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Mehr Bedächtigkeit geht nicht

Winfried Kretschmann hat für die Grünen ein historisches Ergebnis geholt: rund 30 Prozent in Baden-Württemberg. Trotzdem ist ihm das Amt des Ministerpräsidenten nicht sicher. 

Winfried Kretschmann

Der Sieger in Baden-Württemberg: Winfried Kretschmann (Grüne) bleibt Ministerpräsident - wenn er einen Koalitionspartner findet

Das muss man gesehen haben. Um 18.30 Uhr, als hinreichend sicher ist, dass die Grünen in Baden-Württemberg durch die Decke gegangen sind und selbst die CDU deklassiert haben, tritt Winfried Kretschmann in der Stuttgarter Staatsgalerie vor seine Anhänger. Standing ovations, minutenlang. Dann hebt Kretschmann an, ein paar Sätze zu sagen. Recht langsam und bedächtig, so als würde er sich bemühen, einen Fakt ordentlich darzustellen, sagt er: "Ihr habt zu Recht geklatscht, die Baden-Württemberger haben heute noch einmal Geschichte geschrieben und die Grünen zur stärksten Kraft im Lande gemacht." Links neben ihm steht seine Frau Gerlinde, sie strahlt und lacht und klatscht und biegt ihren Körper vor Freude. Kretschmann rührt sich nicht vom Fleck, nur andeutungsweise huscht ein Lächeln über sein Gesicht. Nach einer kurzen Pause fährt er fort: "Ich sehe in diesem Wählervotum den Auftrag, erneut die Landesregierung von Baden-Württemberg zu bilden und weiter den Ministerpräsidenten zu stellen." Wieder jubeln Gerlinde und das Publikum, während Kretschmann pausiert. So geht es immer weiter. Nicht eine Geste des Triumphes gönnt sich der Grüne, nicht einen überschäumenden Satz. Kretschmann, die Inkarnation der Bedächtigkeit. Vielleicht ist gerade deswegen so vielen Landsleuten sympathisch.

Wenig später, bei seinem Auftritt in der Landespressekonferenz Stuttgart, Konrad-Adenauer-Straße 3, ist "Kretsch" schon wieder bei den aktuellen politischen Aufgaben. Jetzt gelte es, eine stabile Regierung zu bilden, sagt er. Außerdem müssten sich alle zusammenraufen in der Auseinandersetzung mit der AfD. Er sei bestürzt über deren Wahlergebnis. "Wir werden die AfD im Landtag stellen", kündigt Kretschmann an. Fast scheint es, als würde ihn das Abschneiden der Rechtspopulisten mehr bekümmern als der eigene Wahlsieg freuen.

Heikelstes Thema: Koalitionsbildung

Um das für ihn selbst heikelste Thema, die Koalitionsbildung, macht Kretschmann an diesem Abend einen großen Bogen. Er werde mit allen demokratischen Parteien ernsthaft sprechen, viel mehr ist ihm nicht zu entlocken. Kretschmann weiß, dass es schwierig werden wird. Sein bisheriger Partner, die SPD, ist in Baden-Württemberg auf schmachvolle 13 Prozent abgestürzt, sie liegt sogar noch hinter der AfD. Grün-Rot kann also nicht fortgesetzt werden, Grün-Schwarz wäre eine Alternative. Aber Guido Wolf, Kretschmanns christdemokratischer Herausforderer, selbst mit 27 Prozent vom Wähler brutal bestraft, wiederholt an diesem Wahlabend immer wieder nur, Grün-Rot sei abgewählt. Er wolle eine Deutschland-Koalition, also ein Bündnis aus CDU, SPD und FDP, das in Stuttgart die denkbar knappste Mehrheit von einer Stimme hat. Als Wolf im TV-Studio davon spricht, verzieht Kretschmann keine Miene.

Berlin, Bundesgeschäftsstelle der Grünen, Platz am neuen Tor 1. Es gibt Brezeln, Bier und Biozisch, keine Wurst nirgends. Dafür werden ein paar vorgefertigte Pappschilder ausgeteilt. "Kretsch!" steht darauf oder auch "Winfried". Als um 18 Uhr die Prognose für Baden-Württemberg über die beiden Bildschirme flimmert, jubelt der Saal. Als das Ergebnis der AfD in Sachsen-Anhalt bekannt wird, murmelt nicht nur einer: "Scheiße". Auftritt Simone Peter, Parteichefin der Grünen. Sie gratuliert Kretschmann, dankt den Wahlhelfern, sagt, die Grünen würden sich auch weiterhin gegen Hetze und Hass stellen - was man halt so sagt, wenn man ein insgesamt durchwachsenes Ergebnis der Grünen bei den Landtagswahlen zu kommentieren hat. Robert Habeck, der 2017 als Spitzenkandidat für die Grünen in den Bundestagswahlkampf gehen will, wird schon deutlicher. "Ich freue mich natürlich sehr über das Ergebnis in Baden-Württemberg", sagt er dem stern. "Das ist spektakulär und das beste Ergebnis, das die Grünen jemals erzielt haben. Man sollte tausend Ausrufezeichen dahinter setzen. Und dann noch mal Tausend. Trotzdem kann ich mich nicht hundertprozentig freuen, wegen der Ergebnisse der AfD. Denn damit wird es schwierig, stabile Regierungen aufzubauen, und in der jetzigen Phase brauchen wir stabile Regierungen, um mit dem Problem umgehen zu können."

Der kleine grüne Kaktus

Eine stabile Regierung bilden - das ist Kretschmanns schwierigste Aufgabe jetzt. 1980 ist er in den baden-württembergischen Landtag eingezogen, damals brachte er einen kleinen grünen Kaktus mit. Was dieser große Wahlsieg 36 Jahre später für ihn emotional bedeute, will ein Reporter in Stuttgart von ihm wissen. "Ich bin ziemlich überwältigt", antwortet Kretschmann. "Das bewegt einen auch persönlich." Wieder zieht über sein Gesicht die Andeutung eines Lächelns. "It gschompfa isch globt gnuag", lautet ein altes schwäbisches Sprichwort, nicht gemeckert ist genug gelobt. Bei Kretschmann müsste es heißen: nicht geknurrt ist genug gefreut. Ernst genug sind die Zeiten dafür.

Mit Recherchen von Ingrid Eißele, Lilli Hövener, Rainer Nübel
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