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"Das ist pervers"

Er ist ein leidenschaftlicher Verfechter eines "Killerspiel"-Verbots: Niedersachsens Innenminister Uwe Schünemann. Im stern.de-Interview sagt er, weshalb er die Spiele für pervers hält und die Spieler künftig mit Razzien rechnen müssen.

Herr Schünemann, seit ein paar Wochen läuft im Kino ein neuer James-Bond-Film, nichts anderes also als die verfilmte Geschichte eines "Egoshooters". Auch hier wird Gewalt verherrlicht - und diesen Film kann man sich schon im Alter von zwölf Jahren ansehen. Warum wollen Sie "Killerspiele" verbieten, nicht aber den Bond-Film? Ist das nicht scheinheilig?

Offenbar haben Sie sich noch kein "Killerspiel" angeschaut, sonst würden Sie nicht eine solch naive Gleichstellung mit einem James Bond herstellen. Das ist eine ganz andere Qualität. Bei den "Killerspielen" geht es darum, dass die Spieler selbst zum Töten animiert werden. Sie müssen auf einen Knopf drücken. Dadurch wird etwa ein Arm mit einer Kettensäge abgetrennt. Diese Handlung wird zudem positiv bewertet, wenn man sein Opfer zuvor quält. Fürs Arm-Abtrennen gibt es 100 Punkte, fürs Kopf-Abtrennen 1000 Punkte. Das ist pervers und gehört sofort verboten.

Egoshooter-Spieler behaupten, dass das Töten nicht das Ziel des Spiels ist, sondern lediglich ein Mittel, um das nächste Level zu erreichen.

Dann wird im "Killerspiel" sozusagen nur nebenbei gefoltert und getötet? Das ist pervers. Wenn Sie sich ansehen, was in den Spielen tatsächlich verlangt wird und wie man dort agieren muss, kann ich diese Position nicht nachvollziehen.

Ein Hauptvorwurf der Spieler gegenüber der Politik lautet, dass Politiker über Spiele reden, von denen sie keine Ahnung haben. Haben Sie selbst schon gespielt?

Ich habe gerade eindrucksvoll geschildert, warum ich mich so vehement für ein Verbot ausspreche.

Was für Spiele haben Sie schon gespielt?

Ich habe nicht gespielt, sondern ich habe mir diese Szenen aus mehreren Spielen zeigen lassen. Man muss sich klar machen, welche Form der Brutalität auf dem letzten Level eines solchen Spiels erwartet wird. Das ist auch das Problem der Selbstkontrollstelle der Softwareindustrie, der USK: die Prüfer gehen oft eben nicht ins Detail und sehen sich das letzte Level, in dem möglicherweise die brutalsten Szenen umgesetzt werden, nicht an.

Was stört Sie an der USK?

Die USK funktioniert nicht. Wenn die Spiele, die ich gerade beschrieben habe, teilweise ab 16 Jahren frei gegeben sind, dann kann das nicht richtig sein. Zu wenige Mitarbeiter prüfen zu viele Spiele. Allein vom zeitlichen Ablauf her kann es so nicht gelingen, dass die Prüfer sich die Spiele im Detail ansehen. Zudem prüfen vor allem Medienpädagogen, Kriminologen fehlen. Die Pädagogen sind zwar wichtig. Aber ebenso wichtig ist, dass hier Experten dabei sind, die auch die Folgen abschätzen können. Deshalb müssen hier auch Kriminologen eingesetzt werden.

Wo verläuft die Grenze zwischen einem "Killerspiel" und der akzeptablen Darstellung von Gewalt?

Dort, wo es darum geht, dass man Menschen in brutalster Form quält und tötet. Und hier hat der Wissenschaftliche Dienst des Bundestages eine gute Definition von Killerspielen erarbeitet. Anhand dieser Definition kann man die Abgrenzung vornehmen.

In der zitierten Studie steht aber auch, dass ein Verbot in die Berufsfreiheit der Hersteller eingreifen würde. Der Zweck des Verbots, so heißt es in der Studie, rechtfertige dies zwar, aber fraglich sei, ob dieses Vorgehen verhältnismäßig sei.

