1. Juni 2008, 12:23 Uhr

"Schnapp sie dir, sie ist deine Frau"

Im Jemen wird jedes vierte Mädchen zwischen zehn und 14 Jahren verheiratet. Die zwölfjährige Nudschud Ali ist eine von ihnen. Oder war es. Denn sie zog gegen ihren Mann vor Gericht und reichte die Scheidung ein - ein Wagnis in einem Land, in dem Kinder wie sie keine Rechte haben. Von Uli Rauss

Seit sie durch ihre Scheidung bekannt geworden ist, trägt Nudschud in der Öffentlichkeit meistens einen Schleier©

Bevor sich das Mädchen morgens auf den Weg macht zur Schule, zurren ihre flinken Hände den schwarzen Umhang zurecht, bis der ganze Körper bedeckt ist. Nur ein Sehschlitz für die tiefbraunen Augen bleibt frei. So kann Nudschud durch die Straßen huschen, ohne dass Gesichter sie anstarren wie eine Sensation oder eine Schande. Es ist sicherer für sie, nicht erkannt zu werden. Nicht die berühmte achtjährige Kinderbraut zu sein, die es gewagt hat, gegen ihren Vater und ihren Ehemann vor Gericht zu ziehen.

Als Nudschud sich neulich zurückmeldete in der "Grundschule des 26. September", freuten sich alle. "Toll hast du das gemacht", lobte die Lehrerin, "du hast dafür gekämpft, dich scheiden zu lassen. Wir werden das in der Klasse erklären. Du bist jetzt ein Vorbild."

Aber bald gab es Probleme. Nudschud kommt nicht mehr jeden Tag in die Schule. Weil ihre Eltern die Miete nicht mehr zahlen konnten, mussten sie eine neue Bleibe suchen, und nun dauert der Schulweg für Nudschud mehr als zwei Stunden. Oft ist kein Geld für einen Bus da, dann unterrichtet ihr Bruder Muhammad sie zu Hause, sechs Stunden am Tag. Nudschud weint viel deswegen. "Schule ist etwas so Schönes", sagt sie. Besonders im Jemen, wo zwei von drei Frauen weder lesen noch schreiben können.

Der Fall Nudschud Ali sorgte im vergangenen Monat weltweit für Schlagzeilen: "Jemen - Achtjährige trennt sich von Ehemann und bangt um ihr Leben". Das Mädchen hatte das Böse besiegt: den Vater, der sie verkaufte; den Unhold, der sie missbrauchte; die Kultur und Tradition eines der ärmsten und rückständigsten Länder der arabischen Welt. Es war wie im Film: eine Braut wider Willen, ein hübsches Kind mit großen, hellwachen Augen, das im Gerichtssaal in Sanaa zur Heldin wird.

Nudschud ist in Wahrheit bereits zwölfeinhalb Jahre

Wer sich mit Nudschud unterhält, merkt schnell, dass in ihrem Kinderkörper keine Achtjährige steckt. "Sie ist mental viel weiter", sagt einer der drei Richter, die sich um den Fall gekümmert haben, "vielleicht auch wegen ihrer grausamen Erlebnisse." Nudschud Ali ist in Wahrheit bereits zwölfeinhalb Jahre alt. Sie wurde laut Geburtszertifikat Nr. 7/8258 im Jahr 1995 in der Provinz Hajjah geboren, im Nordwesten.

Nudschuds Vater und eine seiner beiden Ehefrauen mit 8 der insgesamt 14 Kinder der Familie in ihrem ärmlichen Haus in Sanaa©

Nudschud ist ein Kind, das den vielen abstrakten Statistiken über Kinderehen und Kinderrechte im Jemen ein Gesicht gibt. Einzigartig ist ihr Fall, weil sie gegen ihr Schicksal erfolgreich rebelliert hat und damit gegen die Bräuche einer patriarchalischen Stammesgesellschaft. Im Jemen ist nämlich jedes vierte Mädchen im Alter von 10 bis 14 Jahren verheiratet. Im Durchschnitt sind Frauen bei ihrer Hochzeit 14,7 Jahre alt (Männer 21,5 Jahre). Mehr als die Hälfte der Mädchen unter 18 werden in arrangierte Ehen gezwungen. Viele Frauen bekommen ihr erstes Baby unmittelbar nach der ersten Regelblutung und oft alle zwölf Monate weitere Kinder - jemenitische Frauen bringen im Schnitt 6,4 Kinder zur Welt. Die Babys sehr junger Mütter wiegen oft weniger als zwei Kilo. Seit Jahren blockieren Prediger, Politiker und Stammesführer Gesetze gegen Frühehen.

