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Ich Mann, du Frau

In Deutschland denken Bürokraten unter dem Stichwort "Gender Mainstreaming" angestrengt über den kleinen Unterschied nach. Die Ergebnisse sind trivial und teuer.

Frauen und Männer haben unterschiedliche Fortpflanzungsorgane." Solche Erkenntnisse lässt das Bundesfamilienministerium via Internet verbreiten - kein "Gedöns", wie Gerhard Schröder frauenpolitische Themen früher abkanzlerte. Es geht um "Gender Mainstreaming im Alltag", und zwar in der "Reaktorsicherheit". Denn da tut "geschlechtsspezifischer Schutzbedarf" gegen Atomstrahlen Not.

"Gender was, bitte? Ist das eine Veranstaltung?" Das Bundespresseamt ist überfragt. Dabei hat Schröders Kabinett Gender Mainstreaming zur Staatsaufgabe erklärt. Für den sperrigen Begriff gibt es keine exakte Übersetzung. Selbst die Familienministerin tut sich schwer mit dem Wortungetüm. "Gender Mainstreaming bedeutet, bei allen gesellschaftlichen Vorhaben die unterschiedlichen Lebenssituationen und Interessen von Frauen und Männern von vornherein und regelmäßig zu berücksichtigen, da es keine geschlechtsneutrale Wirklichkeit gibt." Mit anderen Worten: Die Erkenntnis, dass sich Männlein und Weiblein unterscheiden, soll künftig in deutschen Parlamenten und Amtsstuben bei jedem Vorhaben - sei es der Bau eines Kinderspielplatzes oder die Wortwahl eines Behördenbriefes - berücksichtigt werden.

Gedöns, das nichts kostet? Mitnichten. Dafür gibt die Bundesregierung Millionen aus. Festgezurrt wurde die Idee 1995 auf der Weltfrauenkonferenz in Peking. 1999 verpflichteten sich dann alle EU-Mitgliedsstaaten im Amsterdamer Vertrag, künftig Geschlechtergerechtigkeit per Gender Mainstreaming walten zu lassen. Folgsam ließ der Kanzler, an sich bekennender Macho, die neue Geschlechterfühligkeit per Kabinettsbeschluss und Koalitionsvertrag besiegeln. Inzwischen ist die "Implementierungsphase" abgelaufen, in der die Bundesregierung in 33 Pilotprojekten geübt hat, wie das gehen soll - mit umwerfenden Ergebnissen. "Was da im Moment unter der Überschrift Gender Mainstreaming geschieht, ist eine peinliche Verschwendung von Steuergeldern", schimpft der FDP-Bundestagsabgeordnete Volker Wissing.

So hat das Bundesverwaltungsamt - zuständig für die Ausbildung von Beamten - ein 30-seitiges Merkblatt über die "sprachliche Gleichbehandlung von Frauen und Männern" entwickelt. "Besonders in der schriftlichen Kommunikation ist es wichtig, dass die Anrede höflich und freundlich ist", erkannten die Staatsdiener und arbeiteten einen wegweisenden Vorschlag aus: "Für maschinell geschriebene Schreiben empfiehlt sich die Anredeform: ,Sehr geehrte Damen und Herren"."

Auch das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend - federführend in Sachen "GM" - sorgt sich um die sprachliche Gleichberechtigung. Nach einer "Checkliste für Gender Mainstreaming bei Maßnahmen der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit" müssen Beamte künftig erst mal die Statistik wälzen, bevor sie einen Satz formulieren. "Sprayer und Scratcher" ist genderpolitisch korrekt. Denn dies ist "ein berechtigter ausschließlich männlicher Begriff", da Frauen und Mädchen "nach Datenlage eine deutliche Minderheit" sind. Doch Vorsicht bei Junkies: "Fixerinnen und Fixer bestimmen auf öffentlichen Plätzen das Bild", muss es heißen, weil "die Datenlage zeigt: Mädchen und Jungen fixen gleichermaßen".

