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21. Dezember 2009, 20:21 Uhr

Fern der Wirklichkeit

Der Vorschlag von Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg, mit gemäßigten Taliban zu verhandeln, zeigt einmal mehr, wie weit sich die Berliner Afghanistan-Debatte von der Wirklichkeit in dem Land entfernt hat. Die Zeit für Gespräche ist längst vorbei. Von Christoph Reuter, Kabul

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Will mit den Taliban verhandeln: Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg© Markus Schreiber/AP

Jeden Tag gibt's in Berlin Neues in der Kundus-Affäre. Karl-Theodor zu Guttenberg versucht nun, dem eine Änderung in der Afghanistan-Politik entgegenzuhalten. Der Verteidigungsminister hat vorgeschlagen, mit gemäßigten Taliban zu reden - und griff damit eine Idee auf, die der selig vergessene SPD-Vorsitzende Kurt Beck schon vor mehr als einem Jahr präsentiert hatte. Allein: Alle, die sich für solche Gespräche stark machen, sind völlig ahnungsfrei davon, dass über diese zarte Idee die Wirklichkeit längst hinweggerollt ist.

Denn die Taliban, in dieser Hinsicht sicher zutiefst unfair, wollen sich weder von Kurt Beck noch von zu Guttenberg in "radikale" und "gemäßigte" aufspalten lassen - und ihre derzeitige Gesprächsbereitschaft ist ohnehin begrenzt. Schon vor drei Monaten äußerte sich Etienne de Durand, ein strategischer Berater von US-General Stanley McChrystal, dem Isaf-Oberkommandierenden in Kabul, sehr offen über die momentanen Verhandlungsaussichten: "Da sich die Taliban derzeit in einem Höhenflug befinden, ist es illusorisch, von ihnen Konzessionen zu erwarten." Die Ziele auch der neuen Militäraufstockung liegen nicht mehr darin, die Taliban zu besiegen - sondern sie überhaupt an den Verhandlungstisch zu bringen.

Die Taliban jedenfalls sind derzeit siegesgewiss. Das Fiasko der Präsidentschaftswahl hat sie ebenso befeuert wie die anhaltende Erosion der afghanischen Sicherheitskräfte, von denen viele längst auf lokaler Ebene Stillhalteabkommen mit ihnen geschlossen haben. Die Taliban brauchen nur abzuwarten, zumal Obama ja bereits 2011 als Beginn des Abzuges genannt hat. Selbst in Provinzen, in denen sie gar nicht stark sind, ernennen sie Schattengouverneure. Die Zeit für gnadenreiche Gespräche mit "gemäßigten" Taliban ist vorbei.

Innerer Streit verdeckt die wahren Probleme

Zu Guttenbergs Vorschlag ist von der afghanischen Wirklichkeit also himmelweit entfernt - und illustriert damit zugleich präzise das Dilemma der Debatten um die Kundus-Affäre und ihre Konsequenzen für die deutsche Afghanistan-Politik: Je mehr der Streit um die Abläufe und Hintergründe des Bombardements zu einem Thema der Berliner Politik wird, je mehr die Frage in den Vordergrund rückt, wer was wann wusste, umso mehr rücken die für die Menschen in Afghanistan wichtigen Fragen in den Hintergrund. Zwei Gruppen kommen zu kurz, die mit dem Streit um Kundus ein wenig unmittelbarer zu tun haben als die obersten Verteidiger der Ignoranz im Verteidigungsministerium: die Soldaten und Soldatinnen, die in Kundus auf jeder Patrouillenfahrt nicht wissen, ob sie heil wieder ins Lager zurückkehren. Und jene, die der deutsche Oberst Georg Klein in der Nacht zum 4. September zu "vernichten" befahl.

Einen Beleg dafür, wie wenig die Wirklichkeit vor Ort in Berlin interessiert, liefert allein der schlampige Umgang mit den genauen Opferzahlen des Bombardements. Immer noch heißt es in den paraphrasierenden Zeilen, bis zu 142 Menschen seien gestorben. Dabei gibt es für diese Zahl keine überzeugenden Belege. So hat der stern recherchiert, dass in der Nacht zum 4. September 92 Menschen starben. Es geht dabei nicht darum, die menschliche Dimension dieses Angriffs und seiner Opfer kleinzureden, sondern darum, die Geschehnisse vor Ort möglichst genau zu beschreiben. Man sieht einfach nicht genau hin, wenn es um Afghanistan geht.

Genausowenig, wie es in Deutschland interessiert, dass US-Spezialkräfte und afghanische Milizionäre zwei Monate nach den von den Deutschen befohlenen Angriffen ein Dorf nur wenige Kilometer nördlich der entführten Tanklastzüge fünf Tage und Nächte lang bombardierten und dort nach eigenen Angaben mehr als 130 Taliban töteten. Sie meldeten keinen einzigen Zivilisten. Auch das kann nicht sein. Und es würde sich lohnen, genauer hinzusehen, die Opferzahlen genau zu recherchieren, zu dokumentieren zu bewerten. Das betroffene Dorf heißt Gultepa. Auch was dort geschah, ist ein wichtiger Teil der Realität in Afghanistan.

