Als es in Tschernobyl zum GAU kommt, leben Irina und Wladimir Wachidowa mit ihren beiden kleinen Töchtern in Pripjat, nur drei Kilometer vom Reaktor entfernt. Im Interview berichtet Irina vom Überleben der Katastrophe, die ihr Leben veränderte.

Anna Ratkewitsch (l.,82) lebt mit ihrem Ehemann Illya Mykytenko - anders als das Ehepaar Wachidowa - noch heute nur wenige Kilometer von Tschernobyl entfernt© Sergey Dolzhenko/DPA
Wachidowa: Ich glaube schon, dass die Menschen etwas aus dieser Katastrophe gelernt haben und die Welt auf dem Sektor der Kernenergie sicherer geworden ist. In der Ukraine fehlen aber leider die finanziellen Mittel, um die Sicherheitsstandards auf Weltniveau zu erfüllen.
Wachidowa: Ja, zu Anfang haben wir den Behörden völlig vertraut. Das war man in der Sowjetunion so gewohnt: Die Regierung wusste immer, was sie tat. Als man uns in Lissitschansk unsere Sachen wegnahm, wurde mir klar, dass sie dachten, dass alles verstrahlt worden war - trotz der Evakuierung und der Durchsagen im Radio, dass wir nie in Gefahr gewesen seien. Dann drohte man meinem Mann, ihn als Deserteur zu verhaften, was vollkommen unsinnig war. Da bekam ich Angst, dass die Behörden vielleicht doch nicht wussten, was sie taten. Es war sehr verunsichernd, plötzlich wurde einem der Boden weggezogen, überall gleichzeitig.
Wachidowa: Die Menschen, die nicht direkt betroffen waren, wussten nicht viel über den Unfall - nur das, was im Radio und in den Zeitungen kam, und dann, was die Flüchtlinge erzählten, überall, wohin sie kamen. Nachrichten wurden von Menschen weiter getragen, nicht durch Medien, die waren nicht zuverlässig. Aber durch das Unwissen kam es natürlich auch vor, dass Menschen Angst vor uns hatten und dachten, wir waren verstrahlt und ansteckend. Grundsätzlich versuchte man aber, einander zu helfen, auch wenn alle damals wenig hatten.
Wachidowa: Ich hatte meine Kinder und meinen Mann, ich konnte doch gar nicht aufgeben! Man steht jeden Morgen auf, und die Kinder sind da, und man muss ihnen Frühstück machen und für sie da sein. Das war ja nicht nur meine Pflicht, sondern gab mir auch sehr viel Kraft. Wir haben für die Zeit gelebt, wenn alles besser würde. Und es wurde ja auch besser. Man denkt nicht immer darüber nach. Man muss doch einfach weiterleben.
Wachidowa: Ich glaube, für alle Tschernobylzi (Anm.: So wurden die Betroffenen aus dem Katastrophengebiet genannt) gibt es ein Leben vor der Katastrophe und ein Leben nach der Katastrophe. Tschernobyl war ein Einschnitt in unserem Leben. Man kann mit einem solchen Ereignis nicht abschließen.
Hilliges: Das würde ich gerne, ja. Der Mensch kann einen unglaublichen Überlebenswillen entwickeln. Ich bewundere die Wachidows sehr: Sie hätten auch aufgeben können, aber sie taten es nicht. Ich verstehe jeden, den Verlust und Leid in einer solchen Situation aufgeben lassen. Wenn man so etwas selbst nicht erlebt hat, kann man nur ahnen, wie schwer es sein muss. Aber jeder Geburtstag, den Wladimir feiert, ist ein Beweis dafür, dass es sich lohnt zu kämpfen, selbst wenn man meint, dass es kaum eine Chance gibt.
Interview: Anna Huber/AP
Lesen Sie im neuen stern die Rekonstruktion der Katstrophe von Tschernobyl: Die Fehler, die Explosion, die Aufräumarbeiten, die Schicksale. Große Infografiken veranschaulichen die Kette fataler Fehlentscheidungen in der Nacht zum 26. April 1986, durch die mehr Radioaktivität freigesetzt wurde als durch 100 Hiroshima-Bomben.
Das Buch Antje Hilliges und Irina Wachidowa: "Der Tag, an dem die Wolke kam". Heyne Verlag, 272 Seiten, ISBN 3-453-64508-1, 7,95 Euro.