Mittelschicht unter Plastikplanen

2. April 2009, 11:20 Uhr

Während in London die G20-Regierungschefs beraten, treten in den USA die dramatischen Auswirkungen der Wirtschaftskrise immer deutlicher zutage. Täglich verlieren Menschen ihr Zuhause und landen auf der Straße. Obdachlosenheime sind überfüllt, und so zieren immer mehr provisorisch errichtete Zeltstädte Amerikas Großstädte. Von E. F. Kaeding, Sacramento

Zeltsiedlungen, USA, Arbeitslose, Obdachlose

Einfache Zelte dienen den Obdachlosen als Zuhause: Karen Hersch ist eine der Bewohnerin der Zeltsiedlung in Sacramento©

Sie hatte ein Haus am Meer. Jetzt muss sie sich ihre Schlafstube, einen weißen Honda Geländewagen, mit zwei Hunden teilen. Seit die 67-jährige Barbara Harvey Anfang des Jahres ihren Job als Beauftrage von Darlehnsanträgen verloren hat, muss sie ihr Bett jede Nacht in ihrem Auto zurechtmachen. Die wenigen Ersparnisse, die sie noch hatte, waren schnell aufgebraucht. Das Leben in Santa Barbara, Kalifornien, ist nicht billig: Ein Haus von mittlerem Wert kann leicht über eine Million Dollar kosten. Und so gingen drei Viertel ihres Gehalts für die Miete verloren. Außer dem Geländewagen und den beiden Golden Retrievern ist Barbara Harvey von ihrem früheren Leben nichts geblieben. "Mein Leben ist den Bach runter", erzählt sie einem CNN-Reporter. "Es ist alles so schnell geschehen."

Ähnlich wie Barbara Harvey geht es immer mehr Amerikanern, die durch den freien Fall der Wirtschaft ihr Hab und Gut verloren haben und sich nun auf der Straße wiederfinden. Dabei ist der 67-Jährigen noch ihr Auto geblieben. Die meisten der Betroffenen haben alles verloren. Ohne Haus, Auto und Geld, bleibt ihnen oft nichts anderes übrig, als sich vom letzten Ersparten ein Zelt zu kaufen und dorthin zu ziehen, wo bereits andere ihre Zelte und Baracken aus Abfallholz aufgestellt haben.

Eine der bittersten Episoden

Der Anblick dieser Zeltsiedlungen, Tent Cities genannt, weckt Erinnerungen an die 1930er Jahre in den USA. Während der Großen Depression nannte man solche Barackenlager Hoovervilles - benannt nach dem damaligen US-Präsidenten Herbert Hoover, der für den Absturz der Wirtschaft verantwortlich gemacht wurde. Diese Elendsviertel, der durch die Wirtschaftskrise mittellos Gewordenen, gehören zu einer der bittersten Episoden der amerikanischen Geschichte. Jetzt, knapp achtzig Jahre später, scheint sich die Geschichte zu wiederholen. Quer durch Amerika sprießen Tent Cities aus dem Boden. Vom äußersten Nordweststaat Washington, über Nevada und den Golden State Kalifornien bis in den Süden nach Florida und Georgia.

Eine dieser Zeltstädte findet man in Kaliforniens Hauptstadt Sacramento. Die Tent City "Wasteland", wie sie die Bewohner frei nach T. S. Eliots Gedicht "Das wüste Land" nennen, ist über die letzten Wochen zu zweifelhaftem Ruhm gelangt. Dank einer TV-Reportage von Amerikas bekanntester Talkshowfrau, Oprah Winfrey, die eine nationale wie internationale Berichterstattung nach sich zog. Obwohl die meisten der etwa 200 Bewohner schon seit Jahren obdachlos und nur wenige direkte Opfer der Immobilienkrise sind, spricht der steigende Bedarf nach Hilfe in Kaliforniens Hauptstadt eine eindeutige Sprache.

Ohne Job und ohne Dach über dem Kopf

Die Leiterin des St. John's Shelter für Frauen und Kinder in Sacramento, Michele Steeb, erklärt, die Zahlen der Bedürftigen seien innerhalb von zwei Jahren um das Zehnfache angestiegen. Jede Nacht müsse sie weit mehr als 200 Menschen abweisen, weil das Heim überfüllt sei.

Viele dieser Menschen haben erst kürzlich ihren Job verloren. Die Arbeitslosenzahl in Kalifornien liegt bei 10,5 Prozent und ist eine der höchsten im ganzen Land. Der bevölkerungsreichste Staat der USA wurde mit am härtesten von der Wirtschaftskrise getroffen. Zwangsvollstreckungen nahmen im letzten Jahr um 327 Prozent zu, täglich verloren fast 500 Menschen ihr Zuhause. Aber auf der Straße landen nicht nur die, die ein Eigenheim besaßen und ihre Raten nicht mehr zahlen konnten. Die Zahl der Obdachlosen erhöht sich auch deshalb, weil Eigentümer von Apartmentkomplexen ihren Besitz durch Zwangsvollstreckungen verloren haben und dadurch hunderte Mieter an die Luft gesetzt worden sind. Menschen, die einen guten Job hatten und der Mittelklasse angehörten, finden sich plötzlich ohne Obdach auf der Straße wieder.

