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Sex sells? Warum Beate Uhse trotzdem am Abgrund steht

Sie schockte einst die spießige Nachkriegsgesellschaft und eröffnete den ersten Sexshop der Welt: Beate Uhse war eine Galionsfigur der sexuellen Revolution. Doch ihr gleichnamiges Unternehmen kämpft inzwischen ums Überleben.

  Beate Uhse galt jahrzehntelang als Pionier im Erotik-Einzelhandel. Jetzt drohen dem Unternehmen harte Einschnitte.

Beate Uhse galt jahrzehntelang als Pionier im Erotik-Einzelhandel. Jetzt drohen dem Unternehmen harte Einschnitte.

Hinter dem schweren Vorhang an der Tür begrüßte den Gast der beißende Geruch von Latex und zu süßem Parfüm. Auf dem schlampig gewischten Linoleumfußboden kräuselten sich Staubflusen, in den Regalen waren Dildos und billige Dessous lieblos ausgestellt. Verschämt stolperten meist Männer durch den Eingang. Wer sich heute auf die Suche nach diesem unerotischen Erotikshop auf der Hamburger Reeperbahn macht, wird ihn nicht mehr finden. Dicht gemacht, wie eine ganze Reihe anderer Shops dieser Art auch. Das ehemalige Mekka der Erotikhändler zeigt auf gnadenlose Weise, wie stark sich das Geschäft verändert hat. Für neue Akteure brechen glanzvolle Jahre an. Doch diejenigen, die das Marktsegment einst erfanden, stehen am Abgrund. So wie Beate Uhse.

Beate Uhse - Pionier von früher

Der Erotik-Händler galt einst als Pionier. Im zugeknöpften Nachkriegsdeutschland sorgte die Gründerin Beate Uhse mit ihrem "Fachgeschäft für Ehehygiene" - dem ersten Sex-Shop der Welt - für einen Tabu-Bruch. 2000 Ermittlungsverfahren wegen unsittlicher Angebote musste sie überstehen, verurteilt wurde die gebürtige Ostpreußin nur einmal. Sie gilt als Erfinderin des Erotikhandels. Doch ausgerechnet ihrem Unternehmen scheint der Wandel der Zeit schwer zuzusetzen. Ein hartes Maßnahmenpaket soll das Unternehmen nun aus der Verlustzone führen. Von den noch 600 Angestellten müssen 150 den Konzern verlassen, 16 der 78 Shops - davon drei in Deutschland - werden dicht gemacht. Der Beate-Uhse-Katalog, ein Stück Geschichte der sexuellen Revolution in Deutschland, erschien zum Valentinstag 2016 das letzte Mal. 


Umsatzschwund bei Beate Uhse

Damit reagiert das Unternehmen auf erschreckend schlechte Zahlen. Vor Zinsen und Steuern erwartet das Unternehmen für das vergangene Jahr einen Verlust von bis zu 17 Millionen Euro. Der Umsatz schrumpft abermals, von 143 auf 128  Millionen Euro. Damit setzt Beate Uhse den Abwärtstrend der vergangenen Jahre fort. Bereits 2013 wollte der Konzern diese Entwicklung stoppen und hübschte sich für eine neue Zielgruppe auf - die Frauen. Schlichen früher noch meist Männer in die Sex-Shops, sind es längst die Damen, die den Umsatz der Branche ankurbeln. Und so verpasste sich der Erotikhändler ein Logo mit Herzchen und Schnörkeln, verbannte die prallbrüstigen Doppel-D-Damen vom Katalog-Cover und räumte die Filialen um, damit sich vor allem Frauen dort wohl fühlen. 

Umsatzentwicklung Beate Uhse 1999 bis 2015

Beate Uhse kämpft seit 2005 mit sinkenden Umsätzen.

Erotikversand im Höhenflug

Mit dem Neustart wollte Beate Uhse an die guten, alten Katalogversand-Zeiten anknüpfen. Über Jahre florierten die Geschäfte, die Wiedervereinigung sorgte für einen weiteren Höhenflug, dann der Börsengang 1999. Bis 2005 stieg der Umsatz: Von 116,4 Millionen Euro (umgerechnet, damals noch in D-Mark) im Jahr 1999 auf knapp 285 Millionen Euro. Am ersten Handelstag schloss die Aktie bei 13,50 D-Mark. Doch vielleicht hätte die Aussage eines Börsianers stutzig machen können. "Das war ja fast so wie beim Börsengang der Telekom", zitiert der Spiegel den Händler. Heute notiert die Beate-Uhse-Aktie bei kümmerlichen 18 Cent

Wettbewerber setzen Beate Uhse zu

Das Jahr 2005 markiert einen Wendepunkt. Innnerhalb von zehn Jahren haben sich die Umsätze mehr als halbiert. Und das liegt auch am Wettbewerb. Während Beate Uhse zwar traditionsträchtig, aber auch ziemlich angestaubt daherkommt, haben neue Akteure den Markt geentert. Und die starten im Netz mit Unterwäsche, Dildos und Sex-Spielzeug so richtig durch.

So startete 2006 der Bielefelder Erotikhändler Eis.de. Laut dem "Tagesspiegel" hat Eis.de 25.000 Produkte im Sortiment und innerhalb von neun Jahren rund 6,5 Millionen Bestellungen ausgeliefert. Als Marktführer bezeichnet sich das Unternehmen - natürlich ohne dabei konkrete Zahlen zu nennen. Mit Tiefstpreisgarantie setzt das Unternehmen auf die "Geiz-ist-geil"-Mentalität. Doch der Slogan "Liebt Euch günstiger" scheint nicht für die PR-Strategie zu gelten. Dort hat Eis.de nämlich die Hamburger Werbeprofis Jung von Matt engagiert. 

Hochpreisige Konkurrenz

Der Wettbewerber Amorelie, einst eine Gründung im Gebrüder-Samwer-Imperium Rocket Internet und inzwischen zu 75 Prozent im Besitz der ProSiebenSat1 Media AG, geht einen anderen Weg. Hochwertig - und somit auch hochpreisig - ist hier das Verkaufsargument. Doch auch Amorelie mag ungern konkrete Zahlen rausrücken. Der Umsatz soll sich zwischen 2013 und 2014 verzehnfacht haben, zitiert das "Handelsblatt" die Geschäftsführerin. Das klingt zwar wahnsinnig erfolgreich, sagt aber nichts über den tatsächlichen Erfolg des Unternehmens aus.

Aber Beate Uhse ist auf der Verliererseite nicht allein. Der älteste Wettbewerber muss auch mit sinkenden Umsätzen kämpfen. Das Erotik-Reich von Orion, ein Netz aus Filialen und Versandhandel, musste im abgelaufenen Geschäftsjahr einen Umsatzrückgang von sechs Prozent verkraften. Der Orion-Versand erzielte einen Netto-Umsatz von 64,5 Millionen Euro - also in etwa halb so viel wie Beate Uhse


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