Neue Länder, alte Mauern

13. August 2011, 10:12 Uhr

Zone? Ex-DDR? Beitrittsgebiet? Nach 50 Jahren Mauer - und 22 ohne - wird es Zeit für neue Begriffe. Eine Ausschreibung. Von Holger Witzel

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Was liegt seit der Wiedervereinigung hinter dieser Mauer? Neufünfland? GOV? Die Ostmark?©

Das habe ich nun davon: Mein zweitbester Freund Ludger redet nicht mehr mit mir. Bedürftige West-Frauen spammen mein Postfach mit obszönen Angeboten voll, und irgendein Erbsenzähler droht mit Anzeigen wegen Volksverhetzung. Da gibt man sich alle Mühe, die bröckelnde Mauer in den Köpfen behutsam zu sanieren, aber der westdeutsche 16-Prozent-Bürgermeister meiner Heimatstadt würde mich wegen Verunglimpfung der Heiligen Friedlichen Revolution am liebsten ausbürgern. Er mich! Ich darf nicht mehr zum Elternabend, und sogar meine Mutter fragt besorgt, ob ich das mit den Elefanten wirklich ernst meine - und immer diese derben Worte, Junge!

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Sie haben alle Recht: Mir gefällt der Name der Kolumne selbst nicht mehr. Weniger - entschuldige, Mama! -, weil die Überschrift zu derb wäre oder Betroffene ständig zu dümmlichen Kommentaren verleitet. Nein: Von mir aus könnte auch Fresse, Fuck you oder Leck mich da stehen. Sie brauchen es immer etwas dicker aufgetragen, weil sie selbst den ganzen Tag nichts anderes tun. Was mich zunehmend stört - also jetzt nur mal das Wort - ist der "Wessi". Genau wie sein angebliches Pendant, der "Ossi", werden diese Begriffe dem Problem nicht gerecht. Sie verniedlichen den Konflikt, verharmlosen Gegenwart und Geschichte. Am Ende glaubt noch jemand, das hier sei irgendein Quatsch, Satire gar oder verbitterter Galgenhumor.

In Wahrheit ist alles viel ernster, als es westdeutsche Leser gern nehmen: Üble Propaganda, Neid und Missgunst, von mir aus auch Volksverhetzung. "Wer in einer Weise, die geeignet ist, den öffentlichen Frieden zu stören, zum Hass gegen Teile der Bevölkerung aufstachelt", heißt es dazu im Strafrecht der Besatzungsmacht, wird mit bis zu fünf Jahren Gefängnis bestraft. "Hass" ist vielleicht ein wenig übertrieben. Bei mir ist es eher eine gewisse Menschenverachtung. Aber hat dafür jemals jemand die Erfinder von Hartz IV oder die Verfasser des Einigungsvertrages angezeigt? Bis zu drei Jahre Haft drohen immerhin auch für die Verbreitung von Schriften, die zu Willkür "gegen eine durch ihr Volkstum bestimmte Gruppe" auffordern. Na also.

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Das Besatzungsrecht schützt weder die einen vor Volksverhetzern, noch die anderen vor Volksverarschung. Was wir brauchen, sind neue Begriffe für diese zwei "durch ihr Volkstum bestimmten Gruppen", die seit mehr als 20 Jahren nebeneinander her leben - auf jeden Fall neue Abkürzungen, die sind überhaupt das Wichtigste. Sie müssen klingen, etwas klingeln lassen. Denken sie nur an USA oder EHEC. In "BRD" hat mir zum Beispiel immer die Demokratie gefehlt - der Begriff wenigstens - oder ist das Absicht? Eine Deutsche Demokratische Republik klingt dagegen theoretisch immer noch ganz gut, aber hat es als DDR praktisch vergeigt. Da muss man sich nichts vormachen, aber auch von Ahnungslosen nichts vormachen lassen, die sie ständig mit Attributen wie "ehemalige" oder "frühere" vergessen machen wollen, als wenn es neben der früheren noch eine spätere DDR gegeben hätte, eine heutige gar - oder die ehemalige nicht bis zum Schluss die gleiche gewesen wäre: Die DDR eben - "Der Doofe Rest".