Selbst im Kanzleramt

wird gegendert. In der Abteilung für Personalentwicklung haben die Beamten gemeinsam mit dem Familienministerium "Memo-Punkte" zur Mitarbeiterführung erarbeitet. Vorgesetzte, so der Tipp der Bürokraten, müssten ihre Untergebenen öfter "ermutigen, aus traditionellem Rollenverhalten auszusteigen". Kanzlergattin Doris, die am heimischen Herd Kinder hütet und nebenbei Hundekörbchen entwirft, ist also unter genderpolitischen Gesichtspunkten kein gutes Vorbild.

Nicht nur Sprache und Personalführung müssen durch den Gender-Check - auch handfeste Vorhaben wie der Bau von Wohnungen. Denn: "Wohnen hat auch ein Geschlecht", fanden die Forscher des Gender-KompentenzZentrums an der Berliner Humboldt-Universität heraus. Die Einrichtung soll der Bundesregierung bei der Umsetzung von Gender Mainstreaming helfen. Die Gelehrten sind überzeugt: Schon ein Grundriss kann diskriminieren. "An Lage und Größe von Küche, Kinderzimmern und Waschräumen lässt sich der Stellenwert ablesen, …der Kindererziehung oder Pflege im Wohnraum zugemessen wurde." Deshalb ist "schon in der Vorplanungsphase die versteckte Abwertung von Hausarbeitsräumen zu vermeiden". Frauenfreundlichkeit misst sich somit an reichlich Bügelraum.

Auch der Städtebau ist keineswegs geschlechtsneutral. "Städte sind Räume für Menschen, die unterschiedliche Tätigkeiten verrichten", haben die Spezialisten vom Gender-Kompetenz-Zentrum ermittelt. Doch aufgepasst: "Öffentliche und private Räume werden von Frauen und Männern, Mädchen und Jungen unterschiedlich genutzt." 456 000 Euro haben die Genderologen in den vergangenen zwei Jahren für solche Erkenntnisse kassiert, die sie unter der Rubrik Gender Mainstreaming neben dem Briefkopf des Bundesfamilienministeriums ins Internet stellen dürfen.

In Pulheim bei Köln und in Dessau soll in Zukunft mit finanzieller Unterstützung des Bundesbauministeriums geschlechtergerecht gebaut werden. Knapp 300 000 Euro spendiert Bau- und Verkehrsminister Manfred Stolpe für die wissenschaftliche Begleitung des Pilotprojektes "Gender Mainstreaming im Städtebau". Gut angelegtes Geld, findet Staatssekretär Tilo Braune: "Städte sollen für Frauen und Männer, für Mädchen und Jungen gleichermaßen zu attraktiven Lebensräumen werden." Fragt sich, für wen Städte bisher gebaut wurden.

In Pulheim,

wo der Stadtgarten geschlechtergerecht umgestaltet werden soll, hat die Stadt 205 Bürger befragt, was sie sich davon erhoffen. Ergebnis: "Nicht genutzt wurde der Stadtgarten vor allem deshalb, weil er nicht bekannt war." Außerdem wissen die Planer jetzt, dass der Park "den Mädchen besser gefällt als den Jungen, die ihn eher langweilig finden". Vier Monate dauerte die Auswertung der Fragebogen. Sie kann aber, weil sie "keine repräsentativen Aussagen enthält ... die fehlende Bestandsanalyse nicht ersetzen". Die soll nun folgen. Ist ja genug Geld da.

Rund sieben Millionen Euro hat die Bundesregierung bisher vergendert, nicht gerechnet die Personalkosten, die anfallen, wenn Staatsdiener in "Pilotprojekten" und "Sensibilisierungsveranstaltungen" Gender Mainstreaming üben. "Eine Aufschlüsselung dieser Kosten ist nicht möglich", heißt es in der Antwort der Bundesregierung auf die Anfrage des Abgeordneten Wissing. "Die wissen nicht, wofür sie ihr Geld ausgeben. Und es gibt keine Qualitätskontrolle", schimpft der.

Auch in den Bundesländern ist vom Sparzwang nichts zu spüren, wenn es um die neue Geschlechtergerechtigkeit geht. 2,5 Millionen Euro in drei Jahren lässt sich das strukturschwache Mecklenburg-Vorpommern Gender Mainstreaming kosten. Doch die meisten Bundesländer sind nicht in der Lage, genau zu beziffern, wie viel sie für GM ausgeben. Sie haben "keine detaillierten Informationen" über die Gesamtkosten - so auch das bevölkerungsreichste Bundesland Nordrhein-Westfalen.