Das alles spiegelt sich auch im Leben von Nudschuds Familie wider. Als sie fünf ist, muss sie mit ihren Eltern und Verwandten das Heimatdorf im Wadi La'a verlassen. Ziegen, Kühe, Hühner, das Gehöft, alles bleibt zurück nach einer Familienfehde mit verfeindeten Cousins. Einer von ihnen verfolgt die Familie bis in die Hauptstadt Sanaa und entführt Nudschuds älteste Schwester, später muss diese ihn heiraten. Als er eine weitere Schwester kidnappt, geht Nudschuds Vater zur Polizei. Der Cousin kommt ins Gefängnis in Sanaa, seine Freunde drohen mit Rache: Nachts schlagen sie den Vater vor seinem Haus blutig. Nudschuds Familie lebt, bitterarm und in Angst, in einem Lehmhaus im al- Rabahi-Viertel der Hauptstadt. Staubige Gassen, Müll, Eselskarren eiern vorbei. Sieben der Kinder schlafen in einem Verlies, in das Licht durch glaslose Fensterluken fällt. Ali Muhammad, der Vater, arbeitet in der Verwaltung der Müllabfuhr und verdient 15 000 Rial im Monat, umgerechnet rund 50 Euro. Das reicht nicht für die Miete für seine beiden Wohnungen, in denen seine Erst- und seine Zweitfrau sowie seine 14 Kinder hausen. Einer der Söhne lebt als Gastarbeiter im Nachbarland Saudi-Arabien und schickt jeden Monat Geld, ein anderer verhökert als Straßenverkäufer CDs. Nudschud wächst auf mit dem Mangel, es reicht nur für Brot, Reis, Bohnen. Käse und Butter kennt sie nicht.

Übernommen aus ... Stern Ausgabe 22/2008

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KOMMENTARE (10 von 67)
 
