Risiko Entzündung

6. Mai 2004, 14:53 Uhr

Neue Forschungen zeigen: Unbemerkte Immunreaktionen führen womöglich zu tödlichen Leiden. Toben im Körper jahrelange Abwehrschlachten, kann der gesamte Organismus Schaden nehmen.

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Bestimmte Substanzen, die der Körper bei einer Entzündung ausschüttet, schädigen auf Dauer die Gefäße und fördern die Arteriosklerose©

Eigentlich sollte sie uns schützen - jeden Tag, jede Stunde, jede Sekunde. Die Entzündung sorgt dafür, dass feindliche Keime vernichtet werden. Befallen Bakterien oder Viren den Körper, bedient er sich seines Verteidigungssystems und merzt die Erreger mit Eiter aus. Danach ist Schluss mit dem Abwehrkampf, die Entzündung ebbt ab, und der Mensch ist wieder gesund.

Was aber, wenn eine Entzündung kein Ende nehmen will? In manchen Regionen unseres Körpers können Brände schwelen, die sich verselbstständigt haben, unerkannt, jahrzehntelang. Dort schlägt die körpereigene Abwehr mit den Waffen zu, die sich beim Kampf gegen Bakterien und Viren bewährt haben - und wird auf die Dauer Opfer der eigenen Taktik. Diese unterschwellige Variante der Immunreaktion betrachten immer mehr Mediziner als ernste Gefahr. Kann sie zu Killerkrankheiten wie Arteriosklerose oder Alzheimer führen?

Auf die ersten Verdachtsmomente stießen Forscher schon vor vielen Jahren. Seitdem fanden sie immer neue Schwelherde im Körper. Und brachten damit das medizinische Menschenbild ins Wanken: Offenbar sind Entzündungen tatsächlich für Tod und Verderben in einem Ausmaß verantwortlich, das niemand erwartet hat. Sie sind begünstigende Faktoren, oftmals womöglich sogar alleinige Ursache für die Entstehung weit verbreiteter Krankheiten, bei denen ihre Beteiligung noch vor kurzem ganz und gar abwegig schien, sogar für Krebs.

Wer die Gefahr ahnt, ist dem Schwelbrand nicht hilflos ausgeliefert. Jeder kann Vorsichtsmaßnahmen ergreifen. Die Pharmaindustrie hat einige Feuerlöscher im Arsenal und entwickelt weitere. Um Entzündungen jedoch auf breiter Front bekämpfen zu können, brauchen Patienten, Arzneihersteller und Ärzte vor allem eines: tieferes Wissen.

In Greifswald läuft eine Studie, von der sich Forscher bedeutende Erkenntnisse versprechen. An der Universitätsklinik sammeln Wissenschaftler mit großem Aufwand Indizien. 4000 Probanden haben sie nach Lebens- und Ernährungsgewohnheiten sowie Krankheiten gefragt. 4000-mal haben sie Blut abgenommen, 4000 Herzen per Ultraschall durchleuchtet, 4000-mal Zähne und Zahnfleisch untersucht. Jetzt werten die Forscher ihre Daten aus. Dass der Zustand unserer Zähne Einfluss auf den Rest des Körpers haben kann, hat sich längst herumgesprochen. Sportprofis zum Beispiel, deren Körper ein wertvolles Investitionsgut ist, verdächtigen schnell ihre Zähne, wenn es einmal schlecht läuft. So ließ sich in der vergangenen Woche der Fußballnationalspieler und HSV-Profi Christian Rahn die beiden oberen Weisheitszähne aus dem Kiefer hebeln. In der Szene kursiert die Legende, häufige Sportverletzungen könnten mit faulen Zähnen im Zusammenhang stehen. Nun hofft Rahn auf Erlösung aus seiner Pechsträhne.

Die Wissenschaft jedoch ist weniger der eitrigen Zahnwurzel und der pochenden Schwellung im Kiefer auf der Spur. Denn die werden von den Betroffenen bemerkt und bekämpft, der Leidensdruck treibt die Geplagten zum Zahnarzt. Das viel bedeutendere Problem ist die schleichende Entzündung, die lange ignoriert wird, weil sie keine spürbaren Symptome hervorruft.

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