitzt wie kaum jemand anders; er schämt sich nicht für seinen Autismus. "Ich habe viele Stärken und einige Schwächen", sagt er. "Wenn ich mich im Gleichgewicht halte, wenig Reize, wenig Stress, dann habe ich ein gutes Leben."

Darum wird es für Schindler in den nächsten Jahren gehen: diese Balance zu halten, nicht noch mal in den Strudel der lauten, wimmeligen Arbeitswelt zu geraten.

Die Versuchung ist groß, es wieder zu probieren, draußen, bei einer großen Firma, in leitender Position. Schindler ist ein gefragter Mann. Er wird von Headhuntern aus ganz Europa und den Vereinigten Staaten kontaktiert; nahezu im Monatstakt bekommt Schindler Jobangebote.

Im Silicon Valley, im Herzen der IT-Industrie, gilt Autismus schon lange nicht mehr als Stigma. Im Gegenteil. Asperger wird dort als Ausweis eines besonderen Talents verstanden, als Spitzenbegabung, die es braucht, um in der digitalen Welt zu Spitzenergebnissen zu kommen. Peter Thiel, einer der ersten Investoren von Facebook, sagt, viele erfolgreiche Gründer zeichneten sich durch Introvertiertheit und eine milde Form von Autismus aus.

Noch ist das Silicon Valley weit weg für Sören Schindler. Er schmiedet keine großen Pläne. Er denkt in kleinen Schritten, von Job zu Job. Und jetzt gilt es erst mal, diese Software für die Bank zu schreiben. Im März muss das Programm laufen, und bis dahin sind es noch viele Stunden in diesem stillen Raum 2AU1001, der Schindler eine Heimat geworden ist.



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