Startseite
Analyse

Denkzettel oder braune Zukunft?

24 Prozent in Sachsen-Anhalt, 13 in Baden-Württemberg und 12 in Rheinland-Pfalz. Die Prognosen machen die AfD zur Gewinnerin des Super-Sonntags. Hier ein paar Beruhigungspillen - teils von der AfD selbst dargereicht. 

Von Sophie Albers Ben Chamo

"Stoppt den rechtsruck" steht auf einem Plakat beim Anti-AfD-Protest in Stuttgart

Protest vor dem Maritim-Hotel in Stuttgart, wo die AfD ihren Erfolg feiert

Ja. Die AfD hat am Super-Sonntag ein historisches Ergebnis hingelegt: Noch nie hat eine neue Partei aus dem Stand ein Wahlergebnis von 24 Prozent erreicht - so wie die Alternative für Deutschland in Sachsen-Anhalt. Auch in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz sind die Gewinne zweistellig (bisher 15 und 12). Fangen wir also mit Beruhigungspillen an, die die Partei dankenswerterweise auch selbst liefert.

Beruhigungspillen

Pille 1: Wenige Minuten nach der ersten Hochrechnung haben sich die Führungsfiguren Frauke Petry und Alexander Gauland bereits widersprochen: Während Petry die "eigenen Inhalte" der Partei rühmte und sich auf die Arbeit als "Opposition" freute, "die es lange nicht mehr gegeben" habe, sagte Gauland im ARD-Gespräch: Die Leute hätten kein Programm gewählt, sondern die Flüchtlingspolitik abgewählt. Fakt ist: Die AfD hat kein Programm. Das wird erst im April beschlossen. Deshalb ist sie auch so eine ausgezeichnete Projektionsfläche für wie immer gearteten Frust.

Pille 2: Das zeigt auch die ZDF-Umfrage zur Wähler-Motivation:

Demnach haben mindestens 75 Prozent der AfD-Wähler ihr Kreuzchen gemacht, um "den anderen Parteien einen Denkzettel" zu verpassen. Das sollte Petry und Co. zu denken geben - und dem Rest der Republik genug Zeit, um eine vernünftige Strategie gegen die rückwärtsgewandte Frust-Partei an den Start zu bringen. Das werde in Zukunft sogar einfacher, meint der sachsen-anhaltinische Linken-Politiker Wulf Gallert. Denn als Landtagsmitglied müsse die AfD "jetzt inhaltliche Fragen beantworten", was sie bisher nicht getan hat. Das wird sicher Wählerstimmen kosten, denn sobald es konkret wird, verliert die ultimative Projektionsfläche an Attraktivität. Zudem wird es intern zu Streiterein führen.

Pille 3: Trotz des nicht enden wollenden Merkel-Bashings zeigen die Ergebnisse bei den CDU-Kandidaten Guido Wolf (Baden-Württemberg), Reiner Haseloff (Sachsen-Anhalt) und Julia Klöckner (Rheinland-Pfalz), dass sich das Abwenden vom Kurs der Kanzlerin in der Flüchtlingspolitik nicht ausgezahlt hat. Im Gegenteil. Innerhalb der CDU gibt es derzeit keine Alternative zur Kanzlerin, das dürfte jetzt allen klar sein. Deren Popularitätswerte steigen auch gerade wieder. Die Mehrheit steht hinter einer humanen Flüchtlingspolitik - und nicht hinter der AfD.

Pille 4: Das AfD-Wähler mobilisierende Thema war ein einziges: die Flüchtlingspolitik. Das sollte man der AfD durch eine vernünftige Integrationspolitik und vor allem parteienübergreifende, entschiedene Zusammenarbeit abnehmen können. Denn auch ein Horst Seehofer sollte jetzt verstanden haben: Die Alternative zu Merkels Kurs ist nicht die CSU.


Die Folgen

So, nachdem die Panik hoffentlich ein bisschen heruntergedimmt und der Blick ein bisschen klarer ist, hier kommt die schlechte Nachricht: Die AfD wird so schnell nicht verschwinden, denn das wird das Flüchtlingsthema auch nicht. Aber der Super-Sonntag wird Folgen haben. Das muss er. Pragmatismus in der Koalitionsbildung (vor allem in Sachsen-Anhalt), die Wiederentdeckung der Solidarität, die Politisierung im Privaten und, wie bereits erwähnt, eine starke Integrationspolitik. Oder dieses Land wird tatsächlich in seiner Lust an der Apokalypse versinken.

täglich & kostenlos
Täglich & kostenlos

Stern Logo Das könnte Sie auch interessieren

Partner-Tools