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Die miese Masche des Möbelgiganten XXXL

Ohne Vorwarnung setzt XXXLutz Mitarbeiter vor die Tür, die Arbeitsministerin spricht von "frühkapitalistischer Herrschaftsmanier". Der Möbelgigant regiert mit harter Hand - und tritt die eigene Philosophie mit Füßen.

Angestellte von Mann Mobilia protestieren vor dem Geschäft

Die Mitarbeiter von XXXL Mann Mobilia blicken in eine ungewisse Zukunft. 

Es ist genau eine Woche her. Wie jeden Montag kamen die Mitarbeiter des Möbelunternehmens XXXL Mann Mobilia in Mannheim gegen halb acht zur Arbeit. Doch statt ihre Arbeit in der Verwaltung des Zentrallagers aufnehmen zu können, versperrten Sicherheitskräfte den Weg und verteilten persönliche Briefe. Der Inhalt war bei allen Angestellten gleich: "… hiermit werden Sie ab 01.02.2016 bis auf weiteres widerruflich von der Verpflichtung der Arbeitsleistung freigestellt." Statt zu arbeiten, hatten knapp 100 Menschen keine Arbeit mehr. Vor genau einer Woche brach ihre Welt zusammen.

Der Rausschmiss auf Raten ist ein weiterer Tiefpunkt in der Unternehmenshistorie des Möbelgiganten XXXLutz, der mit fragwürdigen Methoden expandiert. "Die Angestellten, die teilweise seit 20 Jahren und länger für das Unternehmen gearbeitet haben, werden wie Verbrecher vom Hof gejagt", empört sich der zuständige Verdi-Gewerkschaftssekretär Stephan Weis-Will. "So etwas habe ich in meiner 20-jährigen Gewerkschaftstätigkeit noch nicht erlebt."

Die XXXL-Masche des Möbelgiganten

Doch das Vorgehen bei XXX Lutz ist kein bedauerlicher Einzelfall. Deutschlandweit beschäftigt die XXX-Methode Betriebsräte, Gewerkschaften und Arbeitsgerichte. Die XXX-Lutz-Gruppe zählt nach eigenen Aussagen zu den größten Möbelhandelsgruppen der Welt. Das Unternehmen wächst rasant durch Übernahmen und Zukäufe. Kleinere und mittelständische Möbelhäuser mit zwei, drei Filialen werden aufgekauft und in das Firmenimperium integriert. Das klappt nicht immer, heißt es aus Branchenkreisen. Denn XXX bürstet die Häuser im Rekordtempo auf Profit. Die Mitarbeiter werden bei Servicegesellschaften angestellt, häufig zu weitaus schlechteren Konditionen, denn eine Tarifbindung gibt es nicht. So bekommen die Verkäufer ein niedrigeres Grundgehalt und können sich nur mit Provisionen einen besseren Lohn erarbeiten. Ein Konzernbetriebsrat haben die Mitarbeiter auch nicht.


Die Patriarchen hinter dem Konzern

Hinter einem undurchsichtigen Geflecht aus Gesellschaften und Unternehmenssträngen des XXX-Lutz-Imperiums stehen zwei Brüder aus Österreich: Andreas und Richard Seifert. "Wo die Möbelbrüder aufschlagen, wird nicht selten die Belegschaft geschrumpft oder neuen Mitarbeitern das Urlaubs- und Weihnachtsgeld verwehrt", berichtet das "Manager-Magazin" über die Geschäftspraktiken. Als "rustikal" beschreibt Verdi-Mann Weis-Will den Führungsstil, im Umfeld des Unternehmens spricht man von "ungeduldigen" Unternehmern, die nicht lange auf die Profitabilität eines Standorts warten, sondern schnell Resultate sehen wollen.

Konkurrenz aus dem Netz

Durchschnittlich sechs Möbelhäuser schluckt der Gigant pro Jahr, der Umsatz wächst weit schneller als der Markt. Denn die Branche kämpft: Immer mehr Möbel werden im Netz gekauft. Ein Auslaufmodell sind Möbelhäuser zwar noch nicht, doch die Marktanteile verschieben sich ins Digitale. Branchenprimus Ikea hat reagiert und steckt Millionen in den Ausbau des Online-Shops. Doch trotz des schwierigen Marktumfelds kennt die Umsatzentwicklung beim Möbelhändler Lutz seit der Gründung 1977 nur eine Richtung: steil nach oben. Im abgelaufenen Geschäftsjahr kletterte der Umsatz um 19 Prozent auf 3,4 Milliarden Euro.

