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"Die Idioten haben das Image gegen Flüchtlinge befördert, das wir vermeiden sollten“

Was in Köln in der Silvesternacht passiert ist, muss die Polizeiarbeit in der Stadt grundlegend ändern. Das Entsetzen gilt nicht nur den Taten sondern der Hilflosigkeit der Polizei. Und den Idioten, wegen denen nun Pegida und Co. Auftrieb erhalten.

Von Frank Gerstenberg, Köln

Köln: Entsetzen über die Taten und die Hilflosigkeit der Polizei

Köln: Entsetzen über die Taten und die Hilflosigkeit der Polizei

"Schockiert" war Michael Temme, Einsatzleiter der Kölner Polizei, über die Vorfälle am Silvesterabend. 40 Jahre sei er bei der Polizei, "aber das habe er noch nicht erlebt, erzählte er dem stern nach der Pressekonferenz mit Oberbürgermeisterin Henriette Reker und Polizeipräsident Wolfgang Albers im Historischen Rathaus. "Wenn mir das einer vor drei Monaten erzählt hätte, hätte ich ihm den Puls gefühlt." Eine solche Dimension hätte sich selbst dieser erfahrene Beamte nicht vorstellen können.

Was in Köln in der Silvesternacht zwischen Dom und Bahnhof passiert ist, muss die Polizeiarbeit in der viertgrößten Stadt Deutschlands grundlegend ändern. Da haben keineswegs nur ein paar Saufbolde über die Stränge geschlagen. Dies wäre nicht zum Tagesgespräch weit über die Domstadt hinaus geworden. Etwa 1000 junge Männer zwischen 15 und 35 Jahren, die nach mittlerweile gesicherten Erkenntnissen aus Nordafrika und dem arabischen Raum stammen, könnten mit einer unfassbaren Aktion dieser weltoffenen Stadt, in der jeder willkommen und "jeder Jeck anders" ist, in der über 187 Nationen in ihren "Veedeln" leben, ihre Leichtigkeit genommen haben. Indem sie ein Fest missbrauchen, bei dem sich die Kölner und alle, die gerne Silvester vor dem großen Panorama aus Altstadt, Dom und Rheinbrücken feiern, "bützen" und sich umarmen. Diese vom Alkohol und Testosteron enthemmten Kriminellen haben dies als Freifahrtschein benutzt, um junge Frauen zu begrapschen, ihnen den Slip zu zerreißen und sie sogar zu vergewaltigen. Der Schock stand nicht nur den Spitzen der Verwaltung und der Polizei noch bei der Pressekonferenz fünf Tage später im Gesicht geschrieben. Selbst Kanzlerin Merkel äußerte sich entsetzt.

Und das Entsetzen betrifft nicht nur die Taten, sondern vor allem die offensichtliche Schutzlosig- und eben die Hilflosigkeit der Polizei. In einem öffentlichen Raum, wo viele Menschen zusammen und 150 Polizeibeamte daneben stehen, bedroht, bestohlen und sexuell genötigt oder gar vergewaltigt werden zu können - das ist es, was sich Michael Temme wohl niemals hätte vorstellen können und was die Menschen schockiert.

Wo war die Polizei?

Es ist kaum zu glauben, warum die bedrohten Frauen, nicht die 110 gewählt haben. OB Reker erklärte es: "Sie mussten befürchten, dass ihr Handy gestohlen wird." Wo war die Polizei denn? Konnte sie es nicht sehen? War sie schon zum zweiten Mal nach dem Oktober 2014, als Hooligans den Breslauer Platz am anderen Ende des Kölner Hauptbahnhofs zum rechtsfreien Raum machten und Mannschaftswagen umstießen, "schlecht aufgestellt?", wie der Fraktionsgeschäftsführer der Grünen im Kölner Stadtrat, Jörg Frank dem stern sagte. Haben die Kölner ein Polizeiproblem? 

Nach Ansicht von Polizeipräsident Albers nicht: Die Polizei konnte in der Dunkelheit nicht die "neuralgischen Punkte" erkennen, auch die Videokameras waren keine große Hilfe. Doch das ist nur die halbe Wahrheit: Seit drei Jahren treiben Banden aus Nordafrika und dem arabischen Raum ihr Unwesen zwischen Rheinwiesen, Dom und Hauptbahnhof. Der große Plattenbereich zwischen Dom und Bahnhof hat sich zu einem Schwerpunkt des Drogenhandels und der Beschaffungskriminalität entwickelt. Die Polizei habe darauf seit drei Jahren "keinen Zugriff", sagt Grünen-Fraktionschef Frank. Auch die Kölner Wochenend-Partymeilen an den Ringen und der Zülpicher Straße sind unsichere Gegenden geworden. Auch hier steigen Diebstähle und Drogenhandel in einem Besorgnis erregenden Maße.

