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27. August 2007, 10:39 Uhr

"Es ging ums nackte Überleben"

Was lief schief bei den Polizeieinsätzen auf den G8-Demos? So ziemlich alles, sagen Beamte. Doch die Politik lässt sich von der massiven Kritik der Polizisten nicht beeindrucken. Teil 2 der stern.de-Serie über die Nachwehen des Gipfels von Heiligendamm. Von Manuela Pfohl

Monate nach dem G8-Gipfel sprechen Polizisten über Fehler in der Einsatzplanung© Sebastian Willnow/DDP

Neulich beim Einsatz war es wieder da. Das Kribbeln, das langsam den Nacken hochkriecht. Erst heiß, dann eiskalt. Schweißausbruch, Herzrasen. Demonstranten, Schreie, Wut. Jan G., 33, Polizist, fühlt sich, als sei er wieder mittendrin in den Auseinandersetzungen beim G8-Gipfel in Heiligendamm. Er sieht sich in seiner Uniform im Stadthafen stehen, am 2. Juni in Rostock. Der Tag der Randale. Steine fliegen, Tränengas sticht in den Augen, Rauchschwaden eines angezündeten Autos steigen in den Himmel. G. hört die widersprüchlichen Befehle.

Er soll rein gehen in die schwarze Masse aus Steinen und Hass."Ich habe gedacht, das ist doch Irrsinn, wir sind viel zu wenige." Er reißt einen Vermummten zu Boden. Der schreit und tobt, jemand zieht an der Uniform, tritt nach Jan G., haut ihm in die Kniekehlen. Er spürt den Schlag im Rücken, den dumpfen Aufprall auf seinem Helm. Den Druck auf den Augen. Er sagt: "Ich verstehe nicht, warum uns die Polizeiführung so ins offene Messer hat laufen lassen." Zwei Tage später beginnen die Diskussionen um die Ursache der Ausschreitungen.

"Einsatztechnische Dummheit"

Der Münchner Polizeipsychologe Georg Sieber erklärt in einem Interview den Polizeieinsatz als "einsatztechnische Dummheit". Es sei in Rostock eigentlich lehrbuchgerecht alles so gemacht worden, wie es nicht sein soll. Ein bayrischer Beamter erklärt: "Das Ganze wurde fast zwei Jahre lang vorbereitet. Mich hat es überrascht, wie wenig die Polizeiführung trotz der langen Vorbereitungszeit über die Taktiken und Pläne der Gipfelgegner wusste und wie unflexibel und starr sie auf deren Aktionen reagiert hat."

Die Liste aus Pleiten, Pech und Pannen ist lang. Beamte erzählen, dass Spezialeinheiten, die für Krisensituationen, wie die Demo in Rostock ausgebildet sind, stattdessen zur Bewachung von Gebäuden eingesetzt wurden. Nicht genügend vorbereitet sei auch der Einsatz unterschiedlicher Funksysteme gewesen. So sei eine Einheit beispielsweise aufgefordert worden, sich vorwärts zu bewegen. Der Empfänger habe jedoch stattdessen verstanden, er solle sich zurückziehen. Bereitschaftspolizeiabteilungen mit vier Einsatzhundertschaften seien komplett ohne Abteilungsführung eingesetzt worden.

"Es ging ums nackte Überleben"

Kompetenzwirrwar, das nach Aussage der Gewerkschaft der Polizei (GdP) auch dazu führte, dass die Berliner 2. Bereitschaftspolizeiabteilung den Anordnungen Baden-Württembergs unterstellt war, die Polizei Baden-Württembergs wiederum hatte auf das Kommando von Bayern zu hören.

Mehrfach hätten Zugführer nur über private Handys Aufträge erfragen können. Ein Zugführer erzählt, er sei mit Berufsanfängern in den Einsatz geschickt worden. Aus seiner Sicht ein unkalkulierbares Risiko. "Die hatten soviel Schiss, es ist ein Wunder, dass die nicht vor Angst durchgedreht sind." Bernhard Schmidt ist ein erfahrener Polizist. WM, Castor-Transporte, Kreuzberger Nächte. "Ich hab alles schon mitgemacht und bin kein Weichei." Bei der Demo am 2. Juni in Rostock habe selbst er Angst gehabt. "So ein Einsatzfiasko wie da habe ich in meiner ganzen Dienstzeit noch nicht erlebt. Es ging ums nackte Überleben. Wir wurden regelrecht verheizt."

