In Bonn beraten Tausende Delegierte über Möglichkeiten, das Artensterben zu stoppen. Im stern.de-Interview erklärt Biologe Josef Reichholf, wie die Landwirtschaft die Artenvielfalt bedroht, was Rindfleischimporte mit Naturschutz zu tun haben und wieso eine Bären-Haftpflichversicherung in Deutschland sinnvoll wäre.

Josef H. Reichholf leitet die Wirbeltierabteilung der Zoologischen Staatssammlung in München© Argum/Falk Heller
Dazu müsste man erst einmal wissen, wie viele Arten es überhaupt gibt. Bekannt sind heute 1,8 Millionen, Bakterien nicht mitgerechnet. Niemand kann sagen, wie viele es insgesamt sind. Verschiedene Hochrechnungen kommen auf bis zu 100 Millionen, ich persönlich halte zehn Millionen für halbwegs realistisch. Für den täglichen Verlust an Arten gibt es überhaupt keine verlässlichen Zahlen.
Könnte man meinen. Aber wir müssen mit unserem Nichtwissen sorgfältig umgehen, weil wir ja keine Ahnung haben, was wir täglich verschwinden lassen. Im Regenwald etwa gibt es unzählige Tier- und Pflanzenarten, aber die kommen nur dünn gesät vor, manche bewohnen nur ein winziges Gebiet - ein Mosaik aus ganz unterschiedlichen Gemeinschaften. Wenn Sie da 100 Hektar abholzen, erwischen Sie darin unter Umständen ein Puzzleteilchen mit Arten, die noch nicht einmal entdeckt waren.
Jedes Wesen hat ein Recht auf Leben. Außerdem wissen wir gar nicht, wozu viele Arten gut sind und ob wir sie eines Tages nutzen können. Durch die Gentechnik lassen sich vorteilhafte Eigenschaften einer Art auf andere übertragen. Das lässt die Artenvielfalt heute noch kostbarer erscheinen.
Solche Krankheitserreger sind überflüssig und gehören ausgerottet. Man muss sie aber in Hochsicherheitsabteilungen konservieren, weil wir jetzt noch nicht wissen, wofür sie einmal nützlich sein könnten. Denken Sie an den Schimmelpilz, den man zwar keinesfalls auf Lebensmitteln haben möchte, der aber zur Entdeckung des Penicillin geführt hat, eines der wichtigsten Medikamente der Welt.
Die Landwirtschaft. In Mitteleuropa etwa fördert die Überdüngung ganz bestimmte Pflanzen wie Löwenzahn und dichtwüchsige Gräser. Das nimmt anderen Arten die Lebensmöglichkeit. Und zwar nicht nur auf den Flächen: Über das Grundwasser gelangen nitrathaltige Nährstoffe in die Gewässer und begünstigen dort einseitig Algenanarten, vor allem Blaugrünbakterien. Dadurch sind Flusskrebse und Muscheln selten geworden, auch Kleinfische wie Stichlinge oder Bitterlinge.
Naturschutz und Landnutzung schließen sich überhaupt nicht aus. Bei uns in Europa herrschte im 17. und 18. Jahrhundert oft große Hungersnot, jeder nutzbare Quadratmeter wurde umgepflügt, die Böden waren völlig übernutzt. Aber der Artenreichtum war größer als heute: Es gab viele kleine Felder mit unterschiedlichen Nutzpflanzen, also unzählige verschiedene Biotope.
Das Problem für den Artenschutz in armen Ländern der Tropen und Subtropen ist nicht die kleinbäuerliche Landwirtschaft. Und auch nicht die wachsende Bevölkerung. Brasilien zum Beispiel ist mit 20 Menschen pro Quadratkilometer extrem dünn besiedelt. Trotzdem werden dort jeden Tag riesige Regenwaldflächen gerodet - um Soja oder Mais anzubauen, die als Tierfutter in die EU oder nach China exportiert werden. Dadurch fehlen Ackerflächen für die Erzeugung von Nahrung für die Menschen vor Ort, das gilt für Südamerika genau so wie für Afrika.
Zur Person Professor Josef H. Reichholf, 63, ist Zoologe, Ökologe und Evolutionsbiologe. Er leitet die Wirbeltierabteilung der Zoologischen Staatssammlung in München.