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Das Hoeneß-Mysterium

Uli Hoeneß kommt so schnell frei wie kaum ein anderer Häftling. Das ist auch eine Frage des Geldes, da er den Schaden begleichen konnte, der durch ihn entstand. Im Steuerfall bleiben weiter Unklarheiten.

Von Johannes Röhrig

  Uli Hoeneß ist ab Montag ein freier Mann

Uli Hoeneß ist ab Montag ein freier Mann

Schon das Urteil empfanden viele als milde: dreieinhalb Jahre Haft für Steuerhinterziehung in Höhe von 28,5 Millionen Euro. Im Juni 2014 trat Uli Hoeneß die Strafe an, sieben Monate später wechselte er in den offenen Vollzug. Tagsüber arbeitet er seitdem in der Jugendabteilung seines FC Bayern in München. Die Wochenenden verbringt er mit Ehefrau Susanne in der Villa am Tegernsee. Nur unter der Woche muss er noch zum Schlafen ins Freigängerhaus in Andechs. Am Montag nun, nach der Hälfte der Strafe, kommt er ganz frei. Das ist schnell: So eine Verkürzung gewährt die Justiz Häftlingen, die zu mehr als zwei Jahren verurteilt wurden, nur selten - in Bayern sind es rund 25 Fälle pro Jahr. 

Hoeneß habe sich tadellos geführt, erklärte die Strafvollstreckungskammer des Landgerichts Augsburg. Vor allem habe er seine Steuerschuld beglichen - mit Säumniszuschlägen und Zinsen gut 43 Millionen Euro. Das sei nicht selbstverständlich, sagt der Vorsitzende Richter am Augsburger Landgericht, Claus Pätzel, dem stern: "Oft kommen Betrüger für den Schaden später nicht auf." Insofern räumt das Strafrecht hier einen Reichen-Bonus ein: Die Millionen muss man sich leisten können. "Sicher sind hierbei Leute im Vorteil, die über viel Geld verfügen", sagt Richter Pätzel.

Kam im Prozess nur die halbe Wahrheit ans Licht?

Die vorzeitige Haftentlassung ist eine Ermessensentscheidung. Ebenso gut ließen sich im Fall Hoeneß einige Gründe dagegen finden. Das räumt selbst Richter Pätzel ein: "Auch die andere Rechtssicht ist vertretbar." Die Staatsanwaltschaft München etwa hatte sich gegen das frühe Haftende ausgesprochen. Bis heute ruft die Causa Hoeneß das irritierende Gefühl hervor, es sei nur die halbe Wahrheit bekannt geworden. Die vier Tage vor dem Landgericht München im März 2014 waren ein Schnellprozess: kaum Zeugen; die Kontopapiere aus der Schweiz unvollständig; kaum Zeit, das Beweismaterial auszuwerten. Heraus kam eine Überschlagsrechnung zugunsten des Angeklagten.

Spekulationsgewinne in der Schweiz von 70 Millionen Euro blieben zunächst strittig und wurden bei der Steuerberechnung vor Gericht ausgeklammert. Für Irritation sorgen auch die Ausflüchte, die Hoeneß immer wieder präsentierte. Etwa zu seiner angeblich lange geplanten Selbstanzeige - heute ein Grund für die Haftverkürzung. In Wahrheit fühlte sich Hoeneß im Januar 2013 durch stern-Recherchen im Hinblick auf sein geheimes Konto bei der Schweizer Privatbank Vontobel zur Selbstanzeige getrieben. Erst kurz vor Prozessbeginn legte er umfangreich Kontopapiere vor, was die Hinterziehungssumme in die Höhe schnellen ließ. Neue stern-Recherchen infolge der erst später veröffentlichten Urteilsbegründung sowie Anfragen bei Staatsanwaltschaft und Schweizer Börsenaufsicht bringen weitere Ungereimtheiten ans Licht.

So blieb zunächst rätselhaft, wem die Millionen auf dem Vontobel-Konto 4028BEA aus Hoeneß’ Selbstanzeige überhaupt gehörten. Laut den Schweizer Regeln gegen Geldwäsche muss die Bank das beweisen können. Wie die Staatsanwaltschaft dem stern bestätigte, legte Hoeneß jedoch erst "im Februar 2014" ein Bankpapier vor, das ihn als wirtschaftlich berechtigt auswies - ein Jahr nach der Selbst anzeige und unmittelbar vor Prozessbeginn. Offenbar hatte die Bank es nachträglich ausgestellt. Entweder weil sie es zuvor versäumt hatte. Oder weil es gar nicht Hoeneß' Vermögen auf dem Konto war? Das würde zu noch ganz anderen Fragen führen. Es bleibt jedenfalls dubios.

Wie viel Vermögen Hoeneß wirklich hatte, bleibt unklar

Auch über die Höhe des geheimen Vermögens in der Schweiz kursieren verschiedene Versionen. Dabei ist sie entscheidend für die Beurteilung des gesamten Falls. Die von Hoeneß gemachten Angaben erscheinen oft niedrig. 

Nach stern-Informationen lagen auf Konto 4028BEA zeitweise sagenhafte Millionenwerte. Während des Prozesses waren nur vereinzelt Kontostände genannt worden: mal ein Stand von rund 130 Millionen Euro im Jahr 2006, dann ein Saldo zweier Konten über 164 Millionen Euro. War das alles? Offensichtlich war sich das Gericht nicht immer sicher, was sich hinter Hoeneß' Angaben verbarg. Das Problem: Zeitweise standen bei Hoeneß Währungswetten über mehrere Hundert Millionen Euro in den Büchern. Solche Geschäfte müssen nur teilweise durch eigenes Kapital gedeckt sein; der Rest kann über Kredite "gehebelt" werden.

Die Angaben der Vontobel-Bank dazu waren offenbar verwirrend. Wie sich aus der Urteilsbegründung ergibt, zog sie ihre erste, mit der Selbstanzeige eingereichte Finanzaufstellung gut einen Monat später als angeblich missverständlich zurück. In der Urteilsbegründung heißt es dazu: Die Kammer habe anhand nur dieser Werte "nicht zweifelsfrei feststellen" können, ob es sich um Hoeneß' Geld oder um Fremdmittel handelte.

Die Bank ließ beide Möglichkeiten offen. Die Angaben zum Vermögen widersprechen sich noch in einem weiteren Punkt: Sie passen nicht zu den Aktiendeals auf Konto 4028BEA. Hoeneß' Aktien waren durch die Bank verliehen worden. Das ist bei Privatpersonen eher ungewöhnlich, weil die Kommissionen so gering sind - die schweizerische Finanzmarktaufsicht Finma beziffert sie mit durchschnittlich bis zu 0,15 Prozent. Hoeneß verdiente jedoch erstaunlich gut damit: 2005 etwa 262.337 Euro, 2006 gut 399.000 Euro. Daraus ergeben sich Fragen: Zahlte die Bank ihm deutlich mehr als üblich, oder verfügte Hoeneß über ein derart immenses Aktienvermögen? Oder war es noch anders? Antworten blieb er schuldig: "Das habe ich nicht mitbekommen", sagte er, als ihn der Richter im Prozess auf die Leihgeschäfte ansprach. Das habe die Bank erledigt.

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