In der Pressemitteilung der Polizei Nr. 091 ist davon nichts zu lesen. Da steht, die Polizei ziehe nach dem G8-Gipfel eine positive Bilanz. Rüdiger Holecek vom Bundesvorstand der Polizeigewerkschaft fasst nüchtern zusammen, wovon seine Kollegen längst überzeugt sind: "Unsere Einsatzbilanzen decken sich nicht immer mit den Bilanzen der Leitung." In die Feier der "erfolgreichen Deeskalationsstrategie" passen offenbar auch die verletzten Beamten nicht, vermutet die GdP. Kurz nach dem Einsatz meldete Kavala noch, es habe in Rostock über 400 verletzte Polizisten gegeben. Mehr als 30 von ihnen seien schwer verletzt worden.

Inzwischen weitere Verletzungen gemeldet

Wenig später wird das Ganze revidiert. Man habe die Verletzungen zunächst für schlimmer gehalten, als sie tatsächlich waren, sagt Kavala-Sprecher Axel Falkenberg. Das Problem sei, dass es keine einheitliche Definition der Zuordnung von Verletzungen gibt. Ob schwerverletzt oder erheblich verletzt, sei eine Interpretation, die in allen Bundesländern unterschiedlich anders gehandhabt wird. Eine interne Statistik von Kavala, die sich auf den 2. Juni bezieht, bezieht sich auf Notarztkriterien und nennt 237 leicht verletzte Beamte sowie 32 schwerverletzte Polizisten. Dazu zählen dutzende Knochenbrüche, Risswunden, Schnittwunden, Brustwirbelsäulentraumata, Sprunggelenksverletzungen, Bänderrisse, Kopfverletzungen.

Doch es scheint sicher zu sein, dass es weit mehr Verletzte während des gesamten G8-Gipfels gab. Denn inzwischen haben sich Beamte aus den verschiedenen Bundesländern gemeldet und von weiteren schweren Verletzungen berichtet. Im Juli hat Jörg Radek vom GdP-Bundesvorstand deshalb begonnen, Listen zu erstellen. "Uns geht es dabei nicht um billige Aufrechnung. Wir wollen, dass Planungsfehler konsequent analysiert und künftig abgestellt werden." Dazu gehöre auch das Eingeständnis, dass die Kollegen mehr Dresche bezogen haben, als bei guter Einsatzplanung üblich gewesen wäre.

Untersuchungsausschuss gefordert

In einem Bericht der Berliner GdP an den Berliner Polizeipräsidenten heißt es: "Die über Monate andauernde politische Diskussion im Vorfeld des Einsatzes hat sich aus unserer Sicht negativ auf die Einsatzgestaltung der Polizei ausgewirkt. Es ist zwar nicht beweisbar, aber es hat mit großer Wahrscheinlichkeit eine politische Einflussnahme auf die Polizei gegeben." Weder Kavala-Chef Knut Abramowski noch der für den Gesamteinsatz zuständige Innenminister Mecklenburg-Vorpommerns, Lorenz Caffier (CDU) wollen sich öffentlich zu den Vorwürfen äußern. Dem Innenausschuss des Landtages hat Caffier vor der Sommerpause einen geheimen, 300 Seiten starken Bericht vorgelegt. Ausschussmitglieder erklärten nach der Sitzung: "Nur laue Luft."

Die Linksfraktion im Landtag fordert seitdem einen Untersuchungsausschuss. Jan G. glaubt nicht, dass etwas dabei herauskommen würde. Kavala hat die Arbeit inzwischen eingestellt. Die polizeilichen Zuständigkeiten sind wieder auf die Länder übergegangen. Was also hätte der Innenminister Mecklenburg-Vorpommerns zu befürchten? Nach dem Gipfel hat der Polizist überlegt, den Dienst zu quittieren. "Kannst du mir sagen, wovon wir dann leben sollen", hat seine Frau ihn gefragt. Seitdem hofft er, dass seine G8-Albträume irgendwann verschwinden, wie das Kribbeln, das langsam den Nacken hochkriecht.

