Der tiefe Fall des Boris Beresowski

24. März 2013, 15:56 Uhr

Boris Beresowski war Milliardär und mächtiger Strippenzieher in Russland. Zuletzt verlor er Geld, Frau, Freunde und offenbar seinen Lebenssinn. Nun triumphiert der Kreml über einen alten Widersacher.

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Die Kosten des verlorenen Rechtsstreits gegen Roman Abramowitsch sollen Beresowski ruiniert haben.©

Die Szenerie könnte englischer kaum sein: ein großzügiges Anwesen, Holzzäune, ein Teich, grüne Wiesen drumherum. Fast idyllisch wirkt das Gelände mit dem grau getünchten Haus, in dem am Samstag die Leiche von Boris Beresowski gefunden wurde. Im Badezimmer. Todesumstände noch unklar. Die Geschichte hinter dem Tod des Oligarchen im Exil ist aber eine sehr russische: Sie handelt vom Aufstieg und Fall eines einst einflussreichen Multimilliardärs nach dem Zerfall der Sowjetunion. Es geht um Geld, Macht, politische Ränkespiele und zerbrochene Freundschaften. Beresowski wird von Wegbegleitern als Strippenzieher beschrieben, als einer, der das Leben als Schachbrett gesehen hat. Er war Vertrauter des russischen Präsidenten Boris Jelzin, unterhielt lange sehr enge Beziehungen zu Wladimir Putin und dem Oligarchen Roman Abramowitsch.

Eine Niederlage vor Gericht im Milliardenstreit mit dem Eigner des Londoner Fußballclubs FC Chelsea hat dem 67-Jährigen nach Darstellung von Freunden schließlich das Genick gebrochen.

Beresowski soll Putin geschrieben haben

Er sei geknickt und vielleicht depressiv gewesen, habe die Welt nicht mehr verstanden, sagen nun diejenigen, die ihn kannten. So richtig war der Tod noch gar nicht bestätigt, da meldete sich schon Putins Sprecher Dmitri Peskow im Moskauer Staatsfernsehen zu Wort: Erst vor zwei Monaten habe Beresowski einen sehr persönlichen Brief an Putin geschrieben und darin Fehler eingeräumt. Beresowski soll Reue gezeigt, seinem Erzfeind die Hand gereicht, um Vergebung und die Chance auf eine Rückkehr gebeten haben, behauptet Peskow.

Passend dazu berichtet in Moskau der Reporter Ilja Schegulew im Internetportal des Magazins "Forbes", er habe Beresowski noch am Freitag in London getroffen. Der Exilant habe ihm gesagt, er sehe im Kampf gegen das russische System keinen Sinn mehr. Auch vom Westen sei er enttäuscht wegen des verlorenen Prozesses gegen Abramowitsch und wolle nun am liebsten wieder als Mathematiker in Moskau arbeiten.

Beobachter meinen, dass Beresowski, der einst als Finanzier der Orangenen Revolution in der Ukraine 2004 und der Rosenrevolution in Georgien 2003 genannt wurde, viel Geld verloren hat. Die Tragik liege darin, dass sich angesichts seiner zwielichtigen Machenschaften nicht einmal die Oppositionskräfte in Russland offen mit dem Kremlkritiker eingelassen hätten, sagte der Moskauer Politologe Alexej Makarkin.

Drehte sich am Ende alles ums Geld?

"Herr Beresowski ist ein Mann,der sich unter finanziellem Druck befindet", diagnostizierte unlängst der Londoner High-Court-Richter Sir George Mann. Damals ging es um Geldforderungen von Beresowskis Ex-Freundin und Mutter seiner Kinder, Jelena Gorbunowa. Im Dezember 2012 hatte der High Court auf ihren Druck hin 200 Millionen Pfund (235 Millionen Euro) eingefroren. Zuvor hatte die russische Justiz bereits Jachten beschlagnahmt. Diese privaten Querelen ließen das politische Gewicht des Mannes zuletzt in den Hintergrund treten.

Trotzdem galt Beresowski bis zuletzt als ewiger Streitfall im unterkühlten russisch-britischen Verhältnis. Die Russen verfolgten ihn als Wirtschaftskriminellen, der Putins Gegner finanziell unterstützte, und forderten die Auslieferung. Die Briten widersetzten sich und gewährten ihm zum Ärger Moskaus politisches Asyl.

Begräbnis als Gnadenerweis

Das politische Moskau nutzt den Tod Beresowskis nun zu einer Abrechnung mit dem Politiker und Unternehmer, der in den 1990er Jahren zu den bedeutendsten Köpfen in Russland gehörte. Die Kommunisten erinnerten daran, wie Beresowski sich für ein Verbot der früheren sowjetischen Partei eingesetzt habe. Kommentatoren aber würdigten ihn als begnadeten und scharfen Formulierer, der angesichts der Londoner Skandale in seiner Heimat allerdings immer weniger Gehör fand.

Im kremlkritischen Fernsehen legte Putins Sprecher nach: Beresowski habe nie konstruktive Kritik an Putin geübt. "Es war die Kritik eines machtlosen Feindes", sagte Peskow. Trotzdem sei der Kreml bereit, darüber nachzudenken, dem Toten zur letzten Ruhe doch noch eine Rückkehr in die Heimat zu gewähren.

Ulf Mauder und Michael Donhauser, DPA
 
 
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