Von Christoph Reuter, Kabul
 
 
KOMMENTARE (10 von 40)
 
Oluja (23.12.2009, 10:08 Uhr)
das erklärt vieles:

http://www.zeitgeist-online.de/exklusivonline/dossiers-und-analysen/230-das-guttenberg-dossier-teil-1.html

http://www.zeitgeist-online.de/exklusivonline/dossiers-und-analysen/632-das-guttenberg-dossier-teil-2.html
Gisella (22.12.2009, 21:39 Uhr)
Nöööö-
nicht schon wieder ....... uns fragt doch sowieso keiner . Unsere Volksvertreter vertreten uns doch-in allen Lebenslagen. Also weitermachen in Afghanistan.
Benkku (22.12.2009, 19:11 Uhr)
Keineswegs?
Zitat: "Ich fühle mich nur nicht wohl dabei zu sagen 'Was geht's mich an?'."
.
Und wenn außer den zum Scheitern verurteilten niemand mehr Wert darauf legt, ob Sie sich wohl fühlen bei dem Gedanken an das, was diese Rambos dort angerichtet haben, und sich weiterhin noch verhaßter machen bei den meisten Afghanen? Was sagen Sie dann? Weitermachen, wie der Bush es seinen deutschen Speichelleckern einmal befahl? Folgendes: Die Deutschen sind in Vielem einfach nicht mehr zu halten. Das liegt so in ihrer Natur. Sie zerbrechen sich gerne über anderer Leute Probleme den Kopf. Wehe, wenn sie losgelassen. Dann müssen sie einfach müssen. Dann wird's gefährlich.
branchia (22.12.2009, 19:02 Uhr)
Große Show
Ich denke mal, dass dieses gesamte Problem der Taliban in Afghanistan und des Terrorismus im allgemeinen, ein sehr wohl toleriertes Problem darstellt.
Glaubt denn jemand von den verehrten Forenschreibern hier wirklich, das der US Präsident, die Kanzlerin, der Premierminister und all die anderen nicht wüssten, mit welchen Waffen diese Leute auf andere schießen, mit wie vielen Heroin Dollarmilliarden das ganze bezahlt wird?

Das wissen all diese Führer ganz genau und sie wissen auch ganz genau, wie sie das beenden könnten. Man könnte rigoros die Rüstungskontrolle einführen oder keine Rüstung mehr exportieren, es wäre ein leichtes, wenn man es nur wirklich wollte. Doch mittlerweile ist auch die BRD unter den vier größten Waffenexporteuren der Welt zu finden.
Wo ist das Material der ehem. NVA z.b. geblieben? Klar im Sudan, im Kongo und wo sie das Zeug sonst noch wo gebrauchen konnten. Und wo wird damit gemordet? In Dafur, Afghanistan, Zentralafrika, Irak usw.

Doch was würde passieren? Richtig, die Arbeitsplätze in der Rüstungsindustrie würden wegfallen. Es würde Stimmvieh wegfallen.
Und es kommt der Satz:? na ja, wenn wir nicht liefern, dann liefert China oder irgend ein andere, dann lieber wir?.

Was würde passieren, wenn man die Heroinfelder abbrennt und den Bauern dafür ein paar tausend Dollar gäbe? Was mit Sicherheit preiswerter wäre als alle Folgen des Drogenmissbrauches.
Richtig, es würde eine ebenso große Krise geben, wie die jetzt angebliche Wirtschaftskrise, die Maffia und andere Organisationen hätte kein Geld mehr welches sie in seriöse Firmen stecken könnten, kein Geld das sie zur Bestechung von Politikern bräuchten. Die Firmen hätten auf einmal finanzielle Probleme.
Die ganzen Therapeuten und Suchtkliniken in den westlichen Ländern wären arbeitslos, alles potentielles Stimmvieh welches wegfällt.

Das ganze ist nur ein riesiges Theater und Schaulaufen der Politiker dieser Welt, damit sie eine Alimentierung ihres Daseins bekommen, denn ihnen geht es nicht um das Wohl der Menschen oder der Menschheit. Bestes Beispiel war ja die Klimakonferenz in Kopenhagen.
Keiner hat sich bewegt, weil jeder nur auf seine Macht und Geldbörse schielte.
Johann58 (22.12.2009, 16:25 Uhr)
@Justus39
Sie haben ja so was von Recht, aber fangen Sie bitte nicht an zu traeumen, dass es verhandlungs-willige oder -faehige Taliban gibt, das schliesst sich aus. Wenn dem so waere, dann waere die Situation ja nicht so eskaliert. An sich gibt es nur zwei Moeglichkeiten;
Entweder sofort raus aus Afghanistan und die Afghanen ihrem Schiksal ueberlassen
oder
Das Karzei Regime bis zum Sankt Nimmerleinstag mit militaerischen und finanziellen Mitteln am Leben halten.