XXXLutz serviert Standort in München ab

Doch diese Erfolgsgeschichte hat auch Schattenseiten. So machte die Konzernführung im Jahr 2013 den Standort auf der Münchener Theresienhöhe dicht. Ähnlich wie nun in Mannheim wurde über Nacht 160 Menschen der Stuhl - die XXX-Sitzgelegenheit in Rot ist das Markenzeichen des Unternehmens - vor die Tür gestellt. Und direkt der Zugangscode für die Eingänge geändert. Der Räumungsverkauf der Filiale wurde von Mitarbeitern anderer Standorte übernommen, die eilig rangekarrt wurden. Und erst kürzlich entschied das Oberhausener Arbeitsgericht, dass Kündigungen des aufgekauften Möbelhändlers Rück nicht wirksam seien. Auch hier hatte XXX die Mitarbeiter auf neue Gesellschaften verteilt - und einigen dabei direkt gekündigt. Die Richter schmetterten den Versuch nun ab, denn die Aufgaben der neuen Gesellschaften würden sich komplett decken. Die Kündigungen durch einen arbeitsrechtlichen Kniff seien ungültig.

Probleme zwischen Führungsspitze und Mitarbeitern

Ähnlich lief es in Mannheim: 2005 kaufte die XXX-Gruppe den Möbelhändler Mann Mobilia. Doch offenbar gab es dauerhaft Probleme zwischen der Führung und den Mitarbeitern. Sie sollen "katastrophal gearbeitet" und sich vorsätzlich krankgeschrieben haben lassen, auch der Betriebsrat sei "nicht kooperativ", heißt es im näheren Umfeld der Firma. Zum Eklat kam es wohl beim umsatzträchtigen Weihnachtsgeschäft. "Wir hatten dort unhaltbare Zustände", sagt ein Sprecher. "Aufträge sind nicht oder verspätet bearbeitet worden." Liefertermine hätten nicht eingehalten werden können. Mit dem Ergebnis: Unzählige LKW hätten sich vor der Einfahrt zum Lager aufgestaut, teilweise mussten die Fahrer dort übernachten, weil sich nichts mehr tat. Das Unternehmen hat die Schuldigen schnell gefunden: die Mitarbeiter. Schon bei der Übernahme hätten "dort schwierige und wirtschaftlich nicht vertretbare Zustände" geherrscht. "Trotz zahlreicher Bemühungen wie Neuorganisation, Wechsel von Führungskräften, Schulungen der Mitarbeiter und EDV-Umstellungen hat sich die Situation nicht spürbar verbessert", sagt ein Sprecher.

Sind arbeitsunwillige Mitarbeiter Schuld an der Misere? "Bitte, was? Das ist übelste Diffamierung", reagiert Verdi-Gewerkschaftssekretär Weis-Will erbost. Er sieht die Unternehmensführung in der Verantwortung. "An das Zentrallager wurden drei weitere Märkte drangehängt, das musste alles zusätzlich abgearbeitet werden. Außerdem wurde viel zu viel Ware bestellt", sagt Weis-Will. "Und dann ist vor Weihnachten das Lager gecrasht." Den schwarzen Peter nun den Mitarbeitern zuzuschieben, sei eine Frechheit. "Sollen Staplerfahrer und Verwaltungsangestellte die Verantwortung für strategische Entscheidungen übernehmen?", so Weis-Will.

XXX-Mitarbeiter wurden ersetzt

Geht es nach dem Willen des Konzerns, sollen rasch Gespräche mit dem Betriebsrat über die Zukunft der Mitarbeiter beginnen. Das Ziel: Abwicklung. Denn der Konzern hat vorgesorgt und die Verwaltung des Zentrallagers neu hochgezogen. 60 Mitarbeiter in Würzburg konnten sofort die Arbeit übernehmen. Die Mannheimer wurden schlichtweg ersetzt. Man hoffe darauf, so heißt es im Umfeld des Unternehmens, die Verhandlungen bis März abschließen zu können. "Eiskalt geplant" habe der Konzern diesen Schritt, vermutet Weis-Will. Die Gewerkschaft und die Mitarbeiter wollen kämpfen. "Das Ziel ist es, die Arbeitsplätze zu erhalten", sagt er kämpferisch. Verdi wolle nun eine einstweilige Verfügung erwirken, denn das Vorgehen des Unternehmens verstoße klar gegen das Betriebsverfassungsgesetz.

Inzwischen bekommen die vor die Tür gesetzten Mitarbeiter prominente Unterstützung. Baden-Württembergs Arbeitsministerin Katrin Altpeter kritisiert die "frühkapitalistische Herrschaftsmanier" der Unternehmensführung. " Ich hätte es nicht für möglich gehalten, dass ein Unternehmen im Jahre 2016 so mit seinen Mitarbeitern umspringt. Die Beschäftigten wie ausrangierte Möbelstücke auf die Straße zu werfen, ist zutiefst unmenschlich und verabscheuungswürdig", so die SPD-Politikerin. Auch der Oberbürgermeister Mannheims, Peter Kurz, hat der Konzernleitung geschrieben. Er erinnerte sie an die Unternehmensphilosophie. "Die menschliche Komponente ist die Basis unseres Erfolgs", heißt es auf der Internetseite von XXXLutz. Man wolle allen Mitarbeitern ein zuverlässiger Partner sein. 

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