Dortmund zockt zum falschen Zeitpunkt

28. November 2012, 00:15 Uhr

Borussia Dortmund hat kurz vor dem Spiel des Jahres gegen die Bayern vergessen, die Alltagspflicht zu erfüllen. Das 1:1 gegen Düsseldorf kann dem BVB noch richtig weh tun. Von Klaus Bellstedt

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Über weite Strecken der Partie agierten die Dortmunder kopflos gegen kampfstarke Fortunen. Hier behauptet sich Leon Balogun (r.) gegen BVB-Kapitän Sebastian Kehl.©

Plötzlich schien der Geist von Mario Gomez durch das Westfalenstadion zu schweben. Der mittlerweile zur Weltklasse gereifte Bayern-Stürmer hatte mal bei der EM 2008 im Spiel Österreich gegen Deutschland eine tausendprozentige Chance vergeben, als er einen Meter vor dem leeren Tor den Ball über die Latte beförderte. Jetzt war Kevin Großkreutz an der Reihe. Der Ur-Borusse brachte doch tatsächlich das Kunststück fertig, sieben Minuten vor Ende der Partie gegen Fortuna Düsseldorf völlig freistehend aus kurzer Distanz das Spielgerät über das Tor in Richtung Borsigplatz zu jagen. Es wäre wahrscheinlich der Siegtreffer für den BVB gewesen. In einem Spiel, das der deutsche Meister im Grunde schon vor dem Anpfiff gewonnen hatte. So dachten zumindest alle. Sicher auch die Bayern, die sich nun, nach dem ersten Teil des 14. Spieltags, kräftig die Hände reiben dürften. Denn Großkreutz traf ja nicht – und so blieb es beim enttäuschenden 1:1 gegen den Aufsteiger. Ein Sieg gegen Freiburg vorausgesetzt und die Münchner hätten unglaubliche elf Punkte Vorsprung vor dem großen Rivalen aus Westfalen.

Rückblick: Nach dem 2:1-Erfolg der Dortmunder am vergangenen Spieltag beim FSV Mainz 05 hatte Jürgen Klopp seine Spieler noch als "Mentalitätsmonster" geadelt. Weil seine Jungs nie nach Alibis suchen würden und in jeder Partie, ob nun in der Königsklasse oder im Alltagsbusiness in der Liga, über die Grenzen gehen und auch um den letzten Ball kämpfen würden. Gegen Düsseldorf war das anders. Zurückhaltend, risikoscheu und ungefährlich trat der BVB auf. In der ersten halben Stunde gab es keine einzige Torchance. Schon das 1:0 durch Kuba (43.) war nicht wirklich verdient, die Fortuna war perfekt organisiert und zerstörte immer wieder erfolgreich das Kombinationsspiel der Schwarz-Gelben. Aber damit wir uns richtig verstehen: Dass es am Ende 1:1 stand (Reisinger traf per Kopf für Düsseldorf in der 78. Minute) hatten sich die Dortmunder vor allem selbst zuzuschreiben.

Kreativ-Duo Götze/Gündogan schmerzlich vermisst

"Wir wollen nicht zu viel riskieren", gab Neven Subotic hinterher zu. "Wir hätten nach der Führung viel mehr auf das 2:0 gehen müssen. Stattdessen haben wir uns verzockt", sagte der geknickte Verteidiger. Ein bisschen verzockt hat sich auch Jürgen Klopp. Vier Tage vor dem Spiel des Jahres in München schmiss Dortmunds Coach die Rotationsmaschine an. Mats Hummels (leichte Knieblessur), Ilkay Gündogan (leichte Bänderdehnung) und Mario Götze (leichter Pferdekuss) waren gegen Düsseldorf nicht dabei. Es ist nur eine Vermutung, aber wenn der Gegner an diesem Abend Barcelona (oder Bayern) geheißen hätte, das Trio wäre wohl einsatzbereit gewesen. Klopp wies, natürlich, vor der Partie Spekulationen zurück, er wolle vor dem Duell gegen den Tabellenführer am Samstag einige Spieler schonen. "Wenn ich rotiert hätte, hätte ich nicht das ganze Zentrum rausgenommen."" Gut, lassen wir das – und stellen stattdessen folgende Behauptung auf: Die Qualität im Kader des BVB muss einfach ausreichen, um Ausfälle auszugleichen und einen hoffnungslos ersatzgeschwächten Aufsteiger aus Düsseldorf aus dem eigenen Stadion zu vertreiben.

Das Kreativ-Duo Götze und Gündogan wurde auf dem Platz jedenfalls schmerzlich vermisst. "Wir haben keine klare Idee gehabt", räumte Jürgen Klopp ein. "Düsseldorf ist mit unseren Fehlern sensationell umgegangen." Für seine Verhältnisse war der Trainer nach dem 1:1, das sich für jeden Dortmunder wie eine Niederlage anfühlt, zumindest äußerlich gelassen. Aber dann meckerte er bei seiner Analyse doch noch auf die Spieler: "Wir haben heute kein Gegenpressing gespielt. Nur ganz zum Schluss. Davor nicht. Das ist dann Quatsch. Insgesamt war das eine Leistung zwischen verwalten und sonstwas." Wenigstens seine Schlussworte waren wieder kämpferisch: "Es geht trotzdem weiter." Aber wie?

Kehl trifft den Nagel auf den Kopf

Allein die Erinnerung an die letzten schmerzvollen Pleiten gegen Dortmund und das Wissen, dass in der vergangenen Saison acht Punkte Vorsprung auf den Rivalen nicht reichten, hat die Münchner vor dem großen Spiel am Samstag in Alarmbereitschaft versetzt. Von Bastian Schweinsteiger bis zu Karl-Heinz Rummenigge: Seit Wochen fiebern sie dort nur auf diese Partie hin. Wenn für die Bayern am Mittwoch in Freiburg alles nach Plan läuft, könnten sie schon elf Punkte in Führung liegen, bevor überhaupt eine Sekunde in der Allianz-Arena gegen den BVB gespielt ist. Das ist eine Menge Holz. Borussia Dortmund hat gegen Düsseldorf die große Chance vertan, auf den Bundesliga-Souverän weiter Druck auszuüben. Dabei war die Gelegenheit günstig, eine gelungene Generalprobe hinzulegen. Stattdessen wurde sie verpatzt.

"Die Frage wird sich jeder stellen müssen, wenn er heute ins Bett geht. Habe ich alles getan? Habe ich heute von der Einstellung alles gegeben, Düsseldorf so ernst zu nehmen und alles zu investieren, um zu gewinnen?" Wenn Sebastian Kehl spricht, lohnt es sich immer ganz genau zuzuhören. Er ist nicht nur der Kapitän des BVB, sondern auch einer der klügsten Köpfe der Bundesliga. Seinen Worten ist nichts mehr hinzuzufügen.

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