"Ich bin offensichtlich unterhaltsam"

10. Februar 2013, 20:51 Uhr

Politiker müssen Intrigen aushalten können, sagt Wolfgang Kubicki. Mit Katharina Matheis und Carina Stefak sprach er über Hinterbühnen der Macht, die Einsamkeit in Berlin und die Freuden der Revanche.

© DPA Wolfgang Kubicki Wolfgang Kubicki studierte VWL und Rechtswissenschaften an der Universität Kiel und ist als Rechtsanwalt tätig. 1971 wurde er Mitglied der FDP und ist seit 1996 Franktionsvorsitzender im schleswig-holsteinischen Landtag. Dieses Amt hatte er bereits 1992 inne, musste jedoch aufgrund der sogenannten "Schönberg-Affäre" zurücktreten. Zweimal saß er für seine Partei auch im Bundestag - und strebt für die neue Legislaturperiode ein Bundestagsmandat an.

Herr Kubicki, Sie wurden in der "Süddeutschen Zeitung" mit den Worten zitiert, Sie hätten in jüngster Zeit "eine gewisse Beißhemmung" entwickelt. Das müssen Sie doch als ehrenrührig empfunden haben. Sind Sie schon gerichtlich gegen den Redakteur vorgegangen?

Nein, das Zitat ist zutreffend. Mein Umfeld sagt mir tatsächlich, dass sich meine Ausstrahlung verändert hat. Ich wirke nicht mehr wie ein Terrier, wie ein Wadenbeißer. Trotzdem habe ich immer noch Spaß an pointierten Formulierungen. Aber manchmal muss Kritik eben freundlich verpackt werden.

Die Parteispitze der FDP ist fehlbesetzt, Vize-Parteichefin Birgit Homburger ist "kaum wahrnehmbar" und der ehemalige FDP-Landesvorsitzende in Nordrhein-Westfalen, Andreas Pinkwart, hat "keinen Arsch in der Hose" - alles Aussprüche von Ihnen. Wundert es Sie, dass Parteifreunde Ihnen vorgeworfen haben, Sie würden Ihre eigene Partei "kaputt reden"?

Eine Partei ist eine Vereinigung, in der gleichberechtigte Menschen unterschiedliche Auffassungen artikulieren, um eine gemeinsame Handlungslinie zu finden. Und die Regeln dieser Gemeinschaft bestimmen nicht irgendwelche Chefs, sondern die Parteitage.

Mehr Konfrontation in der Politik? Ist das Ihr Wunsch?

Nicht mehr Konfrontation, sondern mehr Argumentation. Die Menschen wollen doch wissen, wie man zu einer bestimmten Position kommt. Die politische Streitkultur der 1960er und 70er Jahre ist einem verbreiteten Konformismus gewichen: Bloß nicht öffentlich dokumentieren, dass man unterschiedliche Auffassungen hat, sonst werden die Wähler verunsichert. Aber wer den demokratischen Diskurs, den Streit, diffamiert, der hat das Wesen demokratischer Organisationen und Prozesse nicht verstanden – oder es geht ihm gar nicht um Demokratie.

Das heißt, Politik verläuft heute stromlinienförmig?

Ja, bedauerlicherweise. Wer eine abweichende Meinung hat, wird angebrüllt und in die Ecke gestellt. Wenn Sie Zeitungen aufschlagen, lesen Sie heutzutage nicht mehr, 'ABC hat gesagt', sondern 'Aus Kreisen von' oder 'Ein nicht genannt werden wollendes Regierungsmitglied'. Viele Politiker singen öffentlich Jubelarien, aber hinten herum denunzieren sie ihre Kollegen. Jemand, der nicht sein Gesicht hergibt, für das, was er sagt, gehört nicht in eine politische Funktion.

Sie sind nicht nur Politiker, sondern arbeiten auch als Strafverteidiger - füllt Sie die Landespolitik nicht aus?

Politik an sich ist kein Beruf. Das können Sie weder lernen, noch gibt es einen Abschluss dafür. Und Sie haben keinerlei Garantie, dass Sie als politischer Mensch auf Dauer parlamentarisch tätig sein können. Vor der letzten Landtagswahl bin ich mehrfach gefragt worden, was ich mache, wenn die FDP aus dem Parlament fliegt. "Gar nichts", habe ich gesagt, "dann gehe ich am nächsten Morgen wie immer in meine Kanzlei." Aber diejenigen, die nichts anderes haben und deren Existenz an der politischen Funktion hängt, die leiden.

Ab einer bestimmten politischen Ebene funktioniert dieses Modell aber nicht mehr. Ein Spitzenpolitiker muss sich doch voll und ganz der Politik verschreiben.

Das stimmt. Abgesehen davon, dass Minister keinen anderen Beruf ausüben dürfen, hätten sie dafür auch tatsächlich keine Zeit.

