Auf der Suche nach dem ultimativen Kick wird ein Mann zum Kleptomanen. Zweimal wird er erwischt und zu Bewährungsstrafen verurteilt. Im Prozess muss er zeigen, dass er die Lust am Stehlen bekämpft. Von Uta Eisenhardt

Kaufhäuser ziehen Kleptomanen magisch an. Hat diese Frau einen Dieb entdeckt?© Peter Steffen/DPA
Allein schlenderte er über den Weihnachtsmarkt, zwei Wochen zuvor hatte ihn seine Freundin verlassen. Er rauchte einen Joint und trank viel Glühwein. Dann betrat er das Kaufhaus. Ohne auf die Überwachungskameras zu achten, stahl er völlig sinnlose Dinge: Einen Jahresplaner, Zahnbürstenaufsätze – Schnulli eben.
Auf der Rolltreppe habe ihn die Vernunft eingeholt, beteuert Gerald Weise* dem Richter. Er habe an seine Bewährung gedacht und an die Gespräche in der Selbsthilfegruppe für Kleptomanen. Auf einen Glastisch, der vor der Rolltreppe stand, wollte er sein Diebesgut legen. So weit sei er nicht mehr gekommen. Zwei Detektive lösten sich aus dem Menschengedränge und führten ihn in ihr Büro.
Dort konnte der vorbestrafte Dieb nur noch den Schaden begrenzen. Das Taschenmesser musste weg, bevor man seinen Rucksack durchsuchen würde, erzählt der sportliche Brillenträger unter vier Augen. Es gelang ihm, das strafschärfende corpus delicti nebst einem Taschentuch aus dem Rucksack zu holen. Demonstrativ schnäuzte er sich die Nase und warf das Taschentuch mit dem darin eingewickelten Messer in einen Papierkorb.
So lautet die Anklage nur auf einfachen Diebstahl, nicht auf Diebstahl mit Waffen. Weises Erklärung aber glaubt der Richter nicht. Zu viele Diebe sagen, sie hätten die Sachen gar nicht aus dem Laden tragen wollen, sie seien im Begriff gewesen, ihre Taschen zu leeren, nur die Detektive waren leider schneller. Der Angeklagte wird zu einer Haftstrafe von drei Monaten verurteilt, fünf Jahre lang darf er keine Straftaten begehen – das ist die längstmögliche Bewährungszeit. Sollte der 51-Jährige je wieder wegen eines Eigentumsdelikts vor dem Richter stehen, ist ihm der Knast sicher. Er weiß: „Es darf nichts mehr passieren.“
Nach dem Prozess verabreden wir uns im Kaufhaus. Ich erwarte eine Einführung in Verkaufspsychologie: Was ist es genau, das den Käufer zum Kaufen und den Kleptomanen zum Stehlen verführt? Beim Rundgang durch die Abteilungen bezeichnet der Basecap-Träger mit den schwarz gefärbten Haaren das Arrangement der Waren nebst einlullender Musik als „psychische Abzocke“, die einen zum fremdgesteuerten, sinnlosen Konsum verführe. In meiner Gegenwart aber würden ihn die hier angebotenen Produkte kalt lassen – „wie ein nackter Schweinearsch.“ Zum Klauen gehöre eine gewisse Grundstimmung, ein Schlendern, ein selbstversunkenes sich Treiben-Lassen. Nicht nur der Käufer, auch der Dieb will überredet werden.
Er sei ein Adrenalin-Junkie, erklärt Gerald Weise. Ein risikobereiter dazu. Jahrelang habe er sich seinen Kick beim Fußballspielen geholt. Bis zu seinem 20. Lebensjahr stürmte der kleine Schnelle in der Bezirksliga. Nach einer missglückten Knie-Operation verlegte er sich aufs Radfahren, auf extremes Radfahren. Auf extrem gefährliches Radfahren. Im Ganzkörper-Panzer ging es mit 70 Stundenkilometern bergabwärts durch den Wald. Noch heute bekommt er leuchtende Augen, wenn er davon erzählt. „Sex dagegen ist langweilig und ich meine richtig guten Sex“.
Nach zwei schweren Stürzen gibt der Heilerzieher auf: „Ich habe jahrelang Rollstuhlfahrer betreut, aber ich will nicht der Betreute sein.“ Woher soll nun das Morphin kommen? Weise entdeckt den Kick des Klauens. Schon als 17-, 18-jähriger Punk hat er das getan, damals noch mit politischem Anspruch: „Den imperialistischen Unternehmen muss ans Bein gepisst werden.“ Damals waren Hertie und Karstadt seine Reviere, im Tante-Emma-Laden klauen gehörte sich nicht. Auch 25 Jahre später hielt er sich an große Einkaufshäuser, in denen er am liebsten Klamotten und CD ´s mitgehen ließ.