Im Jemen wird jedes vierte Mädchen zwischen zehn und 14 Jahren verheiratet. Die zwölfjährige Nudschud Ali ist eine von ihnen. Oder war es. Denn sie zog gegen ihren Mann vor Gericht und reichte die Scheidung ein - ein Wagnis in einem Land, in dem Kinder wie sie keine Rechte haben. Von Uli Rauss

Seit sie durch ihre Scheidung bekannt geworden ist, trägt Nudschud in der Öffentlichkeit meistens einen Schleier© Karim Ben Khelifa
Bevor sich das Mädchen morgens auf den Weg macht zur Schule, zurren ihre flinken Hände den schwarzen Umhang zurecht, bis der ganze Körper bedeckt ist. Nur ein Sehschlitz für die tiefbraunen Augen bleibt frei. So kann Nudschud durch die Straßen huschen, ohne dass Gesichter sie anstarren wie eine Sensation oder eine Schande. Es ist sicherer für sie, nicht erkannt zu werden. Nicht die berühmte achtjährige Kinderbraut zu sein, die es gewagt hat, gegen ihren Vater und ihren Ehemann vor Gericht zu ziehen.
Als Nudschud sich neulich zurückmeldete in der "Grundschule des 26. September", freuten sich alle. "Toll hast du das gemacht", lobte die Lehrerin, "du hast dafür gekämpft, dich scheiden zu lassen. Wir werden das in der Klasse erklären. Du bist jetzt ein Vorbild."
Aber bald gab es Probleme. Nudschud kommt nicht mehr jeden Tag in die Schule. Weil ihre Eltern die Miete nicht mehr zahlen konnten, mussten sie eine neue Bleibe suchen, und nun dauert der Schulweg für Nudschud mehr als zwei Stunden. Oft ist kein Geld für einen Bus da, dann unterrichtet ihr Bruder Muhammad sie zu Hause, sechs Stunden am Tag. Nudschud weint viel deswegen. "Schule ist etwas so Schönes", sagt sie. Besonders im Jemen, wo zwei von drei Frauen weder lesen noch schreiben können.
Der Fall Nudschud Ali sorgte im vergangenen Monat weltweit für Schlagzeilen: "Jemen - Achtjährige trennt sich von Ehemann und bangt um ihr Leben". Das Mädchen hatte das Böse besiegt: den Vater, der sie verkaufte; den Unhold, der sie missbrauchte; die Kultur und Tradition eines der ärmsten und rückständigsten Länder der arabischen Welt. Es war wie im Film: eine Braut wider Willen, ein hübsches Kind mit großen, hellwachen Augen, das im Gerichtssaal in Sanaa zur Heldin wird.
Wer sich mit Nudschud unterhält, merkt schnell, dass in ihrem Kinderkörper keine Achtjährige steckt. "Sie ist mental viel weiter", sagt einer der drei Richter, die sich um den Fall gekümmert haben, "vielleicht auch wegen ihrer grausamen Erlebnisse." Nudschud Ali ist in Wahrheit bereits zwölfeinhalb Jahre alt. Sie wurde laut Geburtszertifikat Nr. 7/8258 im Jahr 1995 in der Provinz Hajjah geboren, im Nordwesten.

Nudschuds Vater und eine seiner beiden Ehefrauen mit 8 der insgesamt 14 Kinder der Familie in ihrem ärmlichen Haus in Sanaa© Karim Ben Khelifa
Nudschud ist ein Kind, das den vielen abstrakten Statistiken über Kinderehen und Kinderrechte im Jemen ein Gesicht gibt. Einzigartig ist ihr Fall, weil sie gegen ihr Schicksal erfolgreich rebelliert hat und damit gegen die Bräuche einer patriarchalischen Stammesgesellschaft. Im Jemen ist nämlich jedes vierte Mädchen im Alter von 10 bis 14 Jahren verheiratet. Im Durchschnitt sind Frauen bei ihrer Hochzeit 14,7 Jahre alt (Männer 21,5 Jahre). Mehr als die Hälfte der Mädchen unter 18 werden in arrangierte Ehen gezwungen. Viele Frauen bekommen ihr erstes Baby unmittelbar nach der ersten Regelblutung und oft alle zwölf Monate weitere Kinder - jemenitische Frauen bringen im Schnitt 6,4 Kinder zur Welt. Die Babys sehr junger Mütter wiegen oft weniger als zwei Kilo. Seit Jahren blockieren Prediger, Politiker und Stammesführer Gesetze gegen Frühehen.
Das alles spiegelt sich auch im Leben von Nudschuds Familie wider. Als sie fünf ist, muss sie mit ihren Eltern und Verwandten das Heimatdorf im Wadi La'a verlassen. Ziegen, Kühe, Hühner, das Gehöft, alles bleibt zurück nach einer Familienfehde mit verfeindeten Cousins. Einer von ihnen verfolgt die Familie bis in die Hauptstadt Sanaa und entführt Nudschuds älteste Schwester, später muss diese ihn heiraten. Als er eine weitere Schwester kidnappt, geht Nudschuds Vater zur Polizei. Der Cousin kommt ins Gefängnis in Sanaa, seine Freunde drohen mit Rache: Nachts schlagen sie den Vater vor seinem Haus blutig. Nudschuds Familie lebt, bitterarm und in Angst, in einem Lehmhaus im al- Rabahi-Viertel der Hauptstadt. Staubige Gassen, Müll, Eselskarren eiern vorbei. Sieben der Kinder schlafen in einem Verlies, in das Licht durch glaslose Fensterluken fällt. Ali Muhammad, der Vater, arbeitet in der Verwaltung der Müllabfuhr und verdient 15 000 Rial im Monat, umgerechnet rund 50 Euro. Das reicht nicht für die Miete für seine beiden Wohnungen, in denen seine Erst- und seine Zweitfrau sowie seine 14 Kinder hausen. Einer der Söhne lebt als Gastarbeiter im Nachbarland Saudi-Arabien und schickt jeden Monat Geld, ein anderer verhökert als Straßenverkäufer CDs. Nudschud wächst auf mit dem Mangel, es reicht nur für Brot, Reis, Bohnen. Käse und Butter kennt sie nicht.
Übernommen aus ...
Ausgabe 22/2008