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4. November 2004, 01:52 Uhr

Die konservative Revolution

Es war eine Wahl für die trügerische Sicherheit "präventiver" Kriege gegen monströsen Terror. Noch nie errang ein Präsident einen so überwältigenden Sieg über seinen Herausforderer. Dabei kann sich Amerika Bush gar nicht mehr leisten. Von Katja Gloger, Washington

Darf sich wirklich auserwählt fühlen: US-Präsident George W. Bush© Eric Draper/DPA

Vor sechs Wochen trafen sich ungefähr 300 freundliche, unscheinbare Menschen in einem Senatsgebäude in Washington. Im Trubel des Wahlkampfes wurde ihre Zusammenkunft kaum wahrgenommen - und eigentlich wollten sie auch viel lieber im Hintergrund bleiben. "Road to Victory 2004" hieß die Strategie-Konferenz der "Christian Coalition" und die "Straße zum Sieg" führte sie ins Herz des politischen Systems, dorthin, wo die Senatoren ihre Büros haben. Wo ihre Telefone klingeln, wenn sie nicht nach dem Willen ihrer Wähler stimmen.

An diesem strahlenden Herbsttag in Washington schworen sich 300 Aktivisten der christlichen Rechten, der Evangelikalen, auf den Sieg ihres Präsidenten ein. Glasklar die Botschaft der Redner, Priester und Senatoren, konservativen Kongressabgeordneten und zum Schluss gar des Predigers Jerry Falwell: Bush muss eine zweite Amtszeit bekommen, um die konservative Agenda der christlichen Rechten zu vollenden. Und dazu gehören vor allem Verfassungsänderungen und die Neubesetzung des Obersten Gerichtes der USA, des Supreme Court, mit konservativen Kandidaten. "Wir sind Millionen Menschen", sagte Jerry Falwell, "und wir werden jedes Jahr mehr. An uns kann niemand mehr vorbei."

Und niemand vergaß zu erwähnen, dass George W. Bush ein Mann Gottes sei. Und es scheint, dass Amerika am Morgen des 3. November als anderes Land aufwachte: George W. Bush gewann seine Wiederwahl mit vier Millionen Stimmen - noch nie errang ein Präsident einen so überwältigenden Sieg über seinen Herausforderer. Die Landkarte strahlt im satten Rot der Republikaner - die Demokraten verbannt an die Küsten-Staaten.

Four more years

Am Morgen des 3. November erwachte Amerika als konservatives Land. Four more years. Fassungslos blickt die Welt auf die USA. Es lag zuletzt wohl auch gar nicht mehr an Kerry, dem vermeintlichen unentschlossenen "Flip-Flopper". Er hatte so viel an Statur gewonnen in den letzten Wahlkampfwochen, an präsidialer Haltung gar. Doch er konnte dem zutiefst verunsicherten Land keine Botschaft der Hoffnung vermitteln. Und die radikalen Aktivisten der Rechten waren mindestens ebenso gut organisiert wie die leidenschaftlichen demokratischen Wahlhelfer. Außerdem war George Bush für seine knapp 59 Millionen Wähler einfach authentischer. Denn George W. Bush glaubt wirklich, was er sagt. Er ist überzeugt von dem, was er tut.

Es war eine Wahl der Angst, eine Wahl für die trügerische Sicherheit der "präventiven" Kriege gegen monströsen Terror. Eine Wahl auch für einen Präsidenten, den man mag und ihm dafür sogar die Lügen verzeiht und die Fehlentscheidungen, die geradewegs ins Irak-Desaster führten. Als ob sich das Land immer noch nicht erholt hat vom Schock des 11. September.

Vor allem aber war es eine Wahl für die einfachen, die fundamentalen moralischen Werte, die durch die komplizierte, gefährliche Welt helfen sollen. Die Werte der christlichen Rechten wie die "Christian Coalition": Amerika ist gut, denn es ist ein Land Gottes. Amerika ist frei und der Welt ein Vorbild. Amerika benötigt eine moralische Erneuerung - nun soll die Epoche der linken Liberalen endgültig zu Ende gehen. Und dafür hat George W. Bush nun das demokratische Mandat seines Volkes.

"Das Land braucht Heilung"

Zur Einheit ruft man nun auf nach dem Wahl-Krieg der vergangenen Monate. "Das Land braucht Heilung", flehte John Kerry in seiner emotionalen, würdevollen Rede, in der er seine Niederlage eingestand. Zaghaft hoffen moderate Konservative, der Präsident werde jetzt endlich die Neokonservativen um Verteidigungsminister Donald Rumsfeld abservieren, die das Land in das Irak-Desaster getrieben hatten - und Rumsfeld gleich mit dazu. Kommentatoren spekulieren, ob Bush nun außenpolitisch pragmatischer werden könne, auf Verbündete zugehen werde - auch, um die Verantwortung für den Irak zu teilen. Vielleicht werde er zumindest moderater im Ton, heißt es.

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