Schuhe auf den Präsidenten

5. Januar 2012, 21:43 Uhr

Das Wulff-Interview bewegt die Republik, ist Gesprächsthema in Büros und Kantinen, unter Freunden und Kollegen. Und ein gefundenes Fressen für das Netz. Ein Überblick. Von Swantje Dake

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Die Facebookseite "Christian Wulff: Rücktritt jetzt", ist nur eine, die den Rücktritt von Bundespräsident Wulff fordert©

Knapp 11,5 Millionen Zuschauer sahen das Interview mit Bundespräsident Christian Wulff. Die Reaktionen aus Politik und Presse waren verhalten bis verächtlich. Und das Volk? Konnte Wulff die Deutschen mit seinem 20-minütigen Interview überzeugen? Repräsentative Umfragen gibt es nach dem Auftritt noch nicht. Aber Lob und Kritik breiten sich im Netz schneller aus als jede Forsa-Umfrage.

Die offizielle Facebook-Seite des Bundespräsidenten erfreut sich derzeit außerordentlicher Beliebtheit. Mehr als 4000 neue Fans in den vergangen zwei Tagen, 6400 Kommentare zur Weihnachtsansprache, 5800 Kommentare zum Interview vom Mittwoch – auf solche Werte kommt sonst nur Lady Gaga. Neben Beschimpfung, Unflätigkeiten und Rücktrittsaufforderungen gibt es auch Unterstützung: "Bitte im Amt bleiben und Stärke unter Beweis stellen! Diese ganze scheinheilige Hetzjagd nervt - schade, dass dieses Land nichts besseres zu tun hat als Personen des öffentlichen Lebens für aufgepumpte Lapalien an den Pranger zu stellen", schreibt Michael Meier. Von der Pressestelle des Bundespräsidialamtes wird die Seite augenscheinlich nicht moderiert.

Demo vor Schloss Bellevue am Samstag

An anderen Stellen ist die Stimmung kritischer - und soll vom Internet auf die Straße getragen werden. Schon vor Weihnachten wurde die Seite "Wulff den Schuh zeigen" gegründet, in Anlehnung an den arabischen Brauch, jemandem seine Missachtung auszudrücken, indem man mit einem Schuh nach ihm wirft. Eine Demo für den ersten Weihnachtsfeiertag wurde verschoben, ein Flashmob von "Occupy Berlin" fand wenig Zuspruch. Aber was zögerlich begann, vervielfachte sich in den vergangenen Tagen sprunghaft. Mittlerweile hat die Gruppe Zulauf und einen ersten Demonstrationstermin: kommender Samstag, 14 Uhr vor dem Schloss Bellevue. Alternativ wird angeregt, einen Schuh einzupacken und ins Schloss zu schicken.

Die Demonstration wurde von der "Creative Lobby of future" angemeldet, die in den vergangenen Monaten diverse Veranstaltungen zu Themen wie Antiatomkraft, Sicherungsverwahrung oder Rassismus angemeldet hat. Das Ziel der neuen Aktion formuliert ein Sprecher des Vereins höchst besonnen: "Wulff zu ermahnen, sein Verhalten zu überdenken und für sich die Konsequenzen zu ziehen, die er anderen vor Jahren angeraten hatte."

Es gibt auch ein Picbadge "WulffSchuh", um dem Bundespräsidenten virtuell auf dem Facebook-Bild oder im Twitteraccount den Schuh zu zeigen.

Auf den Spuren von Trapattoni

Schon seit Tagen kursieren auf Twitter unter dem Hashtag #wulfffilme Film- und Buchtitel, die den Ereignissen der Kreditaffäre angepasst werden. Darunter "The President's Speech" , "How I met your Money" oder "Voicemail für Dich". Wulff-Gegner benutzen neben #wulff auch das Hashtag #notmypresident, um ihre Kritik am Bundespräsidenten zu üben. Zum Teil deutlich deftiger als auf Facebook. "#Wulff ist spätestens jetzt oberster Anwärter auf die goldene Guttenberg-Medaille für fortgeschrittene Uneinsichtigkeit", schreibt Mario Sixtus. ".. er trug das Risiko der Zinsentwicklung allein." "Schön, dass Deutschland wieder einen Helden hat. #wulff", spottet @Weltregierung.

Und via Facebook verbreiten sich auch munter Filme, Fotos und Fakes. Darunter die fast schon obligatorische Anzeige eines Autoverleihers, Fotos, die den Bundespräsidenten auf dem Weg zum Emir zeigen sollen, der Parodie-Mitschnitt von Wulffs Wutrede auf Diekmanns Anrufbeantworter. Der darin erwähnte Ausspruch "Der Rubikon ist überschritten" wird wohl ebenso wie "Ich bin auf dem Weg zum Emir" zum geflügelten Wort vom Range eines "Ich-habe-fertig"-Trapattonis werden. Nur die Netzgemeinde hat noch lange nicht fertig.

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