Politiker müssen Intrigen aushalten können, sagt Wolfgang Kubicki. Mit Katharina Matheis und Carina Stefak sprach er über Hinterbühnen der Macht, die Einsamkeit in Berlin und die Freuden der Revanche.
Nein, das Zitat ist zutreffend. Mein Umfeld sagt mir tatsächlich, dass sich meine Ausstrahlung verändert hat. Ich wirke nicht mehr wie ein Terrier, wie ein Wadenbeißer. Trotzdem habe ich immer noch Spaß an pointierten Formulierungen. Aber manchmal muss Kritik eben freundlich verpackt werden.
Eine Partei ist eine Vereinigung, in der gleichberechtigte Menschen unterschiedliche Auffassungen artikulieren, um eine gemeinsame Handlungslinie zu finden. Und die Regeln dieser Gemeinschaft bestimmen nicht irgendwelche Chefs, sondern die Parteitage.
Nicht mehr Konfrontation, sondern mehr Argumentation. Die Menschen wollen doch wissen, wie man zu einer bestimmten Position kommt. Die politische Streitkultur der 1960er und 70er Jahre ist einem verbreiteten Konformismus gewichen: Bloß nicht öffentlich dokumentieren, dass man unterschiedliche Auffassungen hat, sonst werden die Wähler verunsichert. Aber wer den demokratischen Diskurs, den Streit, diffamiert, der hat das Wesen demokratischer Organisationen und Prozesse nicht verstanden – oder es geht ihm gar nicht um Demokratie.
Ja, bedauerlicherweise. Wer eine abweichende Meinung hat, wird angebrüllt und in die Ecke gestellt. Wenn Sie Zeitungen aufschlagen, lesen Sie heutzutage nicht mehr, 'ABC hat gesagt', sondern 'Aus Kreisen von' oder 'Ein nicht genannt werden wollendes Regierungsmitglied'. Viele Politiker singen öffentlich Jubelarien, aber hinten herum denunzieren sie ihre Kollegen. Jemand, der nicht sein Gesicht hergibt, für das, was er sagt, gehört nicht in eine politische Funktion.
Politik an sich ist kein Beruf. Das können Sie weder lernen, noch gibt es einen Abschluss dafür. Und Sie haben keinerlei Garantie, dass Sie als politischer Mensch auf Dauer parlamentarisch tätig sein können. Vor der letzten Landtagswahl bin ich mehrfach gefragt worden, was ich mache, wenn die FDP aus dem Parlament fliegt. "Gar nichts", habe ich gesagt, "dann gehe ich am nächsten Morgen wie immer in meine Kanzlei." Aber diejenigen, die nichts anderes haben und deren Existenz an der politischen Funktion hängt, die leiden.
Das stimmt. Abgesehen davon, dass Minister keinen anderen Beruf ausüben dürfen, hätten sie dafür auch tatsächlich keine Zeit.
Ich könnte es. Und werde es auch: Weil es um die FDP nach wie vor nicht gut bestellt ist, habe ich mich entschieden, erneut für den Bundestag zu kandidieren und mich deutlich mehr einzumischen. Ich will nicht zusehen, wie meine Partei vor die Hunde geht.
Ich bin mittlerweile moralisch gefestigt.
Keine Ahnung, aber es gibt bestimmt welche. Das sind meist Menschen, die mit dem Druck nicht fertig werden, einen Fehler zu machen und Angst haben, irgendwann in der Bedeutungslosigkeit zu verschwinden. Das kompensieren sie dann mit Alkohol.
Das müssen Sie die Berliner Kollegen fragen.
Wenige. Die überwiegende Anzahl der Menschen, mit denen man zusammen ist, sind potenzielle Konkurrenten, denn in der Politik geht es um Karrieren und Seilschaften - schlicht und ergreifend um Macht. Und die Berliner Szene ist anders als die in Kiel, ein anderes Pflaster. Außerdem arbeiten in der Hauptstadt 3000 freie Journalisten – überall haben die Wände Ohren. Alles, was man sagt, kann sofort gegen einen verwendet werden.
Schon ziemlich. Wenn Sie mit Intrigen nicht umgehen können, sind Sie im Politikbetrieb falsch. Das gilt übrigens auch für das Verhältnis zwischen Staaten. Diplomatie ist nichts anderes als die hohe Kunst der Intrige zur Durchsetzung der eigenen Interessen.
Das funktioniert objektiv nicht - in Konkurrenzverhältnissen gibt es immer Gewinner und Verlierer. Die spannende Frage ist doch: Kann man ganz nach oben kommen und dabei noch morgens in den Spiegel schauen? Das glaube ich schon. Aber es gibt auch Politiker, die versuchen, potenzielle Konkurrenten so zu ruinieren, dass die nie wieder auf die Beine kommen.
Nein, bei uns gibt es nicht mehr Affären als in Berlin, sie werden nur breiter ausgewalzt. Die Entdeckungswahrscheinlichkeit ist in Berlin einfach geringer; in einer 3,8-Millionenstadt können Sie auch mal abtauchen. Dafür ist allerdings die Verbreitungsgeschwindigkeit höher, weil dort massenhaft Publikationsorgane sitzen. Die sind in der Provinz überschaubarer.
In der FDP? Ganz schwierige Frage. Ich bin nur mit ganz wenigen Funktionsträgern befreundet.
Ekel ist vielleicht ein bisschen zu stark.
Das Interview Das Interview ist ein gekürzter Vorabdruck aus dem Buch von Bernhard Pörksen und Wolfgang Krischke (Hrsg.): "Die gehetzte Politik. Die neue Macht der Medien und Märkte". Es ist am 5. Februar im Herbert von Halem Verlag (Köln) erschienen und kostet 19,80 Euro.