Kaum ein Land der Welt ist so dünn besiedelt und bietet so viel atemberaubende Natur wie Neuseeland. Die meisten Touristen besuchen die Südinsel und verschmähen den Norden. Wenn die wüssten, was sie versäumen. Von Rüdiger Barth

Der Norden der Nordinsel Neuseelands: Bay of Island© Mike Schröder, Hartmut Schwarzen/Picture-Alliance
Vermutlich liegt es an den Kiwis selbst. An Kerlen wie Andy, der in Auckland wohnt, einen Partyservice betreibt und davon träumt, eines Tages auf einem Katamaran zu leben. Fragt man Andy, der taucht, segelt, golft: "Hey, Andy, wo sollen wir hinfahren, wir haben vier Wochen, um euer Land zu entdecken?", dann bekommt er ein Strahlen in die Augen und sucht im Reiseführer seine Lieblingsberge, findet eine Karte der Südinsel Neuseelands, wandert mit dem Finger über vielfach gewundene Straßen, "da müsst ihr hin", ruft er, "und da, oh, da sowieso …"
"Hey, Andy", sagen wir, wir sitzen am weiten Orewa Beach, betrachten die Schaumkronen auf dem Hauraki Golf, schieben uns eine gegrillte Jakobsmuschel in den Mund und spülen sie mit einem Schluck Sauvignon Blanc aus der Hawke's Bay hinunter, "Andy, was ist mit dem Norden? Du verschweigst uns doch was." "Wie, welchem Norden?", fragt Andy scheinheilig, er beschattet die Augen, tut, als suchte er den Horizont ab. Auckland schmiegt sich an einen fantastisch zerklüfteten Naturhafen, die Stadt hat alles, was man braucht, Strände, wunderbare Cafés, Vulkanhügel, Fähren fürs Wasserglück, eine Lage wie vom Schöpfer selbst erfunden.

Völlig unmöglich, in der Bay of Islands Hektik zu entwickeln© Clemens Emmler/Picture-Alliance
"Eurer Nordinsel", sagen wir. "Mal angenommen, wir wollten Delfine sehen und Geysire, Vulkane und Riesenbäume und zwischendurch an den Strand, das gibt es doch hier auch alles, tu doch nicht so." "Na ja", sagt Andy. "Dann braucht ihr nicht so weit zu fahren, das stimmt. Aber ist das Urlaub? Ich meine, wir leben doch hier."
Vier Millionen seiner Landsleute leben auf einer Fläche, die größer ist als Großbritannien, man kann sich vorstellen, wie wenig überall los ist. Als Erstes schickt uns Andy hinauf nach Russell, weil Russell da liegt, wo er mit seiner Freundin immer die Sommer verbringt, in der Bay of Islands. Neuseeland sieht hier aus wie ein Neffe der Südsee.
In dem Dorf wohnt auch der deutsche Kinderbuchautor Helme Heine, der die Figur Tabaluga erfunden hat. Ein Mann, dem solche Ideen kommen, lebt womöglich an einem inspirierenden Ort. Und das ist Russell, oh ja. Man kann noch so geschafft sein, der Flecken kriegt einen wieder ein. Völlig unmöglich, hier Hektik zu entwickeln. Vor der Küste dümpeln Yachten in der Brise, im Duke of Marlborough reden sie über das kommende Rugby-Spiel drüben im schrecklichen Waitangi.
Der Ort besteht im Wesentlichen aus einer Hauptstraße und der Küstenpromenade, einer Handvoll exzellenter Restaurants und Pensionen, es duftet nach türkisfarbenem Meer und alten Geschichten. "Russell ist wie eine alte, einäugige Bordkatze, die Captain Cook ausgesetzt hat", schrieb Heine mal.
Meister Cook erforschte diese Bucht höchstselbst. Russell wurde in den 1830ern sogar als Hauptstadt Neuseelands gehandelt. Zuvor, als hier Walfänger und entlaufene Sträflinge hausten, hatte sich der Hafen redlich den Ruf erworben, das "Höllenloch des Pazifiks" zu sein. Vor der örtlichen Kirche, einer der ältesten des ganzen Landes, liegt ein Gedenkstein an Hone Heke, jenen Maori-Häuptling, dem es gelang, viermal den Fahnenmast mit dem Union Jack umzusägen, oben, auf dem präzise benannten Flagstaff Hill.
Ein kleiner Spazierweg führt dorthinauf, und hier den Sonnenuntergang zu erleben ist eine wunderliche Sache. Es schleichen nachts keine Maori-Krieger mehr umher, dennoch singen die Wanten des Flaggenmastes im Wind, als wimmerten sie vor Angst. Aber wir tun ihnen nichts, wir genießen den Blick, auf drei Seiten leuchtet das Meer, drum herum waldreiche Hügel, zur Linken gehen die Lichter Russells auf. Das ist einer dieser Augenblicke, in denen man ahnt, dass die Welt womöglich ein schöner Platz ist.

