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3. November 2010, 14:02 Uhr

Die bösen Jungs aus dem TV

Eine Herausforderung für den Integrationsgipfel: Die Mehrzahl der Deutschen misstraut Migranten. Im Fokus steht vor allem das Klischee vom kriminellen Jugendlichen. Ein inszeniertes Bild? Von Manuela Pfohl

Integration, Migration, Soldiner Kiez, Kingz of Kiez, Ibo Tyson, Ausländer, Berlin, Sarrazin

Ganz böse Jungs - laut "Scripted Reality": Ibo und die Kids vom Soldiner Kiez© Kingz of Kiez

Es ist Nacht im Soldiner Kiez mitten in Berlin. Die Jungs auf der Straße sind kaum zu erkennen. Nur auf ihre Gesichter fällt ein schwacher Lichtschein. Und auf eine teure Limousine, die Jay im Visier hat. Der 21-jährige Serbe "hat Blut geleckt", erklärt eine Stimme aus dem Off. Die Kamera wackelt, versucht Dramatik zu suggerieren. Gleich wird Jay den Wagen knacken. "Er will sich dieses lukrative Geschäft nicht durch die Lappen gehen lassen", sagt die Stimme. Denn "Jay ist der Chef vom Kiez" und "zuständig für Autoeinbrüche und illegales Kopieren von Videospielen".

Im April 2009 konnten die Fernsehzuschauer hautnah miterleben, wie RTL aus den Jungs vom Kiez die "Bad Boys" für die "Bad News" machte. 500 Euro soll Jay, der eigentlich Mirza heißt, für seinen Beitrag in der Sendung "Mitten im Leben" bekommen haben. "Dass die gesamte Geschichte nur ein Fake war, dass der silberne Audi A6, den er angeblich aufbrechen wollte, in Wirklichkeit seinem Vater gehört und dass Mirza alles andere als der Chef vom Kiez ist, haben die Zuschauer allerdings nicht erfahren", sagt Waldemar Olesch. RTL sagt dazu nichts.

Der 38-jährige Musiker Olesch kümmert sich seit vier Jahren um die Jungs im Soldiner Kiez, einem sogenannten sozialen Brennpunkt, in dem 60 Prozent der Jugendlichen einen Migrationshintergrund haben und das Leben mit Hartz IV zum Alltag in den Familien gehört.

Live sehen, was Sarrazin schon immer wusste

Wenn die Integrationsbeauftragte der Bundesregierung, Maria Böhmer (CDU), in ihrem jüngsten Bericht erklärt, dass es zwar einige Fortschritte bei der Integration von Ausländern gebe, die Lage sich aber noch nicht wesentlich verbessert habe, dann meint sie auch das Leben der Jungs vom Soldiner Kiez. Die in den Sozialwohnungen zwischen Aldi, Bandidos-Quartier und Moschee ihr Zuhause haben und oft genug nicht genau wissen, ob ihre Zukunft hier sein wird oder in irgendeinem Land der Welt, in das sie jederzeit abgeschoben werden können. Es scheint genau die Klientel zu sein, die für die schrägen Sarrazin-Thesen und dessen Vorurteile gegenüber Migranten herhalten muss.

Olesch sagt: "Ich werde ständig von TV-Produktionsfirmen nach jungen Protagonisten für "bad News" gefragt. Die Leute wollen live sehen, was sie schon immer wussten: Dass kriminelle Jugendliche, noch dazu Muslime, in Banden durch die Hauptstadt-Ghettos ziehen und sich einen Dreck um eine Integration in die deutsche Leitkultur scheren."

Olesch und Jan Spieler, der Sozialarbeiter, Quartiersrat und auch Projektleiter im Anti-Aggressions-Projekt "Kingz of Kiez" ist, versuchen jedes Mal wieder dagegen zu halten, doch es scheint, als ob niemand wissen will, was die Jungs zu erzählen haben über ihr wirkliches Leben in der "Parallelgesellschaft".

Das eigene Leben verkaufen

Jungs wie der 15-jährige Ibo, der in Berlin geboren wurde, fünf Jahre nachdem seine Eltern aus einem palästinensischen Flüchtlingslager im Libanon nach Deutschland kamen - und gerdewegs in der "Parallelgesellschaft" landeten.

Ibo versucht, da raus zu kommen. Doch sein Leben ist von der Erfahrung geprägt, dass die deutsche Gesellschaft, zu der er so gern gehören möchte, ihn eigentlich gar nicht haben will. Mehr noch, dass sie ihm auf Schritt und Tritt misstraut. "Ich wünsche mir, dass ich mit der U-Bahn fahren kann und nicht die Plätze neben mir frei bleiben. Und ich wünsche mir, dass ich einen deutschen Pass kriege. Später dann will ich ein Haus haben, eine Frau und Kinder und natürlich einen coolen Job."

Dass es mit der Zukunft für jemanden, der zwar Deutscher sein will, aber von Amts wegen nicht sein darf, schwer wird, hat Ibo allerdings schon erfahren. Er ist gerade mit der 10. Klasse an einer Realschule fertiggeworden und macht eine Ausbildung als Industriemechaniker in einem Berufsförderwerk. Sein Traum war eigentlich eine Lehrstelle als KfZ-Mechaniker. Einmal hätte ihn eine Werkstatt fast genommen. "Als die aber hörten, dass ich alle halben Jahre zur Ausländerbehörde muss, die dann entscheidet, ob ich weiter in Deutschland bleiben darf oder nicht, haben sie gesagt, das riskieren sie nicht. Das wäre ja schade um die Lehrstelle, wenn ich dann abgeschoben werde."

Integration stelle er sich anders vor, meint Ibo. Und trotzdem: Für kein Geld der Welt würde er den Bad Boy spielen. "Das ist doch, wie sein Leben verkaufen und den eigenen Stolz."

Was kostet die gefakte Ausländerkriminalität? Waldemar Olesch hat nach jahrelanger Erfahrung mit einschlägigen Angeboten von TV-Produktionsfirmen eine Liste der Beträge zusammengestellt, die von Medienmachern an Jugendliche gezahlt wurden. Ein Auszug:

*Für das Zeigen einer Stichwaffe wurden Beträge von 20 bis 50 Euro bezahlt. * Für ein Gruppenfoto mit einem Messer im Bild gab es bis zu 400 Euro. * Für das Zeigen eines Gewaltvideos im Handy wurden Beträge zwischen 10 und 30 Euro gezahlt. * Das Erzählen einer Skandalgeschichte war 250 bis 400 Euro wert. * Für eine gestellte Prügelszene gab es 400 Euro. * Für Posen mit Kapuze vor der Kamera wurden 30 bis 100 Euro gezahlt. * Das Andeuten eines Steinwurfs in Richtung der Reporter war 250 Euro wert. * Der Wurf eines Mülleimers aus dem Fenster brachte es auf 120 Euro.

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