Von Manuela Pfohl
 
 
KOMMENTARE (10 von 15)
 
alwinx (29.08.2007, 11:58 Uhr)
Nacktes Überleben
Wie unten schon erwähnt, war ich auch in Rostock dabei. Das an diesem Tag kein Polizist oder Demonstrant getötet worden ist, grenzt an ein Wunder. Das, was der Polizist in dem Artikel beschreibt, kann ich bestätigen. Da lernt man, was Angst ist...
kaykay (28.08.2007, 20:01 Uhr)
Provokateure
Es gibt auf fast jeder linken Demo diese Provokateure und das ist auch keine Medienerfindung. Ich glaube nicht das es bei dieser vermummte Polizisten mit Steinen in der Hand gab. Aber es gab viele andere Provokationen. Einen Vermummten mitten in der Menge festzunehmen ist eine wirklich dumme Sache bei der Deeskalierung. Ihr könnt euch ja sicherlich alle an das brennende Auto das oftmals im Fernsehen zu sehen war erinnern. Wie viel Vertrauen muss man in die achtung des Privatbesitzes haben um sein Auto als Einziges 5 Meter neben der Abschlusskundgebung zu Parken. Da sag ich nur Selbst Schuld oder wohl eher eine herzlichen Glückwunsch Kavalla zu einer der wenigen gelungen Aktionen auf der Demo. Naja und zu dem Polizisten der gesagt haben will " Es ging ums Nackte überleben". Sagen sie auch zu Ihrer Frau nachdem Sie eine Straße überquert haben "Es ging ums Nackte überleben" ?? Was will man zu dieser Polizei noch sagen..
alwinx (28.08.2007, 12:28 Uhr)
Nachtrag
Der erste Teil meines Kommentars ist natürlich die Aussage der "Userin07". Sollte nur zitiert sein (bis "kleine Lichter")
alwinx (28.08.2007, 12:24 Uhr)
@ Userin07
Die Eskalation in Heiligendamm ging nachweislich (!) von Agent Provokateuren aus. In den Medien wurde ja ausgiebig darüber berichtet. In diesem Zusammenhang von "gewalttätigen" DemonstrantInnen zu sprechen, ist einfach nur noch peinlich. Der Staat kann also jede Demonstration in die Ecke von Randalen stellen und wird dabei dann auch noch durch Berichte wie den oben stehenden gedeckt.
Zweitens: die Zahl der verletzten PolizistInnen war deshalb so hoch, weil jedeR PolizistIn, der/die sich bei seinem/ihrem Einsatzleiter abmeldete als verletzt geführt wurde - selbst, wenn sie/er nur in eine benötigte Pause gegangen ist.
Darüber hinaus ist der Einsatz von PolizistInnen in der Ausbildung bei Demonstrationen durchaus üblich. Ob man natürlich PolizeischülerInnen in eine Versammlung, die man eskalieren möchte, schicken muss, sei mal dahingestellt. Denn natürlich sind diese PolizistInnen "die Falschen" und "kleine Lichter".
Was du schreibst, zeugt von absoluter Unwissenheit. Du scheinst überhaupt keine Ahnung zu haben. Ich war in Rostock und ich kann von mir behaupten, dass ich weiß, wovon ich spreche.
Also 1.: Woher hast du das mit den "Provokateuren"? Mit Sicherheit aus der Presse. Natürlich glaubt man solche Geschichten gern. Die Eskalation ging aber in Wirklichkeit von einer Festnahme aus, die von Zivilpolizisten leichtsinnigerweise auf dem Platz der Abschlusskundgebung durchgeführt wurde. Ab diesem Zeitpunkt griff die Menge die Polizei an.
2.: Seit wann kann ein Polizist sich "abmelden", wenn er eine Pause benötigt? In Rostock waren geschlossene Einheiten im Einsatz, die mit einem militärischen Führungsstil geführt werden. Da kann niemand Pause machen, wie es ihm passt. Und zudem: Wieso sollte ein Polizist, der Pause macht, als Verletzter geführt werden? Was ist denn das für eine absurde Theorie?
3.: Polizeischüler? In Rostock?? Und sowas glaubt jemand? Du glaubst doch wohl nicht im Ernst, dass Polizeischüler auch nur in annährend prekären Lagen eingesetzt werden. Polizeischüler verteilen während ihrer Ausbildung höchstens mal Flyer zum Thema Einbruchssicherheit in friedlichen Wohngegenden. Ich weiß nicht woher du deine Weisheiten nimmst, würde mich echt mal interessieren.
userin07 (28.08.2007, 09:16 Uhr)
Nachtrag