Auch Tena und ihrem Mann Corvin, der bis vor Kurzen noch gutes Geld mit dem Verkauf von Autos verdiente, stehen ohne Haus da. Das Ehepaar ist in den Fünfzigern und musste unlängst in Sacramentos Tent City einziehen, nachdem Corvin seinen Arbeitsplatz einbüß hatte. Die Obdachlosenheime waren überfüllt, und so kaufte sich das Ehepaar ein kleines Zelt von seinen letzten Ersparnissen. Ihrem 35-jährigen Sohn habe sie noch nichts von ihrer neuen Situation erzählt, erklärt Tena. "Er soll sich keine Gedanken machen. Ich ruf ihn einmal im Monat an und erzähl ihm, dass wir gesund sind und dass es uns gut geht."

"Es ist ein hartes Leben"

In unmittelbarer Nachbarschaft von Tena und Corvin lebt Jim. Nach 30 Jahren im Baugewerbe bekam er vor einem halben Jahr immer weniger Aufträge, bis sie schließlich ganz ausblieben. "Ich bin daran gewöhnt, Strom, ein eigenes Badezimmer, einen Fernseher und ein Dach über dem Kopf zu haben", sagt er. "Nie im Leben habe ich daran gedacht, hier zu enden." Obwohl er jeden Tag zu lokalen Baufirmen geht und nach Arbeit fragt, kriegt er überall die gleiche Antwort: "Wir stellen keine Leute ein."

Wohl keiner der Anwesenden in "the wasteland" hätte jemals damit gerechnet, einmal in einem Zelt wohnen zu müssen. Es ist eine Katastrophe, auf die man sich aber wohl oder übel einstellen muss. Das Leben im Zelt erinnert Tena an die Pioniertage und Besiedlung des Westens der USA. "Man muss viel Neues lernen", sagt sie den Kamerateams vor Ort. "Es ist ein hartes Leben."

In Kalifornien sind Obdachlose keine Neuigkeit. In Sacramento leben fast 1300 Menschen auf der Straße. Seit Langem kennt die Stadt den Anblick von Menschen, die mit Einkaufswagen, gefüllt mit Schlafsack und schwarzen Mülltüten, durch die Straßen ziehen. Doch die jetzige Situation überfordert die Behörden. Die Zahl der Obdachlosen ist in den letzten zwei Jahren um 26 Prozent gestiegen. Keiner weiß, wohin mit den Menschen, die keinen Platz mehr in den entsprechenden Unterkünften finden. Die Stadt überlegt, die Zeltstadt räumen zu lassen und die Bewohner in leerstehenden Häuser unterzubringen. Langfristig würde man das Problem so aber nur verschieben, nicht beseitigen. Dennoch beschlossen Kaliforniens Gouverneur Schwarzenegger und Sacramentos Bürgermeister Kevin Johnson, die Zeltstadt und ihre Bewohner auf das lokale Messegelände umzusiedeln. Der Umzug garantiert den Menschen einen trockenen Unterschlupf, medizinische Versorgung und eine warme Mahlzeit, ließ Schwarzenegger verlauten.

Lesen Sie auf der zweiten Seite: Selbst die mexikanischen Immigranten wandern wieder zurück über die Grenze nach Mexiko ...

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KOMMENTARE (10 von 45)
 
