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Japan - eine Nation schuftet sich zu Tode

Eine japanische Journalistin stirbt an Überarbeitung - sie hatte in einem Monat 159 Überstunden angesammelt. Ihr Tod ist kein trauriger Einzelfall. Überstunden, Schlafmangel und wenig Urlaub sind Teil von Japans Arbeitsphilosophie.

Japans Arbeitsmoral

In Japan sind 80 Stunden pro Woche und mehr keine Seltenheit.

Es gibt Worte, die es nur in einer Sprache oder einem Kulturkreis gibt. Gökotta zum Beispiel. Das ist schwedisch für: Früh aufstehen und den Vögeln zuhören. Oder Akihi - den Weg, der einem gerade erst erklärt wurde, sofort wieder zu vergessen. In gibt es sehr vieler dieser unübersetzbaren Worte. Wie Karoshi - sich zu Tode arbeiten.

Ein japanische Radiomoderatorin war wegen Arbeitsüberlastung gestorben. Das Herz der 31-Jährigen versagte einfach. 2013 hatte sie es geschafft 159 Überstunden zu arbeiten - in nur einem Monat. Der Fall war erst jetzt bekannt geworden.

Arbeiten bis zum Umfallen

Der tragische Tod der jungen Frau steht exemplarisch für ein gesellschaftliches Problem in Japan: Arbeiten bis zum Umfallen ist eher die Regel als die Ausnahme. Zwölf bis 13 Stunden am Tag im Büro zu verbringen ist vollkommen normal. Auch am sitzen viele Angestellte an ihrem Arbeitsplatz. In einer Studie gab fast jede vierte Firma an, dass mehr als 80 Stunden pro Woche üblich sind. Das japanische Ministerium für Gesundheit, Arbeit und Soziales veröffentlichte für das Jahr 2015 96 Tote durch Überarbeitung. Dazu kommen 93 Selbstmorde und Suizidversuche, die staatlich geprüft mit einer zu hohen Arbeitsbelastung im Zusammenhang stehen. Weitere 2159 Fälle sind zumindest teilweise darauf zurückzuführen. Besonders die Mitarbeiter im Kommunikationssektor und in der Forschung, aber auch in Tech-Firmen, machen massiv viele Überstunden.

Japan: Karoshi und Schadensersatz

Der japanischen Regierung ist dieses Phänomen seit Jahren bekannt - und sie hat reagiert. In den späten 1990er Jahren wurde zum ersten mal eine Notrufnummer für überarbeitete Angestellte eingerichtet, die sich dort anonym Hilfe holen können. Im Jahr 2000 fällte der Oberste Gerichtshof in Japan ein wegweisendes Urteil: Firmen können dafür haftbar gemacht werden, wenn sie ihre Mitarbeiter nicht vor zu vielen Überstunden schützen. Allerdings: Unternehmen müssen erst ab 80 Stunden Zusatzarbeit zahlen - und natürlich nur im Todesfall. Sonst ist es ja kein Karoshi.

Überarbeitung in Japan

Doch Strafen allein lösen das Problem nicht, das vor allem zwei Ursachen hat. Zum einen haben sich die Jobbedingungen verschärft. Inzwischen arbeiten im Dienstleistungssektor, in der Gastronomie, in sozialen Berufen, auf dem Bau und im Einzelhandel rund 40 Prozent ohne festen Vertrag. Das zweite Problem ist die Mentalität. Denn die Mehrarbeit ist gesellschaftlich akzeptiert. So haben Japaner eigentlich zwischen zehn und 20 Tagen Jahresurlaub, dazu kommen 16 gesetzliche Feiertage. Fallen die auf ein Wochenende, ist der Montag danach frei. Doch tatsächlich nehmen die Japaner nicht einmal neun dieser Urlaubstage, so eine Untersuchung aus dem Jahr 2013. Zwei oder gar drei Wochen Urlaub am Stück sind verpönt. "Ich würde damit meinen Kollegen zur Last fallen“, so eine Angestellte einer Chemiefirma zur "Wirtschaftswoche". Jeder Sechste war 2013 sogar gar nicht im Urlaub

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