Seit der sogenannten "Wiedervereinigung" - dem Anschluss, Beitritt wie auch immer - hat sich daran wenig geändert. Sprachliche Krücken wie die "Fünf Neuen Länder" sollten darüber hinweg täuschen, aber haben mit der Abkürzung "FNL" vor allem versprengte Vietcong-Kämpfer angelockt, die sich seitdem für unsere antiimperialistische Solidarität in den 7oer Jahren mit unversteuerten Zigaretten revanchieren. "Neu" stand immer für hilfsbedürftig, zweitklassig und die Scheu vor ehrlichen Kürzeln wie etwa BLL (Billig-Lohn-Länder) oder WAM (Westdeutscher Absatzmarkt). So wie 1961 niemand die Absicht hatte, eine Mauer zu errichten, leugnet es der Westen seit 1990: Eine Mauer? Arm und reich? Wo denn? Höchstens in den Köpfen! In Wahrheit springt sie einem auf jeder statistischen Landkarte sofort ins Auge, egal ob gerade Einkommen, Schnapsverbrauch oder auch nur das Gefühl abgefragt wird, ein Land zu sein.

Die ehemalige Zone könnte demnach beispielsweise Hartz-IV-Land heißen, wenn nicht wieder die Abkürzung - HIV-Land - völlig falsche Assoziationen wecken würde. Und so verhält es sich mit fast jeder halbwegs passenden Alternative. Ob man die Geografie, historische oder regionale Eigenheiten bemüht - immer schwingen irgendwelche Missverständnisse mit.

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Zwar reicht das Sendegebiet des MDR offiziell bis Schlesien, aber gehört Görlitz - ja, selbst Dresden - nach heutigen Begriffen wirklich zu Mitteldeutschland? Genauso gut könnte man von "Deutschland in den Grenzen von 1989" reden oder die besetzten Gebiete östlich der Elbe als "Ostmark" bezeichnen. Seit es die West-Mark nicht mehr gibt, würde nicht mal jeder gleich an das alte Währungsgefälle denken. Aber ich fürchte, auch da gibt es historische Bedenken, ähnlich wie zum Beispiel bei "Deutsch-Nordost", was mir neben den naheliegenden Bezügen zum Kolonialgebaren des westdeutschen Apartheid-Regimes auch deshalb ganz gut gefällt, weil Himmelsrichtungen eine vergleichsweise verlässliche Größe sind.

Ob "hoher Norden", "warmer Süden" oder "naher Osten" - da kann sich jeder etwas vorstellen. Hab ich eine vergessen? Ach ja, den "wilden Westen". Aber darf man Baden-Württemberg nach Winnenden, Stuttgart 21 oder der letzten Landtagswahl deshalb gleich so nennen? Die Zustände in vielen Ost-Berliner Kiezen mit denen in Ost-Jerusalem vergleichen? Natürlich nicht! Kein Vergleich ohne Mauer oder Verharmlosung - alles vermintes Gelände.

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Eine gar nicht so schlechte Lösung schlägt ausgerechnet ein Leser aus Nordrhein-Westfalen vor: "Hören Sie endlich auf", schreibt mir Gudio N. aus Lemgo, "das gesamte westdeutsche Volk in einen Topf zu werfen!" Das trifft es eigentlich: Das "Gesamte Westdeutsche Volk" ist eine relativ klar umrissene Menge, bringt kaum historische Probleme mit sich und unterstellt, dass es auch das "Gesamte Ostdeutsche Volk" geben muss. Was für schöne Bilder allein die Abkürzung GOV auslöst: Government - Wir sind das Volk und so weiter. Auch das GWV, was irgendwie nach Wohnungsbaugesellschaft oder Grundstücksverein klingt, könnte sich damit sicher identifizieren: Ein Volk von Bausparern, ohne Mauern im Kopf - bis auf die eigenen vier Wände.

Apropos Wände. "Die Wende" ist auch so ein Wort, das immer noch regelmäßig in die Irre führt. Nur aufgeklärte Ostdeutsche wissen, dass es der Geschichte von SED-Funktionären in den Mund gelegt wurde. Ältere Westdeutsche warten seit Stalingrad darauf, jüngere denken eher an die Börse oder ihre Pin-Wand bei Facebook. Das ist überhaupt die Idee: Wer eine bessere hat als "Neu-Fünf-Land", "Dunkel-, Ost- oder Klein-Deutschland" kann sie gern an diese Mauer pinnen. Die besten Vorschläge lässt der MDR für eine Produktionskostenzuschuss ab 10.000 Euro von einem echten Stasi-Moderator verlesen - für ewig gestrige Vorschläge wie "Jammertal" gilt natürlich - wie immer: Schnauze, Wessi!

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Schnauze, Wessi!

stern-Reporter Holger Witzel, 46, liegt die deutsch-deutsche Völkerverständigung am Herzen. Der jüngste Sammelband seiner Kolumnen heißt "Gib Wessis eine Chance"

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