utospatz (03.04.2009, 19:34 Uhr)
Was ein Gipfel im Gipfel!
Hat ein solcher Wipfel außer einem Frühstück und einem Dinner der Welt etwas gebracht? Die Hedgefonds werden nach wie vor von Banken auf steuerzahlers Kosten weiter gefüttert. Ein jedes Arschloch das gerade 1ne Million frei hat kann weiterhin auf steigende Reis, bzw Maispreise wetten, damit in fernen Welten millionen vor Hunger verrecken! Der ärmste Globus ist der Profiteur, wenn nur noch 20 Arschlöcher leben, haucht auch ein Profiteur das Leben falls er eines hatte aus!
Mindme (03.04.2009, 08:02 Uhr)
Mitleid ja, aber auch ein bisschen selbst schuld
Jahrelang hat diese "Mittelschicht" konsumiert was das Zeug hält, massiv über ihre Verhältnisse gelebt als gäbe es kein morgen. Der typisch amerikanische Optimismus fällt den Leuten jetzt sowas von vor die Füße. Dazu kommt, keinerlei soziales Netz, keine Arbeitslosenversicherung, keine Krankenversicherung und keine Ersparnisse - im Gegenteil, die Kreditkarten bis zum Anschlag überzogen. Aber auf der anderen Seite hat die Ganze Welt hat von der Kauflaune in den USA profitiert. Mal sehen, ob Amerikas naive Kinder jetzt erwachsen werden und lernen, dass sie für sich selbst verantwortlich sind, mehr als in den meisten anderen Ländern. Busch hat die Krise sicherlich verschärft aber erfunden hat er sie nicht.
Johann58 (03.04.2009, 03:54 Uhr)
@peterpan1001
und beim Zusammenbruch der USA und der Aufteilung in 4 Staaten wird Christopher Columbus vor Gericht gestellt weil er uns die ganze Scheisse eingebrockt oder wie habe ich deinen Kommentar zu deuten? Wuerde mich aber noch interessieren wie die Teilstaaten aussehen. Austria/America im Westen, Mexico/America im Sueden oder so?
@gisella
Anfangs hatte ich noch geglaubt man koennte mit 040815 diskutieren oder wenigsten streiten, geht aber nicht weil er die postings ausschliesslich danach durchsucht ob jemand etwas kritisches zu den USA schreibt, was ja durchaus was positives sein kann. Es sei denn man ist davon ueberzeugt, dass es das Paradies auf Erden wenn nicht gar des Universuma ist. Sein 042020 als Jahreszahl war denn der 31. Geburtstag von Groefaz und da weiss ich nicht was ich davon halten soll.
peterpan1001 (03.04.2009, 00:30 Uhr)
2012 gibts keine usa mehr
die usa werden spätestens in 2 jahren auseinanderbrechen in 4 teilstaaten.
in 3 jahren gibts keine usa mehr.
neben diesem politischen erdbeben gibts auch ein reales erdbeben mit vulkanausbrüchen.
welcome on highway to hell
Gisella (02.04.2009, 23:07 Uhr)
Ach-Chatta.................
-hast IHN wohl auch gewählt??? "Verfehlte Wirtschaftspolitik des Presidenten Bush"-dachte Du konntest noch lesen. Brauchst mir nichts zu erzählen-20 Jahre in den USA waren sehr lehrreich für uns. Auch nach 9/11 hat er die Amis aufgefordert, weiter zu "spenden", also kaufen, kaufen. Das war wichtig für ihn.Wo sind all die missing Milliarden geblieben-seine Wähler könten es heute gebrauchen. Hat man dich schon "umerzogen".
chatahootchee (02.04.2009, 22:47 Uhr)
@GISELLA: JAWOHL
furchtbar, wirklich furchtbar ... Ihre Beitraege.
chatahootchee (02.04.2009, 22:46 Uhr)
@JULIAN2225
Ich rede nicht von Extremen, den Gamblern an der Boerse; mein Geld haben DIE nicht.
Ich rede auch nicht von Detroit, die haben schon lange ein Problem, z.B. die vergangenen Buergermeister. Ich erwaehne Beispiele vom Sued-Osten der USA.
Frage ist bloss, ob Amerika mit seiner Mentalitaet ein Fuersorgesystem annimmt?
Gisella (02.04.2009, 22:40 Uhr)
Furchtbar, was sich
in den USA abspielt.Das ist der preis, den man zahlt, wenn man den Kriegsverbrecher Bush zweimal wählt-diesen Verlierer-wo ist er übrigens-????Versteckt sich in Crawford????
Gisella (02.04.2009, 22:36 Uhr)
hello -Johann58
schön, dass wir uns wieder einig sein können, was den 4.20.20 anbetrifft-der ist sick.
Julian2225 (02.04.2009, 22:17 Uhr)
@chatahootchee
Well, das von ihnen erwaehnte "public housing" hat auch seine Grenzen erreicht. Eine Wartezeit von fast einem Jahr, selbst fuer Muetter mit Neugeborenen, ist die Regel, zumindest in WA! Das Elend ist viel groesser als es dargestellt wird und es wird noch weiter wachsen.
Man kann das ganze auch etwas lockerer sehen und sagen das es alles nicht soooo schlimm ist, lebbe geht weiter, aber fuer die fuehrende westliche Wirtschaftsnation ist es ein Armutszeugnis das FAST kein soziales Netz besteht! Menschen werden mit Foodstamps zugeworfen, haben aber keine Chance etwas auf einem Herd zu kochen! Widerspruechlicher gehts nicht. Und wenn man dann liest das der Dow wieder ueber 8000kletterte und weitere Stellen abgebaut werden dann weiss man das dieser Index kein Wirtschaftsindex mehr ist, sondern ein Gewinnmaximierungsindex.
Auch da sind die USA Spitzen-und Wellenreiter!!
Und was Hauspreise angeht...nun es gibt in Detroit, wie ich hoerte, Haeuser fuer 18.000Dollar und aufwaerts. Allerdings sollte man bedenken das dort ganze Strassenzuege leer stehen, Jobs weiterhin abgebaut werden und keine weiteren geschafft werden und das die Autoindustrie dort ihren Sitz hat (GM)!
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