19. Juli 2012, 16:43 Uhr

Der Anfang von Assads Ende

Vier Getreue des Herrschers Assad sterben bei einem Anschlag, auch in der Hauptstadt wird nun gekämpft - im Fall Syrien drängen sich Parallelen zu Libyen auf. Doch es gibt entscheidende Unterschiede. Eine Analyse von Steffen Gassel

Syrien, Damskus, Politik, Macht, Baschar al-Assad, Assad, Diktator, Eskalation

Rauchwolken über Damaskus: In der Hauptstadt wird gekämpft, mittlerweile sollen sogar Kampf-Hubschrauber im Einsatz sein©

Was bedeutet der Anschlag von Damaskus? Stürzt Syriens Machtapparat in sich zusammen wie ein Kartenhaus, nun da vier der wichtigsten Säulen des Regimes tot sind und mehrere weitere schwer verletzt? Wie reagieren Präsident Baschar al-Assad und seine Truppen auf die Rebellen, deren Angriffe im Zentrum der Hauptstadt ihre Herrschaft offener denn je herausfordern? Und: Wo ist der syrische Diktator überhaupt?

Seit Mittwochmittag ein Sprengsatz im Gebäude des nationalen Sicherheitsrats am sonst beschaulichen Rawda-Platz im Zentrum von Damaskus explodierte, ist die Lage in Syrien noch chaotischer und unübersichtlicher, als sie es ohnehin seit Monaten war. Eines scheint klar: Mit der Eliminierung vierer von Assads Spitzenleuten ist eine Eskalation der Gewalt in Gang gesetzt, an deren Ende der Sturz Assads stehen wird. Nur: Wie lange es noch dauern wird, bis dieses Ende erreicht ist – das ist weiter völlig unklar.

Zwar scheinen sich die Gerüchte von der Flucht des Staatschefs in die Heimatregion seiner Familie nahe der Mittelmeerstadt Latakia in ein Schema des Zerfalls zu fügen, wie die Welt es vor knapp einem Jahr in Libyen erlebte. Dort war mit dem Sturm der Rebellen auf die Hauptstadt Tripolis und der Flucht Gaddafis in seine Geburtstadt Sirte das Ende des Regimes besiegelt. Doch diese Parallelen taugen kaum zur Einordnung der Lage in Syrien.

Artillerie- und Panzerbeschuss auf Wohngebiete

Assad hat weiterhin starke, loyale Truppenverbände zur Verfügung – die nun mehr denn je mit dem Rücken zur Wand stehen. Eine Schlüsselrolle dürften die Elite-Einheiten spielen, die sich großteils aus Mitgliedern Assads alawitischer Sekte rekrutieren. Und im offenen Kampf gegen die Aufständischen bisher kaum zum Einsatz gekommen sind. Denn bisher waren sie vor allem hinter den Fronten im Einsatz. Als Enforcer, die dafür sorgten, dass die regulären, mehrheitlich sunnitischen Truppen den Befehlen aus Damaskus gehorchten. Weil sie wussten, dass denen, die sich widersetzten, ein Schuss in den Rücken drohte.

Meldungen aus Damaskus berichten am Donnerstag von Kampf-Hubschraubern, die viele Viertel der Stadt aus der Luft unter Feuer nehmen. Auch im Rest des Landes gehorchen Assads Truppen offenbar weiterhin den Befehlen des Regimes. Aus der Region um die Städte Homs und Hama im Zentrum des Landes und auch als Palmyra in der östlichen Wüste kommen Meldungen über verstärkten Artillerie- und Panzerbeschuss auf Wohngebiete, die in den Händen der Aufständischen sind. Assads Armee gibt sich in den Zentren des Widerstands trotz der Nachrichten aus Damaskus offenbar weiter nicht geschlagen.

Die Angst geht um in Damaskus

Die größte Angst aber dürften die Bewohner von Damaskus haben. Das Staatsfernsehen hat am Donnerstag gewarnt: Bewaffnete, die die Uniformen und Insignien der Republikanischen Garde trügen, planten Angriffe auf die Viertel Tadamon, Midan, Qaa und Nahr Aisha. Diese Viertel sind die Hochburgen der Aufständischen in der Hauptstadt. Die Menschen dort befürchten nun das Schlimmste: Dass loyale Einheiten Assads ein Massaker an der Zivilbevölkerung planen – und das schon im Voraus ihren Gegnern in die Schuhe schieben.

Für Syriens Sunniten beginnt morgen der heilige Fastenmonat Ramadan. Viele haben Angst vor einer Nacht der langen Messer in Damaskus.

 
 
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