Es gibt vielleicht Afghanen, die mit irgend jemandem Verhandeln wollen aber nicht im Sinne dessen was der Westen will und ich frage mich worueber will zu Guttenberg mit den Taliban verhandeln? Ein besetztes und zerstoertes Land als Spielball der Grossmaechte und Spielwiese fuer Waffentests. Das Chaos in Afghanistan verdankt die Welt den wirtschaftlichen Interessen der Oelkonzerne und die werden dafuer sorgen, dass der Krieg noch lange andauert.

Die Amerikaner glauben nach wie vor, dass die Afghanen den 'American way of life' haben wollen und dass es irgendwann gelingen wird McDonalds und CocaCola als Standard einzufuehren und gleichzeitig endlich die seit ewigen Zeiten angestrebte Oelpipeline zu bekommen um Zugriff auf Turmenisches und Usbekisches Oel zu haben.
auwei (22.12.2009, 16:03 Uhr)
@Benkku
Keineswegs. Ich fühle mich nur nicht wohl dabei zu sagen "Was geht's mich an?". Was die Beurteilung der Situation in Afghanistan angeht, sind wir - schätze ich - nicht weit voneinander entfernt. Hier geht es mir nur um eine Exit-Strategie, die EIN WENIG auch die Menschen vor Ort, die nicht unbedingt gesteinigt oder geköpft werden wollen, berücksichtigt. Das andere ist ein grundsätzliches Problem: Ist es unstatthafte Einmischung, wenn eine internationale Eingreiftruppe (natürlich mit UN-Mandat) Dramen wie in Dafur (so ganz ohne Öl und geostrategisches Interesse - Tschüss USA) zu verhindern oder zu berenzen sucht? Splendid Isolation oder nicht? Eine Frage, die ich jedenfalls weder aus politischen Felsenfest-Prinzipien noch aus dem Bauch heraus so einfach beantworten kann.
justus39 (22.12.2009, 15:26 Uhr)
Miteinander reden ist immer besser als aufeinander schießen,
und verhandeln ist besser als Bomben werfen.

Wenn sich der Gegner dazu bereit erklärt, dann sollte man die Chance nutzen bevor man dazu gezwungen wird.
Benkku (22.12.2009, 15:10 Uhr)
Dumm gelaufen!
@auwei, Sie scheinen von dem Gedanken beseelt zu sein, daß Deutschland plötzlich dazu berufen sei, überall im "Kampf gegen einen Terror" dabei zu sein. Man ist ja schließlich auch wieder wer und hat ein Wörtchen mitzureden? Sie glauben an den Sieg. Ich nicht, sehe aber, daß Deutschland weiter nichts als in schlechte Gesellschaft geraten ist. Das Stadium ist erreicht, in dem jede Rechtfertigung dessen, was da abläuft, durch damit einher gehendem Erstarken der Gegenseite entkräftet wird. Die dummen Deutschen haben es fertiggebracht, ein gesamtes, ihnen gegenüber an sich friedlich eingestelltes Volk, gegen sich aufzubringen. Das ist das schändliche Ergebnis. Da hilft auch keine Gegenpropaganda mehr, da greifen auch keine Durchhalteparolen. Dumm gelaufen!
auwei (22.12.2009, 13:07 Uhr)
@Benkkku
Zitat: "Wir leben in der Welt, in der sich Krieg nicht mehr lohnt." ...nicht mehr lohnen sollte, wäre zutreffender. Ich bin da ganz Ihrer Meinung. Leider ist damit die GEWALT noch nicht aus der Welt - und je kleiner das Grüppchen, desto lohnender die Gewalt (Milizen im Kongo, Darfur usw.) Was also dagegen tun, ohne die Gewaltspirale anzuschmeißen? Ich weiß es nicht. Und - um auf den Artikel zurückzukommen - ich weiß auch nicht, ob Guttenbergs (geklaute) "Idee" eine gute ist. Keine Ahnung, aber alles muss auf den Tisch und auf Tauglichkeit durchleuchtet werden. Ich vermisse nur Guttenbergs Dank an Beck und das Eingeständnis, sich damals geirrt zu haben.
Benkku (22.12.2009, 12:01 Uhr)
Was sind denn diese "Wir" eigentlich für Leute?
Das sind doch genau die, die immer dann gehorchen, wenn die von ihnen gefürchtete berüchtigte Übermacht sie um eigener Interessen wegen zu erpressen droht. Das nennen Sie den Bündnisfall. Sollen die Deutschen aus Dankbarkeit für etwas ganz Anderes mit dem Abzug warten, bis dort der letzte US-Feldherr am Ende ist? Dankbarkeit ist wohl das im falschen Sinne verwendete Wort. Auch im und nach dem Zweiten Weltkrieg ging es um nichts als die Durchsetzung harter strategischer Interessen.
.
Wir leben in der Welt, in der sich Krieg nicht mehr lohnt.
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