Und weil Sie Ihren Beruf lieben, könnten Sie gar nicht ganz oben mitspielen?

Ich könnte es. Und werde es auch: Weil es um die FDP nach wie vor nicht gut bestellt ist, habe ich mich entschieden, erneut für den Bundestag zu kandidieren und mich deutlich mehr einzumischen. Ich will nicht zusehen, wie meine Partei vor die Hunde geht.

Und das, obwohl Sie das Berliner Politikparkett - bis auf zwei kurze Ausflüge - jahrelang gemieden haben: Ihre Aussage, dass Sie in der Hauptstadt "zum Säufer oder Hurenbock" würden, ging durch alle Medien.

Ich bin mittlerweile moralisch gefestigt.

Wie viele Alkoholiker und Ehebrecher laufen denn Ihrer Meinung nach im Bundestag herum?

Keine Ahnung, aber es gibt bestimmt welche. Das sind meist Menschen, die mit dem Druck nicht fertig werden, einen Fehler zu machen und Angst haben, irgendwann in der Bedeutungslosigkeit zu verschwinden. Das kompensieren sie dann mit Alkohol.

Und wie viele lenken sich durch Affären ab?

Das müssen Sie die Berliner Kollegen fragen.

Hat man keine Vertrauten in Berlin?

Wenige. Die überwiegende Anzahl der Menschen, mit denen man zusammen ist, sind potenzielle Konkurrenten, denn in der Politik geht es um Karrieren und Seilschaften - schlicht und ergreifend um Macht. Und die Berliner Szene ist anders als die in Kiel, ein anderes Pflaster. Außerdem arbeiten in der Hauptstadt 3000 freie Journalisten – überall haben die Wände Ohren. Alles, was man sagt, kann sofort gegen einen verwendet werden.

Wie abgebrüht muss man sein, um da bestehen zu können?

Schon ziemlich. Wenn Sie mit Intrigen nicht umgehen können, sind Sie im Politikbetrieb falsch. Das gilt übrigens auch für das Verhältnis zwischen Staaten. Diplomatie ist nichts anderes als die hohe Kunst der Intrige zur Durchsetzung der eigenen Interessen.

Das heißt, man kann nicht nach oben kommen, ohne anderen zu schaden?

Das funktioniert objektiv nicht - in Konkurrenzverhältnissen gibt es immer Gewinner und Verlierer. Die spannende Frage ist doch: Kann man ganz nach oben kommen und dabei noch morgens in den Spiegel schauen? Das glaube ich schon. Aber es gibt auch Politiker, die versuchen, potenzielle Konkurrenten so zu ruinieren, dass die nie wieder auf die Beine kommen.

Sie sagten, die Berliner Polit-Szene sei intriganter als die in Kiel. Aber die Norddeutschen haben spektakuläre Skandale hingelegt: die Affäre um Uwe Barschel etwa, der seinen Konkurrenten Björn Engholm bespitzeln ließ. Oder der "Heidemörder", der Ministerpräsidentin Heide Simonis das Amt kostete. Und nicht zuletzt die Lolita-Affäre um den ehemaligen CDU-Landesvorsitzenden Christian von Boetticher, dem seine Beziehung zu einer 16-Jährigen zum Verhängnis wurde. Offenbar ist der Hang zur Affäre an der Förde doch größer als an der Spree.

Nein, bei uns gibt es nicht mehr Affären als in Berlin, sie werden nur breiter ausgewalzt. Die Entdeckungswahrscheinlichkeit ist in Berlin einfach geringer; in einer 3,8-Millionenstadt können Sie auch mal abtauchen. Dafür ist allerdings die Verbreitungsgeschwindigkeit höher, weil dort massenhaft Publikationsorgane sitzen. Die sind in der Provinz überschaubarer.

Wie viele Freunde haben Sie heute in der FDP?

In der FDP? Ganz schwierige Frage. Ich bin nur mit ganz wenigen Funktionsträgern befreundet.

Bundesentwicklungsminister Dirk Niebel, der früher gern über Sie schimpfte, hat Ihnen nach dem Coup bei der Landtagswahl 2012, bei der die FDP acht Prozent der Stimmen geholt hat, auf die Schulter geklopft und gesagt: "Wolfgang, wir müssen mal essen gehen, wir beide sind doch Typen." Empfanden Sie da Genugtuung oder Ekel?

Ekel ist vielleicht ein bisschen zu stark.

Das Interview Das Interview ist ein gekürzter Vorabdruck aus dem Buch von Bernhard Pörksen und Wolfgang Krischke (Hrsg.): "Die gehetzte Politik. Die neue Macht der Medien und Märkte". Es ist am 5. Februar im Herbert von Halem Verlag (Köln) erschienen und kostet 19,80 Euro.

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