Während der Feiern am Nationalfeiertag am 6. Februar, in Auckland auf der Nordinsel Neuseelands bläst eine Eheimische in eine sogenannte Putatara (Muschelhorn), ein traditionelles Maori-Instrument© Clemens Emmler/Picture-Alliance
Russell ist so friedlich, dass man hier problemlos eine Woche vertrödeln kann, ohne zu merken, dass überhaupt die Stunden verstreichen. Ab und zu sollte man sich einen Ausflug aufs Wasser gönnen, das ist klar. Im Gewirr der 150 Inseln soll es Killerwale geben, vor allem aber Delfine. Es werden Touren angeboten, bei denen man mit den Delfinen schwimmen kann, aber ob die Delfine dazu befragt wurden, ist nicht gesichert. Wir gehen nur gucken. Und so düsen wir über ein weiches Meer, darin die Inseln, wie hingemalt.
Unser Kapitän ist eine Frau, 29 Jahre alt, heißt Jo und trinkt am Steuer Kamillentee. Es dauert nicht lange, da entdeckt sie eine Schule Delfine vor einer Felsenbank. Wir halten respektvoll Abstand, sie kommen von selbst näher, schießen durch die Luft, umrunden unser Boot, tanzen auf dem Wasser, dreißig, vierzig auf einmal. "An solchen Tagen weiß ich, ich habe alles richtig gemacht, als ich mir meinen Job ausgesucht habe", sagt sie. Wenn man jetzt hier angeln würde, fragen wir, nicht nach Delfinen, sondern allgemein: angeln. Finge man da was? "Die Kunst wäre, nichts zu fangen", sagt sie.
Jo stammt aus Kerikeri, was gleich um die Ecke liegt. Sie habe in Wellington studiert und ganz Südamerika gesehen, erzählt sie. "Aber erst seit ich zurück bin, weiß ich: Nichts ist so schön wie die Bay of Islands. Das heißt: Wenn nicht gerade Weihnachten vor der Tür steht und die Silly Season startet. Dann stehen hier die Segler im Stau." Sie lacht ihr großformatiges neuseeländisches Lachen.
Übernommen aus ...
Ausgabe 10/2008
Himmlische Muffins, süffiger Wein Anreise: Air New Zealand fliegt von Frankfurt nach Auckland ab ca. 1300 Euro.
Mietwagen: Vorsicht, Linksverkehr! Ein Wagen kostet für drei Wochen ca. 600 Euro. Über: www.billigermietwagen.de; Tel.: 0761/88 85 30.
Bay of Islands (ganz im Norden): Russell liegt auf einer Halbinsel. Viele liebenswürdige Unterkünfte. Urig und persönlich: die "Arcadia Lodge" (DZ ab 85 Euro), außerhalb, in einem Holzhaus. Die Locals treffen sich zum Bier im "Duke of Marlborough" (The Strand), mehrere
Restaurants um die Ecke, z. B. "Gannets" (Ecke York und Chapel Street), erstklassiger Fisch. Wem Russell zu gemütlich ist, quartiert sich in Paihia ein, am anderen Ufer der Bucht, hier starten alle Ausflüge, viele Bars, jüngeres Publikum. Eine "Hole in the Rock"-Tour durch die Inselwelt dauert ca. vier Stunden, Kosten: 43 Euro, z. B. bei Dolphin
Discoveries. Zwischenstopp auf dem Weg nach Auckland in Mangawhai, schöner Klippenwanderweg.
Himmlische Muffins im "Sail Rock Café", Mangawhai Heads. Wohnen: Mangawhai Lodge B&B, DZ ab 81 Euro, Blick aufs Meer, Veranda.
Auckland: Millionenstadt in wilder Lage. Atmo aufsaugen am Yachthafen, einkehren im "Soul"
am Viaduct Harbour, mit der Fähre nach Devonport, Spaziergang auf den Mount Victoria, oben wartet
ein Blick zum Umfallen. Zwei Tage für die "City of Sails" einplanen - mindestens.
Tongariro-Nationalpark: Vulkanlandschaft,
Vorbild für das Schattenreich Mordor im "Herrn der Ringe".
Die Wanderroute "Tongariro Crossing" gilt als schönste Tagestour Neuseelands.
Hawke's Bay: Sanftes Klima, der Obstgarten Neuseelands. Quartier nehmen in der Art-déco-Stadt
Napier. Gute Bed & Breakfasts an der Marine Parade, z. B. "Pinehaven" (DZ ab 65 Euro, prächtiges Frühstück).
Weingüter mit erstklassigen Tropfen (etwa "Vidal" in Hastings).
Rotorua: Zentrum der Geysire. Die "Westminster Lodge" liegt außerhalb, DZ ab 54 Euro. 1-a-Frühstück!
Wellington: Angenehme Hauptstadt. Riesiges Hightech-Museum Te Papa, widmet sich liebevoll der
reichen Kultur des Landes - Eintritt frei! Quirlige Barszene am Courtenay Place und in der Cuba Street.
Filmreifes Frühstück: "Chocolate Fish Café", Scorching Bay, Lieblingsplatz der "Herr der Ringe"-Crew.
Buchtipp: Alan Duff: "Warriors". Unionsverlag, Zürich, 9,90 Euro. Roman über das Leben und Leiden
der Maori.