Die PolizistInnen sind in ganzen Hunderschaften sehr brutal in den Demonstrationszug - nicht nur den Abschnitt des sogenannten "Schwarzen Blocks" - gestürmt und haben diverse Zwangsmittel gegen die DemonstrantInnen eingesetzt. Die PolizistInnen waren behelmt, mit Schildern, Schienbeinschonern, gepolsterten Uniformen, Schlagstöcken, Reizgas etc. ausgerüstet und hatten den gesamten Staatsapparat hinter sich. Die DemonstrantInnen hatten nichts von alldem. Wurden sie nicht auf der Demonstration in Mitleidenschaft gezogen, wurden sie oftmals verhaftet - die Zustände in den Gesas sind allgemein bekannt.
userin07 (28.08.2007, 09:03 Uhr)
Gewaltsame DemonstrantInnen?
Die Eskalation in Heiligendamm ging nachweislich (!) von Agent Provokateuren aus. In den Medien wurde ja ausgiebig darüber berichtet. In diesem Zusammenhang von "gewalttätigen" DemonstrantInnen zu sprechen, ist einfach nur noch peinlich. Der Staat kann also jede Demonstration in die Ecke von Randalen stellen und wird dabei dann auch noch durch Berichte wie den oben stehenden gedeckt.
Zweitens: die Zahl der verletzten PolizistInnen war deshalb so hoch, weil jedeR PolizistIn, der/die sich bei seinem/ihrem Einsatzleiter abmeldete als verletzt geführt wurde - selbst, wenn sie/er nur in eine benötigte Pause gegangen ist.
Darüber hinaus ist der Einsatz von PolizistInnen in der Ausbildung bei Demonstrationen durchaus üblich. Ob man natürlich PolizeischülerInnen in eine Versammlung, die man eskalieren möchte, schicken muss, sei mal dahingestellt. Denn natürlich sind diese PolizistInnen "die Falschen" und "kleine Lichter".
gmathol (28.08.2007, 00:10 Uhr)
@Stolz das in Deutschland gegen Bush und was sein Regime praesentiert, protestiert wurde.
Hier wurde naemlich der Welt klar gemacht, das deutsch "Realpolitiker" nicht mehr von den meisten deutschen Buergern unterstuetzt werden.
Das ist auch gut so!
Noch haben Deutsche ein Hirn und nicht ein durch Propaganda ausgewaschenes wie in z. B. in den USA.
Natuerlich sind mit den Polizisten die "Falschen" verpruegelt worden, aber man haette ja die Demonstranten durchlassen koennen. Auch Ulbricht uns sein Staatsrat haben ja am 17. Juni vom Volk den Hintern versohlt bekommen.
hevosenkuva (27.08.2007, 19:29 Uhr)
Gehirne in Deutschland? abgeschaltet.
@Known: wie wäre mal eine Differenzierung zwischen "Demonstranten" und "Pack, das Polizisten angreift und mit Steinen schmeisst"? oder gibt es da keine Unterschiede? Demonstrieren ist ein wichtiges Grundrecht der Demokratie - Steine werfen und Polizisten angreifen absolut nicht.
@areopag: "Spargelstechen hilft der Gemeinschaft", ja wie blöd kann man denn noch sein! die meisten Demonstranten wussten schon sehr gut, dass sie gegen eine falsche Globalisierung demonstrieren, die nur den Mächtigen und Reichen dazu dient, die kleinen Spargelstecher weiter auszubeuten. was das gebracht hat, kann kein Mensch ermessen. "dumpfe, dumme Parolen" zu gröhlen ist übrigens alleinige Aufgabe der Nazis, das sollte man ihnen nicht streitig machen, sonst haben sie ja gar nix mehr zu tun.
und überleg mal ob es was bringt, morgen früh aufzustehen - oder ob es vielleicht für die Gemeinschaft nützlicher wäre wenn Du einfach liegenbleibst und ein bisschen mit dem Spargel spielst... : )
@atride: siehe Absatz "@Known". Differenzierung gilt auch für Polizisten, das sind nicht alles einfach nur brutale Schläger.
DropBearHunter (27.08.2007, 19:28 Uhr)
re: Und was hats gebracht?
es hat schön gezeigt wie flach die demokratischen Wurzeln unseres Rectstaates sind. Die Grundrechtsverletzungen rund um "Klein-Guantanamo" zeugen sehr schön, dass es damit nicht weit her ist.
Known (27.08.2007, 18:55 Uhr)
Unverständlich.
Merkwürdig wie lasch hier gegen die Demonstranten vorgegangen wurde. Ich will nicht behaupten mich in der Szene auszukennen, aber ich finde man kann nicht hart genug gegen dieses Pack vorgehen dass Polizisten angreift und mit Steinen beschmeißt.
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