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20. Oktober 2011, 22:22 Uhr

Inszenierung eines Untergangs

Warum verschanzte sich Muammar al Gaddafi bis zu seinem Ende in Sirte? Seine Geburtsstadt war wochenlang von den Rebellen belagert, eine Flucht unmöglich. Verzweiflung oder Plan? Von Steffen Gassel

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Eines der letzten Bilder des lebenden Gaddafi: Kämpfer des Übergangsrates mit dem blutüberströmten Diktator© Reuters/Libysches Fernsehen

Er saß also in Sirte. Ein letztes Mal hat der Mann, dem Ronald Reagan den passenden Beinamen "mad dog" (verrückter Hund) verpasste, die Welt genarrt. Und sein eigenes Volk dazu. Wochenlang hatten die Kämpfe um seine Geburtsstadt am Mittelmeer getobt. Erstaunlich zäh war der Widerstand dort gewesen. Doch die Analysten hatten immer wieder in die Wüste gewiesen: Ghadames an der algerischen Grenze; Sabha, die Wüstenfestung auf der Route nach Niger; Bani Walid, die Hochburg des Warfalla-Stamms - das alles schienen wahrscheinlichere Verstecke zu sein.

Die Wüste hätte Fluchtwege geboten

Warum? Weil sie in bedrängter Lage einen Ausweg zu bieten schienen, Richtung Süden, in die Sahara, irgendwohin. Doch Muammar Gaddafi hat es besser gewusst: Die vermeintlichen Auswege gab es nicht mehr. Nicht für ihn. Seit er mit der Kontrolle über die Hauptstadt Tripolis unwiderruflich auch die Macht verloren hatte, führten für ihn alle Wege in die Wüste. Ins Nichts.

Und deshalb macht die hochgerüstete Armee-Basis Sirte, die Gaddafi einst zur Ersatzhauptstadt hatte ausbauen lassen, als finale Zuflucht doch Sinn: Für letzte, ausweglose Abwehrschlachten haben sich größenwahnsinnige Herrscher wie er schon immer am Liebsten dorthin zurückgezogen, wo sich der unvermeidliche Untergang am Besten inszenieren ließ: Weil Tausende bis zum Ende bereit waren, ihnen in den Tod zu folgen. Bei Adolf Hitler war es nicht anders.

Hat er es sich in letzter Sekunde doch noch anders überlegt? Saß er in dem Konvoi, den die Nato heute um 8.30 Uhr nahe Sirte aus der Luft angegriffen hat? Oder ist er von Rebellen im Gefecht gestellt worden? Das suggerieren die verwackelten Handybilder, die über die Satellitensender flimmern. Sie zeigten einen Mann, der Gaddafi ähnelt: Blutüberströmt, auf der Ladefläche eines Pick-Up, umringt von bewaffneten Kämpfern des "Freien Libyen". Und am Leben. Wenig später wurde gemeldet: Gaddafi ist tot und auch von dem Leichnam gibt es erste Bilder.

Hat das Volk sich gerächt?

Es ist nicht unwahrscheinlich, dass die, die ihn gefangen nahmen, ihren Rachegelüsten freien Lauf ließen. Zu viele gab es, die eine Rechnung mit ihm offen hatten: Die Kämpfer aus Misrata, die von Westen gegen Sirte gerückt waren, deren Stadt unter dem Bombardement seiner Truppen gelitten hat wie keine zweite in Libyen; aber auch die Kämpfer aus Darna, Ajdabija und Benghasi, den Hochburgen des islamistischen Widerstands, den das Regime in den 90er mit unfassbarer Brutalität ausmerzte.

Sollte sich bewahrheiten, was die Bilder nahelegen, dann ist Gaddafi genau das widerfahren, was der größte Horror jedes Diktator ist: die Rache des eigenen geknebelten Volkes.

Zuletzt passierte das dem rumänischen Staatschef Nicolae Ceaucescu. Das war im Dezember 1989. Als damals, mitten während des großen Umbruchs in Osteuropa, die Bilder von der Erschießung des Ehepaars Ceaucescu um die Welt gingen, lief es vielen anderen Diktatoren kalt den Rücken herunter. Und viele fragten sich im Stillen: Who's next? Es hat mehr als 20 Jahre gedauert. Und nun ist der Kampf um die Freiheit in Libyen zum dramatischen Höhepunkt der arabischen Revolte geworden.

Für das reiche, geschundene, unbekannte Land zwischen Maghreb und Nahem Osten lautet die drägendste Frage nun: What's next? Bei allem Jubel über das grausame Ende des Diktators - der Kampf gegen sein Erbe hat gerade erst begonnen. Nach mehr als 40 Jahren Gewaltherrschaft hinterlässt der gestürzte König von Tripolis ein Volk, das im Grunde genommen erst einmal eine kollektive Therapie bräuchte, bevor man ihm die Realität zumuten könnte. So viele schwelende Wunden, offene Rechnungen und Gräben zwischen Stämmen und Regionen sind zu bewältigen.

Gaddafi ist weg. Endgültig. Doch das Potential für neuen Unfrieden in Libyen ist riesig. Mindestens ebenso groß wie die Chance auf einen versöhnlichen Neubeginn. Gaddafis kalte Hand: Sie droht, das Land noch aus dem Grab mitzuregieren.

Von Steffen Gassel
 
 
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