Das sind Versäumnisse, unabhängig von der Tatsache, dass die Polizei in der Silvesternacht offenbar nicht in jede Nische schauen konnte. Doch selbst dies ist merkwürdig. Wenn besoffene und notgeile Verrückte minutenlang Raketen zwischen die Füße werfen, muss man seine Präsenz erhöhen, dass musste die Polizei sehen. Und dann muss auch reingegrätscht werden. Das Bedrohungsszenario ist kaum auszumalen. Welch ein Glück, dass es keine weiteren auch körperlich Verletzten gab. 


Aber ein "weiter so" wird es jetzt nicht mehr geben, das kündigten die Polizeichefs an. Bei Großereignissen und Festen, und davon gibt es in Köln viele, als nächstes steht der Karneval an, werden vor dem Bahnhof Lichtmasten postiert. "Sonst bringen Überwachungskameras gar nichts", sagt Michael Temme zu Recht. Diesmal waren sie nur Attrappe. Lediglich elf (!) Straftäter wurden in "Gewahrsam" genommen, darunter waren dann nur vier Festnahmen. Die Verwahrten sind längst wieder raus. Wer die Täter sind, darüber tappt die Polizei eben vorerst im Dunkeln. Die 90 Anzeigen werden eventuell Licht rein bringen.

Munition für rechte Stammtische

Die weitere Dimension reicht weit über Köln hinaus: Die Stammtische, reale wie virtuelle, und vor allem die Rechten bekommen nun reichlich Munition gegen Fremde und Flüchtlinge. Darüber ärgert sich Michael Temme am meisten: "Diese Vollidioten haben nun genau das Image gegen Flüchtlinge befördert, das wir vermeiden sollten.“ OB Reker, die ehemalige Dezernentin für die Flüchtlingsunterbringung, nahm die Neuankömmlinge in Schutz: "Es gibt keine Anzeichen für eine Beteiligung.“

Die Ratlosigkeit und Überraschung waren greifbar in Köln, wo der Presseraum aus allen Nähten platze. Fast schon etwas hilflos empfahl Henriette Reker jungen Frauen, in der Gruppe zu bleiben und Abstand zu halten.

Köln ist lange nicht über den Berg. Die nächst große Bewährungsprobe steht in nicht einmal vier Wochen am 4. Februar an. Dann ist Weiberfastnacht und der Straßenkarneval beginnt. "Dann werden wir anders aufgestellt sein", kündigte Wolfgang Albers an. Nach den Ereignissen der Silvesternacht kann einem mulmig werden. Und was es hier noch gefährlicher macht: Die Täter dürfen sich verkleiden. Das Sicherheitsgefühl in Köln ist be-schädigt, kein guter Einstieg in das Jahr 2016, aber vielleicht die Wende zu mehr Polizeipräsenz. An den Ressourcen liegt es jedenfalls nicht, sagt Michael Temme. NRW stellt im Gegensatz zu anderen Bundesländern in den kommenden vier Jahren deutlich mehr Beamte ein. Aber auch die können nicht überall sein.

Die Geschehnisse in der Silvesternacht in Köln
Böller von der Domplatte

Gegen 21 Uhr waren rund 400 junge Männer, hauptsächlich zwischen 15 und 35 Jahre alt und arabischen bzw. nordafrikanischen Aussehens, auf der Treppe vor dem Dom und der Domplatte (in rot hervorgehoben) versammelt. Sie waren laut Polizei teils stark alkoholisiert und feuerten "Feuerwerkskörper unkontrolliert ab". Die gelbe Markierung zeigt den Platz vor dem Hauptbahnhof.

© Foto: Google Earth / Aero West
Räumung der Domplatte

Gegen 23 Uhr war die Gruppe auf rund 1000 Männer angewachsen, die Stimmung wurde aggressiver, immer mehr Böller und Raketen flogen umher. Daraufhin entschloss sich die Polizei, die Domplatte (im Bild rot hervorgehoben) zeitweise zu räumen. Erst nach Mitternacht, gegen 00:45 Uhr, wurde der Platz wieder freigegeben.

© Foto: Google Earth / Aero West
Sexuelle Übergriffe

In der Zwischenzeit müssen sich bereits die ersten sexuellen Übergriffe auf Frauen und Diebstähle ereignet haben. Die Polizei bekommt erste Anzeigen. Von mehreren Tätern in Gruppen sollen Frauen eingekesselt, begrapscht, bedrängt und beraubt worden sein. 90 Anzeigen gehen bis Dienstag bei der Polizei ein.


Das Bild zeigt die Kölner Innenstadt rund um den Dom. An Silvester war alles voll mit Menschen.

© Foto: Google Earth / Aero West
Falscheinschätzung der Polizei

Dennoch berichtet eine Polizei-Pressemitteilung vom Neujahrsmorgen von "weitgehend friedlichen Silvesterfeierlichkeiten". Diese Einschätzung sei absolut falsch gewesen, sagt der Polizeipräsident auf einer Pressekonferenz am 5. Januar.


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