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Der Donald Trump der Ökonomie - eine Abrechnung

Hans-Werner Sinn war immer mehr Prediger als Wissenschaftler, jetzt tritt er ab. Andreas Hoffmann mag Sinn nicht - und fordert zu seinem Abgang von der gesamten Wirtschaftsforschung ein Umdenken.

Chef des ifo-Instituts Hans-Werner Sinn

Nach 16 Jahren als Chef des Münchner ifo-Instituts geht Hans-Werner Sinn im kommenden Jahr in den Ruhestand.

Ich mag Hans-Werner Sinn nicht. Ich weiß, man schreibt einen solchen Satz nicht, schon gar nicht, wenn jemand heute seine Abschiedsvorlesung hält und bald von der öffentlichen Bühne abtritt. Für Hans-Werner Sinn gelten aber andere Maßstäbe. Er ist ja kein Wissenschaftler.

Die Realität musste sich seinen Thesen anpassen

Ja, Sie haben richtig gelesen: Hans-Werner Sinn ist kein Wissenschaftler. Der Mann, der in Kanada, London, Stanford, Princeton oder Jerusalem wirkte, "Deutschlands klügster Professor" (Bild). Ja, genau der. Ich halte Hans-Werner Sinn nicht für einen Wissenschaftler. Er ist ein Prediger im Professorengewand, ein Donald Trump der Ökonomie.

Ein Wissenschaftler entwickelt eine These und prüft sie an der Wirklichkeit, und scheitert sie, entwickelt er eine neue. Hans-Werner Sinn hat das nicht gemacht. Seine Thesen überarbeitete er nie, lieber versuchte er die Realität umzudeuten.

Kurz nach der Jahrtausendwende redete er den Deutschen ein, dass die Wirtschaft marode sei, eine Art Basarökonomie, bei der nur gehandelt und kaum etwas produziert würde, weshalb sie radikal erneuert werden müsste. Heute ist Deutschland, gerade wegen seiner Stärken in der Industrie, das Kraftwerk Europas. Den radikalen Neuanfang hat es nie gegeben. Gottseidank.

Vor einem Jahr sah Sinn wieder schwarz. Bis zu 900.000 Jobs hielt er gefährdet, wegen des Mindestlohns. Heute werden in Deutschland mehr Menschen als jemals zuvor beschäftigt, es fielen auch keine Vollzeit-Stellen weg, selbst in Ostdeutschland nicht, obwohl Sinn und viele andere das behauptet hatten.

Sinn als Teil der sich radikalisierenden Männer über 50

Und erinnern Sie sich an die Horrorzahlen, die Sinn verbreitete, jedes Mal, wenn er über Griechenland redete. Und er hat oft geredet. Stets vermittelte er den Eindruck, als würden uns die finanziellen Lasten den Hals zuschnüren. Doch bis heute hat der deutsche Steuerzahler keinen Cent aus dem Bundeshaushalt an Athen überwiesen. Wir und die anderen Euroländer haben nur gebürgt, damit der Europäische Rettungsschirm ESM Kredite bei Investoren aus Asien, Arabien und Amerika aufnehmen konnte. Die meisten Deutschen glauben trotzdem, die Griechen hätten uns ausgeplündert - auch dank Hans-Werner Sinn. Fragt man, wie er seine Irrungen und Wirrungen selbst beurteilt, sagt er frei nach Edith Piaf: „Ich bereue nichts.“

Es gibt viele, die Hans-Werner Sinn nacheifern, die Rechthaberei als Geschäftsmodell entdeckt haben. Manche sitzen in wissenschaftlichen Instituten, andere gehen zur AfD, wieder andere schreiben Bücher. Thilo Sarrazin war mal ein respektierter Finanzsenator in Berlin, bis er den Rassenwissenschaftler in sich entdeckte. Roland Tichy, früherer Chefredakteur der Wirtschaftswoche, schreibt mittlerweile Blogs, die selbst nach Ansicht der konservativen "Welt" die „Grundpfeiler der Demokratie“ beschädigen. Jenseits der 50 radikalisieren sich ältere Herren offenbar gern, besonders wenn sie sich mit Ökonomie beschäftigt haben.

Das ist kein Wunder. Viele Ökonomen leben nicht in der Realität. Sie leben in Modellen. Alles dort ist übersichtlich. Der Markt. Der Mensch. Das Leben. Es ist eine Lego-Welt. Je länger ein Ökonom dort lebt, umso mehr hält er die Legoklötze für die Realität.
Damit kein Missverständnis versteht. Modelle sind wichtig. Wir brauchen sie, um die komplexe Wirklichkeit zu verstehen. Aber wir brauchen realistische Modelle. Nehmen wir mal das einfachste Modell, das von Angebot und Nachfrage: Steigt der Preis, etwa für Schuhe, kaufen die meisten Kunden weniger. Soweit, so klar. Aber an der Börse herrschen andere Gesetze. Werden Aktien teurer, kaufen die Menschen nicht weniger Aktien, sondern mehr. Das Standardmodell taugt nicht.

Das Ende des Wanderpredigers

Es gibt viele Fälle, bei denen die Standardantworten der Ökonomen versagen, etwa wenn es um die Rolle des Staates geht, die Folgen von Schulden, die Wirkung von Abgaben oder die Macht von Finanzmärkten. Doch diese bunte Wirklichkeit ignorieren die meisten Wirtschaftswissenschaftler. Sie schätzen die schlichten Botschaften: Steuern sind schlecht, der Staat ist böse, die Märkte gut. Um solche Plattitüden von sich zu geben, sollten Studenten nicht vier, fünf Jahre an der Universität büffeln müssen.

Nein. Soll die Ökonomie nicht bedeutungslos werden, muss sie sich erneuern. Sie muss sich auf das besinnen, was einer ihrer größten Denker, Joseph Schumpeter, gefordert hat: Sie braucht eine schöpferische Zerstörung. Sie muss alte Lehrsätze entsorgen und neue entwickeln. Sie muss wieder Wissenschaft werden, nicht Religion mit Zahlen.

Jetzt, mit dem Abgang von Hans- Werner Sinn, wäre ein guter Zeitpunkt, um damit anzufangen. Wir haben einen Wanderprediger weniger.

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