Wie blutig hätten Sie's denn gern?

7. April 2011, 13:34 Uhr

Bedeutet der Bussi-Putsch der FDP-Boygroup die Menschwerdung der Politiker-Kaste? Vertreiben Bambis die Platzhirsche und beenden Meucheleien? Mitnichten, wär' auch schlimm. Ein Besinnungsaufsatz von Florian Güßgen

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Bambi oder künftiger Platzhirsch? der designierte FDP-Chef Philipp Rösler©

Ach, was waren das für lustige Zeiten? Derb waren sie, die legendären Platzhirsche, saftig. Voller Lust, Leidenschaft und Testosteron, voller roher Brutalität, wenn's auf die Lichtung ging. Strauß, Schröder, Fischer, mit vielen Abstrichen auch Kohl. Ihr Emporkommen, ihre Herrschaft, ihr Fall, das waren Dramen, Feste der Unterhaltung. Für die Macht gaben sie alles, für die Macht misstrauten sie jedem, von der Wiege bis zur Bahre. Es konnte nur einen geben. In der Partei. Im Land. Wie heißt es bei Hobbes? Der Mensch ist des Menschen Wolf! Der Stärkste überlebt. Darauf ein Korn, mein Freund!

En garde, Bambi!

So, und jetzt das: Bussibussi in Berlin. FDP-Chef wird post-Westerwelle ein 38-jähriges Bambi, für das zuviel Blut trotz Medizinstudiums igittigitt ist, das sich von der bösen Macht nicht in ein Gollum verwandeln lassen und mit 45 eh aufhören will. Putzig, nicht wahr? Ja, Philipp Rösler dürfen Sie streicheln - und seine Freunde Christian und Daniel gleich mit. Die gehören nämlich ebenfalls zur liberalen Boygroup, die lieber miteinander redet statt meuchelt, etwa den Plätzchenhirschen Brüderle. Der hatte nämlich schon vorher angekündigt, dass er freiwillig von der Lichtung nicht weiche, da müsse schon Blut fließen. Sein Blut. En garde, Bambi! Bei den Grünen ist es nicht anders. 28 Prozent! Puh. Und das ganz ohne Maximo Lider, ohne ewig' Joschka, sondern dank Team und Teamspirit - dank Cem, Claudia, dem Jürgen und der Renate. Politik ist nicht mehr das Leben, sondern der Job zwischen den Elternzeiten. Darauf eine Kiba-Schorle!

Bambi also statt Platzhirsch in Berlin? Erleben wir derzeit die Menschwerdung eines neuen Politikertypus, eine Von-der-Leyenisierung oder, wie es eine bissiger Kollege des stern einmal treffend formulierte, die "Verhaustierung" der mächtigen Männer? Ist das, in dieser Phase der Teilzeit-Rhetorik, der Mütter-an-die-Macht-Phantasien und heißen Vier-Tage-Woche-Träumereien gar der Weg in die Zukunft, die Abkehr von der verrauchten Hinterzimmerrealität der Politik? Mehr noch: Ändern sich die Regeln der Machtspiele nicht nur in der Politik, sondern auch jene in Vorständen und auf den heiligsten Plätzen dieses Landes, den Fußballfeldern? In anderen Worten: Ist Ballack der Westerwelle des Fußballs und Lahm der Rösler des Sports? Motto: Mein Name ist Bambi, Philipp Bambi!

Die Mechanismen der Macht bleiben gleich

Gemach. Gemach. Auch in unserem, scheinbar weichgespülten Zeitalter hat sich die Logik der Politik im Kern nicht geändert. Macht ist ein knappes Gut, Politik lebt von Auswahl - und damit vom Kampf. Nicht jeder kann bestimmen, wo's langgeht, nicht jeder soll das. Und weil die alten Chefs hin und wieder wegmüssen und oft genug nicht wegwollen, muss es bisweilen blutig werden. Auch Bambis müssen deshalb irgendwann auf die Lichtung. Und wenn so ein Bambi verliert, sitzt Brüderle eben immer noch im Wirtschaftsministerium. Die krachende Niederlage der FDP-Boygroup in einem klassischen Machtkampf kann daher auch kein Gerede vom Mehrgenerationenhaus FDP kaschieren. Platzhirsche wird es auch allein deshalb weiter geben, weil Politik ohne herausragende Personen - siehe die Hybrid-Existenz der EU-Politik - erbärmlich blutleer ist, nicht greifbar, nicht kritisierbar. Nur Menschen können Menschen begeistern - und überzeugen.

Dabei gehört es zu den wunderbaren Widersprüchlichkeiten von uns, den Medien - aber auch, jaha!, den Bürgern - , dass wir uns immer wieder über die scheinbar brutale Logik dieser Machtkämpfe erheben. Zeternd fordern wir Vernunft, Sachlichkeit, all das, ein, um gleichzeitig nach immer neuen Gladiatoren zu gieren, nach charismatischen, durchsetzungsstarken Stars mit Kante, Glanz und Selbstherrlichkeit. Zwar verfemen wir politische Ruchlosigkeit, aber - wehe, wehe - jemand lässt die Ruchlosigkeit auch nur einmal vermissen, wie nun scheinbar die "Jungen Milden", dann geißeln wir deren fehlenden Machtwillen. So sind wir, die Wähler, die Journalisten, die Zuschauer.

Bleibt also am Ende doch alles beim Alten im ältesten Spiel der Welt, dem Spiel um die Macht? Ist das Gesäusel von Teamplayern, von einem mehr an Miteinander - aktuell bei FDP und Grünen, aber auch in Vorstandsetagen und Fußballvereinen - nur Augenwischerei, wenn die Regeln des Spiels doch besagen, dass es am Schluss auf Einzelne ankommt, die in Verantwortung stehen?

Der größte Platzhirsch sitzt im Kanzleramt

Nichts Genaues weiß man nicht. Auch Macht ist theoretisch nur das, was die, die darum kämpfen, daraus machen. Eine Teilzeitkanzlerschaft ist zwar kaum vorstellbar. Aber unterhalb dieser Schwelle gibt es viele Möglichkeiten, auch demokratisch erworbene Macht zu splitten oder die Normen innerhalb der Parteien so zu ändern, dass tatsächlich andere, um im Bilde zu bleiben, Bewerber auf die Lichtung treten, um die Kämpfe zwar immer noch auszutragen, aber möglicherweise mit anderen Mitteln.

Für so eine Entwicklung gibt es Anzeichen. Denn es sind eben längst nicht mehr nur alte Männer, die Politik machen und machen wollen, die Dichte der psychosozialen Polit-Wracks nimmt scheinbar ab, zumindest rhetorisch gehört eine gewisse Work-Life-Balance mittlerweile zum guten Ton, signalisiert sie doch Lebensnähe, Nähe zum Bürger. Insofern ist es schon interessant, wenn Philipp Rösler behauptet, irgendwann loslassen zu können von der Politik, mit 45, und Christian Lindner sagt, es müsse einen kooperativeren Stil geben.

Ob das die Regeln des Ringens um die Macht ernsthaft ändert, was die Jungen also tun, wenn sie richtig groß sind, dafür steht der Beweis jedoch noch aus. Sicher ist nur, dass die Zeit der Platzhirsche derzeit noch nicht vorbei ist. Gabriel ist noch da, Seehofer. Und der mächtigste aller Platzhirsche sitzt nach wie vor im Kanzleramt: Angela Merkel. Die dürfte sich mutmaßlich gewaltig wundern über die Marotten der Bambis, die das auflaufen - oder sie wundert sich über deren Schwächen.

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