Alex64 (04.06.2008, 19:42 Uhr)
Fair dinkum,
sheila - and no worrys ......
nese (04.06.2008, 14:04 Uhr)
@h-p-t & @Alex
@h-p-t:
'zu schreiben man kenne ja die argumente der anderen und wäre müssig darüber zu diskutieren ist doch auch etwas arm.'
Ich bin immer wieder von neuen erstaunt, was Sie aus meinen Kommentaren herauslesen. Wie kommen Sie jetzt auf diese Behauptung? Etwa wegen dem angekuendigten Loblied ueber die fanatischen Christen, das ich dann doch nicht gesungen habe?
Ich habe nichts dagegen, dass uns Herr Garnet mit seinen Auslandserfahrungen bereichert. Seine 'Beobachtungen' interessieren mich auch, aber er sollte ein bisschen nachforschen, bevor er diese mit Islam in Verbindung bringt. In seinem sarkastischen Kommentar hat er naemlich Tradition und Religion durcheinander gewuerfelt, und genau dagegen habe ich laut protestiert.
@Alex
'Reicht das? Oder soll ich meine diversen langjährigen Aufenthalte im "englischen Ausland" anführen???'
Ja, ich glaube dir, aber nur wegen deiner langjaehrigen Aufenthalte im englischsprachigen Ausland ;-)
h-p-t (04.06.2008, 09:17 Uhr)
@nese
das was du garnet unterstellst ( seinen sarkastischen beitrag - und das ist offensichtlich - gegen ihn zu verwenden ) ist billig.
wir alle ( alex, garnet, lisa ,du und ich ) treffen uns regelmäßig bei islamkritischen beiträgen, aber zu schreiben man kenne ja die argumente der anderen und wäre müssig darüber zu diskutieren ist doch auch etwas arm.
deine argumente sind gut, genauso gut aber sind die von alex und garnet, besonders die von garnet haben eine gewisse aussagekraft da er und seine frau ( auch schon bekannt aus früheren diskussionen ) einen recht grossen erfahrungswert aus den auslandaufenthalten haben und "aus erster hand" erzählen können, weshalb diesen "gewinn" nicht zur diskussion nutzen ?
h-p-t (04.06.2008, 09:01 Uhr)
Ist es nicht alles eine Frage der Macht über die Frau ?
ich für meinen Teil denke das es nach wie vor die "Wertung der Frau" eine große Rolle spielt, ähnlich wie bei uns auch noch vor nicht allzu langer Zeit ist die Wertigkeit einer Frau / eines weiblichen Wesens allgemein, doch eher gering.
Man kann für alle Regeln die Religion vorschieben und hat so doch immer eine gewisse Macht über die Frau. Das wird von klein auf "reingeschnitten" und zieht sich bis zum Tod der Frau hin...Verschleiert, Unterwürfig usw.
Warum sonst machen die jungen Migranten hier fast ein Fass auf wenn ein Mädchen bauchfrei herumlaufen möchte, oder ein Handy benutzt...warum sonst geschiehen Ehrenmorde ? Weil sich die jungen Mädchen nicht fügen und aus Ihrer Rolle herausfallen... in den Ländern in denen es möglich ist werden Sie offiziel "gerichtet" und gesteinigt , in den "zivilisierteren" Ländern werden Sie halt von der Familie "gerichtet" und heimlich auf Parkplätzen abgestochen.
Die Mütter stehen nicht für Ihre Mädchen ein, sie haben den "Respekt" eingeschlagen / geschnitten etc. bekommen.
"Frauen gefügig machen so das sie dem Mann Untertan ist..." dafür ist die Religion ein tolles Rechtfertigungsinstrument,( alles andere wäre Mohammed und was weiss ich wem alles nicht wohlgefällig ) noch ein paar Extreme die es dann auf biegen und brechen durchsetzen.
Das gab es im Mittelalter auch im Christentum.
@Alex: bewundernswerte Argumente, wie immer auf den Punkt gebracht..
Preussin (03.06.2008, 09:21 Uhr)
@ Alex 64
Ich kann das , Sie nehmen den Koran zu ernst , nicht ganz glauben.Wenn ich sehe , oder höre , daß wieder einer mit Sprengstoffgürtel als Biobombe die Feinde vernichtet , und es ist niemals der Religionsführer oder Prediger selbst. Obwohl es ja auf diese Art geradewegs ins Paradies gehen soll. Ja um des Himmels willen warum drängeln den da die Genannten nicht ? Fürchten sie sich ? Oder sind sie sich doch nicht so ganz sicher mit den Jugfrauen u.s.w. ?
Alex64 (03.06.2008, 09:08 Uhr)
Falsche Sichtweise
"Das Problem sind die Fanatiker, die ihre heiligen Buecher sehr ernst nehmen."
DAS sind ja - nach eurer eigenen, hier immer wieder geäusserten Ansicht - nur sehr wenige.
Das Problem sind eher diejenigen, die nichts gegen diese Fanatiker aus den eigenen Reihen unternehmen oder immer wieder konstatieren, das alles hätte "nichts mit dem Islam" zu tun.
