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16. April 2011, 16:22 Uhr

Gaddafi schreckt vor nichts zurück

Der Konflikt in Libyen erreicht eine neue Dimension: Machthaber Muammar al Gaddafi kämpft nicht nur mit Panzern und Raketenwerfern gegen sein Volk. Experten bestätigen nun den Einsatz heimtückischer Streubomben in Wohngebieten.

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Ein schwer beschädigtes Wohngebiet im libyschen Misurata. Machthaber Gaddafi soll Streubomben gegen Zivilsiten eingesetzt haben© Phil Moore/AFP

Es sind die Bilder eines skrupellosen Krieges: Ein Fotograf der "New York Times" hat in der libyschen Stadt Misurata die Überreste von Streumunition abgelichtet. Experten der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch bestätigten, dass auf den Bildern unter anderem die Geschosshülse einer 120-mm-Trägergranate sowie von diesen Granaten verstreute Sprengkörper zu sehen sind.

Gemeinsam wurden Experten und Reporter am Donnerstagabend in Misurata Augenzeugen eines Streubombenangriffs. "Human Rights Watch beobachtete im Schawahda-Viertel von Misurata in der Nacht des 14. April 2011 die Explosion von mindestens drei Streumunitionsgeschossen", heißt es in dem Bericht, den die Organisation am Samstag vorlegte.

"Die Streumunitionsgeschosse waren am Donnerstag sichtlich im Einsatz, in Form von etwas, das wie 120-mm-Artilleriegranaten aussah, die im Himmel über der Stadt explodierten und den Boden darunter mit hochexplosiven Kleinbomben übersäten", hielt der "New York Times"-Reporter C.J. Chivers seinen Eindruck fest.

Heimtückische Streumunition in Wohngebieten

Laut Human Rights Watch stammt die tödliche Munition vom Typ MAT-120 vom spanischen Hersteller Instalaza SA. Seit 2010 ist diese Waffenart durch die Streubomben-Konvention international geächtet. Einige Länder, darunter Libyen, sind dem Abkommen allerdings nicht beigetreten. Spanien ratifizierte es 2009. Die in Misurata verwendete Streumunition stammt laut Human Rights Watch aus dem Jahr 2007.

In Wohngebieten ist die Waffe besonders tödlich und heimtückisch. Die Kleinbomben sind mit heißen Metallsplittern gefüllt, die eigentlich schwere Panzerungen durchdringen sollen. Viele von ihnen explodieren aber erst gar nicht und bleiben als Blindgänger zurück. Selbst Jahre nach Beendigung eines Konflikts werden Menschen getötet und verstümmelt. Oft sind es Landarbeiter, Hirten und spielende Kinder.

"Es ist erschreckend, dass Libyen diese Waffen einsetzt, insbesondere in Wohngebieten", sagt Steve Goose, der Direktor der Abteilung für Kriegswaffen bei Human Rights Watch. "Libyen muss den Einsatz dieser Waffen unverzüglich stoppen und alles tun, um zu gewährleisten, dass die Zivilisten vor den tödlichen Überresten geschützt werden."

Gaddafi bestreitet Streubomben-Einsatz

Das Regime in Tripolis bestreitet freilich, Streumunition einzusetzen. Binnen kurzer Zeit stießen die Rechercheure von Human Rights Watch allerdings bereits zum zweiten Mal auf geächtete Waffen. Ende des Vormonats fanden sie in der umkämpften Stadt Adschdabija, 160 Kilometer südlich von Bengasi, Land- und Anti-Personen-Minen, die die Gaddafi-Truppen ausgelegt hatten. Die Gefährdung von Zivilisten nahmen die Kommandeure der Regime-Verbände bewusst in Kauf.

Doch der Einsatz von Streumunition in Wohngebieten markiert eine neue Qualität des Kriegsterrors gegen die Zivilbevölkerung. Militärisch ist er im Häuserkampf, wie er gegenwärtig in Misurata ausgefochten wird, äußerst fragwürdig. Die von Human Rights Watch festgestellten Einschlagstellen der Kleinbomben befanden sich etwa einen Kilometer von der Front und nur 300 Meter vom Hauptkrankenhaus entfernt.

Der Machthaber tut alles für sein Überleben

Oberst Gaddafi führt einen brutalen Krieg um sein eigenes Überleben. Das Leben seiner Bürger ist ihm offenbar nichts wert. Kurz vor Beginn der Nato-Angriffe hatten seine besser organisierten Truppen beinahe die Rebellenhochburg Bengasi eingenommen - Gaddafi hatte ihren Bewohnern blutige Vergeltung angedroht, "von Gasse zu Gasse, von Haus zu Haus".

In Misurata schickt er außerdem Panzer vor, lässt mit Raketenwerfern in die Häuser schießen. Die kommunalen Dienstleistungen sind während der wochenlangen Belagerung längst schon zusammengebrochen. Die Bürger müssen sich in langen Schlangen um das rationierte Brot und andere Lebensmittel anstellen. 23 Menschen, erfuhr eine BBC-Reporterin von einem Krankenhausarzt, wurden dieser Tage in einer solchen Brotschlange durch eine Granate der Gaddafi-Truppen getötet.

Es sind Bilder, Szenen und Tragödien, die frappierend an einen europäischen Kriegsschauplatz aus nicht so ferner Vergangenheit erinnern: Sarajevo, die Hauptstadt Bosniens, war von 1992 bis 1995 auf ähnlich grausame Weise von (bosnisch-)serbischen Truppen belagert worden.

Gregor Mayer, DPA
 
 
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