Da steht drin, dass man genau auf die Definition der "Killerspiele" achten müsse, um die Verhältnismäßigkeit zu wahren. Deshalb hat der Dienst selbst eine Definition erarbeitet, um zu verhindern, dass ein entsprechendes Verbot nicht unverhältnismäßig wäre. Darauf beziehe ich mich.

Es gibt unter den Egoshooter-Spielern zweifellos auch gewaltbereite Einzelgänger. Aber schießen Sie nicht mit Kanonen auf Spatzen, wenn Sie alle Spieler kriminalisieren?

Ich kriminalisiere niemanden und ich sage nicht, dass alle Spiele verboten werden sollen. Aber über die brutalen Varianten darf es überhaupt keine Diskussion geben. Da braucht man auch kein Gutachten. Das ist so pervers, dass es keine Alternative zum Verbot gibt.

Die Wissenschaft streitet darüber, ob Killerspiele die Gewaltbereitschaft der Spieler erhöhen. Wie können Sie von diesem Zusammenhang so überzeugt sein, wenn selbst die Experten das nicht sind?

Ich kann Ihnen genug Experten nennen, etwa von der medizinischen Hochschule Hannover, die diesen Zusammenhang eindeutig festgestellt haben. Ich habe mir das selbst angesehen. Wenn Sie verstehen, wie brutal die Szenen sind, die dort gespielt werden müssen, dann ist völlig klar, dass dieses für niemanden förderlich sein kann. Solche Spiele brauchen wir nicht! Deshalb gehören sie verboten!

Ihre SPD-Kollegen sind da skeptischer. Der Bremer Bürgermeister Jens Böhrnsen zitiert Wolf Biermann und sagt: "Was verboten ist, das macht uns gerade scharf". Schaffen Sie mit einem Verbot nicht neue Anreize für Jugendliche?

Im Gegenteil. Ich bin mir sicher, dass man dadurch die Eltern auch aufschrecken kann. Sobald das strafbewehrt ist, müssen sie prüfen, was ihre Kinder da eigentlich spielen. Wir müssen sicher auch die Medienkompetenz der Eltern verbessern. Aber durch die in Aussicht gestellte Strafe werden wir sie wachrütteln - und statt neue Anreize zu schaffen, wird genau das Gegenteil eintreten.

Wie wollen Sie verhindern, dass jemand sich die "Killerspiele" aus dem Netz auf den Rechner lädt und zu Hause im dunklen Kämmerchen spielt?

Es ist wichtig, dass man die Eltern sensibilisiert. Wir machen das in Niedersachsen auch über die Landesmedien-Anstalt. Wir führen Seminare durch, wir treiben die Erwachsenenbildung voran. Aber wir können, wie bei der Kinderpornografie, auch über Recherche im Internet feststellen, wenn entsprechende Spiele herunter geladen werden. Wir haben deshalb am Landeskriminalamt eine Internet-Recherche-Gruppe eingerichtet, die dann, wenn ein Vorgehen strafbewehrt ist, so etwas durchaus aufspüren kann.

Demnächst müssen also alle Spieler mit Razzien zu Hause rechnen?

Natürlich. Diejenigen, die die brutalen, verbotenen Spiele spielen, müssen damit rechnen, dass sie dingfest gemacht werden. Das halte ich auch für richtig.

Können Sie uns sagen, mit welcher Wahrscheinlichkeit der bayerische Vorschlag umgesetzt wird?

Mit 100-prozentiger Sicherheit, weil die Innenminister der Union bereits vor einem Dreivierteljahr eine solche Initiative beschlossen haben. Zudem ist die Absicht auch in der Koalitionsvereinbarung der großen Koalition fest geschrieben. Ich habe auf der Berliner Ebene bislang keine Stimme gehört, die ein Verbot der "Killerspiele" ausgeschlossen hätte. Ich bin mir ganz sicher, dass wir über eine Bundesratsinitiative ein weit gehendes Verbot der "Killerspiele" erreichen werden.

Ein Vorwurf Ihnen gegenüber lautet, Sie und Herr Beckstein wollten sich mit dieser Initiative profilieren, die am Ende an der SPD in Berlin scheitern werde. Was sagen Sie dazu?

Das ist absurd, weil wir diese Forderung bereits vor dem Amoklauf von Emsdetten formuliert haben. Wenn man sich diese Spiele selbst ansieht, kann man auch keine andere Position vertreten.

Interview: Florian Güßgen
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