Dort gibt allein Umweltministerin Bärbel Höhn von den Grünen 50000 Euro für die wissenschaftliche Begleitung eines Pilotprojektes aus, das die geschlechtsspezifischen Unterschiede von Waldbesuchern untersuchen soll. "Frauen und Männer, Mädchen und Jungen haben unterschiedliche Zugänge und Auffassungen zu Wald und seinen Funktionen", haben die Beamten erkannt und schlagen Alarm: "Wer geschlechtsblind ist, trägt unter Umständen zur Verschärfung ökologischer Probleme bei." Die Landtagsabgeordnete Angela Freimuth (FDP) ist erstaunt. "Wir müssen sparen und schließen Jugendeinrichtungen, aber für so was haben wir Geld."

In Hessen stehen "Impulsveranstaltungen" für Kommunalpolitiker auf der Tagesordnung. Jungen spielten lieber Fußball als Mädchen, erklärte die Referentin den verdutzten Mitgliedern des Frankfurter Umweltausschusses. Außerdem wusste die promovierte Soziologin über Gender Mainstreaming auf dem Spielplatz noch zu berichten, dass sich 30,8 Prozent der Mädchen, aber nur 11,1 Prozent der Jungen über Hundekot im Sandkasten aufregen. Verärgert über die "phrasenhaften Aussagen geringsten Niveaus" verließ Markus Frank (CDU) die Sitzung. Richtig sauer ist der Stadtverordnete, seit er weiß, dass der Vortrag 16-mal in verschiedenen Ausschüssen gehalten wurde und die beiden Referenten 7076 Euro Honorar kassierten.

Besonders wichtig

ist "Gender Budgeting" - die geschlechtergerechte Verteilung von Steuergeldern. In Berlin haben Verwaltungsbeamte deshalb genau beobachtet, wie oft Männer, Frauen, Jungen und Mädchen in die Stadtbibliotheken gehen. Im östlichen Lichtenberg leihen 59,5 Prozent Frauen und Mädchen Bücher aus, aber nur 40,5 Prozent Männer und Jungen. Umgerechnet bedeutet das: 1050509 Euro des Etats kommen dem weiblichen Geschlecht, aber nur 715959 Euro dem männlichen zugute. Als genderpolitische Lösung haben Neuköllner Bibliothekare eine Wand mit "Jungen-und-Männer-Literatur" aufgestellt.

Im schleswig-holsteinischen Friedrichstadt trat die gesamte Rathausbelegschaft zum Gender-Kurs an. "Alle Menschen sind entweder Männer oder Frauen - richtig oder nicht?", fragte die Referentin mit todernster Miene im Ratssaal. Laut "Veranstaltungskonzept" war das "die Sensibilisierungsphase", die "der Bewusstwerdung der eigenen Geschlechtlichkeit" dienen sollte. 1200 Euro kassierte die promovierte Geografin für ihre zweitägigen Übungen. "War alles nicht neu", lästerte der Personalratsvorsitzende gegenüber der "taz". Zweifel am Sinn solcher "Pilotprojekte" und "Sensibilisierungsveranstaltungen" wischt eine Sprecherin des Bundesfamilienministeriums beiseite. Warum die Feststellung, Frauen und Männer hätten "unterschiedliche Fortpflanzungsorgane", lächerlich sein soll, versteht sie nicht. Und den Hinweis, dass über einen Behördenbrief die Anrede "sehr geehrte Damen und Herren" gehört, findet sie "durchaus angebracht. Wir stehen zu den Formulierungen".

Im Bundesbauministerium dagegen keimen offenbar erste Zweifel. "Gender Mainstreaming", steht in einer Broschüre über den geschlechtergerechten Städtebau, "ist kein einfaches Unterfangen." Wie ein leiser Seufzer liest sich das Fazit: "Nicht von ungefähr wurde Gender Mainstreaming auch schon mit der Frage umschrieben: ,Wie nagelt man den Pudding an die Wand?""

Kerstin Schneider/print

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