Und natürlich diejenigen, die ihre mitgebrachte mittelalterliche Gesellschaftsform (nein, hat natürlich nichts mit dem Islam zu tun)inklusive der darin gelebten Intoleranz gegenüber allen Andersdenkenden und des steinzeitlichen Ehrbegriffes in einer modernen, humanistischen Sozialstruktur beibehalten wollen.
Alex64 (03.06.2008, 07:23 Uhr)
nese
Nehmen wir doch die englische Version selbst...
"Bashing is a harsh, gratuitous, predjudicial attack on a person, group or subject. Literally, bashing is a term meaning to hit or, colloquially, to assault but when it is used as a suffix, or in conjunction with a noun indicating the subject being attacked, it is normally used to imply a sense of uncompromising vehemence and bigotry about the assailant."
Reicht das? Oder soll ich meine diversen langjährigen Aufenthalte im "englischen Ausland" anführen???
Preussin (03.06.2008, 05:20 Uhr)
Zwangsehe, Beschneidung
Es ist ja historisch belegt , dass Mohamed eine Witwe geheiratet hat , eine reiche Kaufmannswitwe , damit er Reisen und Studien über das Leben in anderen Ländern machen konnte. Da hat ihn die fehlende Jungfräulichkeit nicht gestört. Des weiteren hat er sich nicht gegen die Knabenliebe ausgesprochen , im Gegenteil.Er hat wohl nach seinem Verständnis Lebensregeln aufgestellt, aber sicher nicht die Weiterentwicklung des Geistes verboten ? Wenn Euch Gott geschaffen hat , warum berichtigt ihr ihn und schneidet Teile ab , hat er was falsch gemacht ? Das sagt ihr ja damit. Verwunderlich ist auch das Eure Ehre zwischen den Beinen der Frauen ist . Schlimm für Euch , dass ihr keine bessere Aufbewahrung an eurem Körper dafür findet . Da wäre zum Beispiel der Kopf ein sicherer Ort. Das Wort Ehrenmord ist eine Schande für die Menschheit .Benennt es doch nach der Ursache , wie könnt ihr , weil ihr eure Sexualität nicht steuern könnt , die Köpfe der Frauen unter Tücher verbergen . Sollte nicht die Ursache dafür in der Quelle gesucht werden im Kopf der Herren. Gebt obacht , dass die Frauen nicht eines Tages aufstehen und euch beschneiden , Eunuchen haben keine Probleme mit der Sexualität und können auch ihre Gedanken zusammennehmen , wenn eine unverhüllte Frau vor ihnen steht. Also wo ist die Ursache des Übels ?
nese (03.06.2008, 00:42 Uhr)
@guinness, @manesse & @Alex
@guinness
'Unvorstellbar für mich, daß es sogar hier im Forum noch Befürworter gibt.'
Wegen diesem Satz habe ich jetzt alle Kommentare noch einmal durchgelesen. Ich habe keinen einzigen Kommentar gefunden, wo eine Zwangsverheiratung von Kindern befuerwortet wird. Lesen Sie bitte die alles genau durch, wenn Sie das naechste mal so einen Unsinn schreiben.
@manesse
Wieso sind Sie so empfindlich? Wo habe ich Ihnen denn verboten zu reden und ist es denn eine Drohung, wenn ich sage 'gleich fange ich an zu singen'? Dieses Erlebnis mit den halbwuechsigen Gewalttaetern ist natuerlich tragisch. Aber Sie sollten wissen, dass diese Jugendliche meist ueberhaupt keine Ahnung haben von ihrer eigenen Religion. Homosexualitaet wird leider nicht nur im Islam, sondern auch im Christentum (auch im neuen Testament!) verurteilt, das muessten Sie eigentlich wissen. Das Problem sind die Fanatiker, die ihre heiligen Buecher sehr ernst nehmen.
@Alex
'Guckst Du hier... http://dict.leo.org/'
Na so was. Mein Online Dictionary http://dict.tu-chemnitz.de/ sagt aber was anderes. Was stimmt denn nun?
mona.lisa (02.06.2008, 20:20 Uhr)
Am schlimmsten finde ich, daß diese Männer...
...Unterstützung von ihren Müttern, also auch Frauen, bekommen.
Die müßten doch selbst am besten wissen, wie sich bei ihrer eigenen Zwangsverheiratung gefühlt haben!
.
Typisch für diese Hinterwäldler ist, daß sie vollkommen unflexibel, intolerant und hasserfüllt auf alles reagieren, was auch nur irgendwie außerhalb ihrer eigenen kleinen Welt liegt: ob Frauen (die aus dem Ruder laufen) oder Homosexuelle (die nach ihrem Weltbild "nicht normal" sind) oder Kinder, die sich wehren.
Sie alle werden entweder gefügig geprügelt oder umgebracht, und diese Männer fühlen sich auch noch im Recht.
.
Die Kleine ist unglaublich mutig, aber leider wird sie wohl früher oder später das Opfer eines "Ehrenmordes" werden. Das ist die bittere Realität.
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