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14. Oktober 2011, 20:03 Uhr

Das Rätsel um die Todesdroge

Ist in Bochum die hochgiftige russische Droge "Krokodil" im Umlauf? Heroinabhängige mit furchtbaren Wunden am Körper nährten den Verdacht. Die Ermittler stehen vor einem Rätsel. Von Mareike Rehberg

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Was sich ein Drogenabhängiger spritzt, kann er nie genau wissen. Im Ruhrgebiet geht die Angst vor "Krok" um© Marcus Simaitis/DPA

Ihre Suche nach dem schnellen Kick, nach der täglichen Dosis Vergessen, wäre der Heroinabhängigen Daniela* beinahe zum Verhängnis geworden. Am Bochumer Hauptbahnhof, so schildert es die junge Frau dem WDR, habe sie sich ihren Schuss besorgt. Doch was wie normales Heroin schien, war nach Mutmaßungen vieler Medien gepanscht mit einer wahren Teufelsdroge: "Krokodil", kurz "Krok". Noch konnte der Stoff aber nirgends nachgewiesen werden, die Ermittler stehen vor einem Rätsel.

Die hochtoxische Substanz stellen Dealer her, indem sie Codein mit Benzin, Ameisensäure und Phosphor aus roten Streichholzköpfen aufkochen. Neben dem in Deutschland verbotenen Betäubungsmittel Desomorphin entstehen so jede Menge giftige Verunreinigungen, die einfach im Stoff verbleiben. Weil Codein in Russland frei verkäuflich ist, gilt Krok dort schon seit längerem als Droge der Armen und der Junkies.

Für ihren kurzen Rausch bezahlen die Abhängigen einen hohen Preis: Binnen kürzester Zeit verfärbt sich die Haut um die Einstichstelle grün - daher der Name des synthetischen Mixes. Weichteile des Körpers wie Ober- und Unterhaut, Muskeln und innere Organe werden schwer angegriffen. Eitrige Wunden bedecken den Körper, die Fixer verfaulen praktisch von innen heraus. Am Ende fällt ihnen buchstäblich das Fleisch von den Knochen. Russische Experten sagen, die Überlebensrate der Menschen, die Krok konsumieren, betrage ein bis drei Jahre, einige könnten auch schon nach dem ersten Schuss sterben.

Verdacht im Drogencafé

Daniela erzählt in dem Fernsehinterview mit brüchiger Stimme, welche Symptome sie an sich beobachtete: Schrecklich habe sie ausgesehen, "als ob Kannibalen daran rumgefressen hätten". Vom Handgelenk bis hoch zur Elle habe sie riesige Wunden gehabt, die Ärzte hätten zunächst beide Arme amputieren wollen. Eine Hauttransplantation vom Oberschenkel soll ihre Gliedmaßen retten, doch ob die Arme die neue Haut annehmen werden, ist nicht sicher.

Der Arzt Heinrich Elsner von der Bochumer Krisenhilfe hatte als erster den Verdacht, dass die russische Heroin-Ersatzdroge seine Stadt erreicht haben könnte. Neben Daniela seien drei weitere Patienten mit merkwürdigen Weichteilschädigungen und Wunden auf der Haut zu ihm ins Drogencafé gekommen. Doch im Gespräch mit stern.de betont der Mediziner, dass er lediglich eine Verdachtsdiagnose abgegeben habe. Vor Jahren habe es beispielsweise einmal Gasbranderreger in Heroin in Schottland gegeben, die Droge könne also auch durch andere Stoffe verunreinigt sein.

Drogenproben sind unauffällig

Dass die Betroffenen tatsächlich Krok gespritzt haben, daran hat auch Jürgen Leimanzik von der Bochumer Polizei seine Zweifel. Der Grund: Ihm liegen endlich die Ergebnisse von neun Heroinproben vor, die Ermittler zu Wochenbeginn am Hauptbahnhof bei Dealern beschlagnahmten und die das Landeskriminalamt nun analysiert hat. In keiner der Proben wurde Desomorphin gefunden, auch verdächtige Stoffe wie Metalle, Phosphor oder Jod seien nicht nachweisbar gewesen. Krok mache in Deutschland außerdem wenig Sinn, glaubt Leimanzik. Der Ausgangsstoff Codein sei hier nicht leicht zu beschaffen, außerdem sei die "Versorgungslage mit Heroin" besser als in Russland. Er geht deshalb davon aus, dass die großflächigen Verletzungen der Junkies andere Ursachen haben.

Das Problem: Die vier Patienten der Krisenhilfe, die keinen festen Wohnsitz haben, sind untergetaucht. Der Medienandrang in den vergangenen Tagen war ihnen offenbar zu viel. Auch Appelle von Polizei und Staatsanwaltschaft, unter garantierter Straf-Freiheit als Zeuge auszusagen, blieben bislang ohne Erfolg. Die vier Patienten von Elsner sind bisher die einzigen bekannten Fälle. Der Arzt und Kommissar Leimanzik hoffen, dass doch noch jemand den Mut fasst, sich zu melden und untersuchen zu lassen. Denn wenn nicht zweifelsfrei feststeht, woher die furchtbaren Verletzungen stammen, könnte die Gerüchteküche um die Teufelsdroge Krokodil noch lange brodeln.

*Name geändert

Von Mareike Rehberg
 
 
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