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31. Mai 2009, 04:31 Uhr

Draußen brummt es wieder

Parasiten, Pestizide und blütenarme Wiesen haben die Bienenvölker in Deutschland stark geschädigt. Der Biologe Werner von der Ohe erklärt, warum sich die Tiere in diesem Frühjahr erholen.

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Er hat was auf dem Kasten: Bienenforscher Werner von der Ohe leitet das LAVES-Institut für Bienenkunde in Celle© Harald Schmitt

Herr von der Ohe, in den vergangenen Jahren haben die deutschen Imker wiederholt im Frühling Alarm geschlagen. Die Bienenpopulationen waren während des Winters stark eingebrochen, mancherorts war jedes vierte Honigbienenvolk untergegangen. Wie ist die Lage in diesem Jahr?

Nach den Rückmeldungen, die wir bislang von den Imkern bekommen haben, dürften die Verluste deutlich unter zehn Prozent liegen, und alles unter zehn Prozent ist nicht alarmierend. Natürlich wäre es ideal, wenn im Winter gar keine Bienen sterben würden. Aber es bleiben immer einige Völker auf der Strecke.

Weil es im Stock zu kalt für sie wird?

Nein. Bienen können ihre Behausung durch Muskelzittern selbst bei minus 30 Grad noch auf angenehme 15 Grad heizen. In der Regel sind Krankheiten, Fehler bei der Haltung oder Ruhestörungen für die Verluste verantwortlich. Die Störungsanfälligkeit der Tiere wird unterschätzt. Manchmal reichen Straßenbauarbeiten in der Nähe eines Stocks aus: Die Vibrationen, die sich über den Boden auf den Stock übertragen, lösen bei den Bienen Stress aus. Und wenn sie dann mitten im Winter ausfliegen und vergebens nach Futter suchen, ist das fatal.

Ist die entspannte Situation in diesem Frühjahr schon Anlass zu einer generellen Entwarnung?

Absolut nicht. Denn die größte Bedrohung für die deutschen Bienen ist schon seit Jahren die sogenannte Varroa-Milbe, ein winziges Spinnentier, das die Bienen und ihre Brut regelrecht aussaugt. Die Bestandserholung, die wir jetzt sehen, ist vermutlich ein biologischer Effekt: Durch die massiven Verluste an Bienenvölkern sind in den vergangenen Jahren auch viele Varroen eingegangen. Aber auch deren Populationen werden sich regenerieren. Die Imker müssen wachsam bleiben - zumal ein Teil der Milben heute noch gefährlicher ist als früher.

Warum das?

Sie sind resistent geworden gegen die wichtigsten Bekämpfungsmittel. Rund 80 Prozent der Bienenzüchter sind Freizeit-Imker, da fehlt es manchmal an Zeit und Know-how. Wenn jemand die Mittel nicht fachgerecht einsetzt, wenn er etwa mit Ameisensäure bei zu hoher Luftfeuchtigkeit arbeitet, überleben zu viele Parasiten. Und die sind dann ein noch größeres Problem als vorher.

Die Varroa-Milbe ist nicht die einzige Gefahr für die heimischen Honigbienen. Welche Rolle spielt der Mensch?

Seit einigen Jahren beobachten wir, dass sich die Fülle des Nahrungsangebots auf einen immer kürzeren Zeitraum zusammendrängt. Die Blütenpracht explodiert kurz und heftig, und von Juni bis Oktober stehen den Honigbienen dann nur noch relativ wenige blühende Pflanzen zur Verfügung, in manchen Regionen geraten sie während des Sommers in eine Mangelsituation. Das liegt zum einen an der Klimaveränderung, zum anderen an der schrumpfenden Vielfalt der Vegetation. Auf Ertrag getrimmte Wiesen enthalten zwar üppige Gräser, aber kaum noch Blumen. Es fehlt an blühenden Heckenstreifen und Feldrainen. Und dort, wo teppichartiger englischer Rasen eingerahmt von Kalksplitt zwischen Thujenhecken wächst, ist für eine Biene einfach nichts zu holen. Wer etwas für die Tiere tun will, sollte in seinem Garten eine Vielfalt von Gewächsen anpflanzen, die nacheinander bis in den Herbst hinein Blüten tragen.

Wie stark schaden Pflanzenschutzmittel den Bienen?

Einige Insektizide haben zu den Problemen beigetragen. Das große Bienensterben in Südwestdeutschland im vergangenen Jahr, bei dem über 11.000 Bienenvölker von rund 700 Imkern eingingen oder geschädigt wurden, ging maßgeblich auf Clothianidin zurück - eine Substanz, die dem Nikotin ähnelt. Mit diesem Nervengift wird das Saatgut von Raps, Mais und anderen Pflanzen gebeizt, um es vor Schädlingen zu schützen. Einige Maissaatchargen enthielten damals hohe Konzentrationen des Wirkstoffs, und beim Aussäen wurde dieser dann abgerieben und in Staubwolken vom Wind verdriftet. Das führte zur Kontamination umliegender Bienenweiden - die Giftdosis war teilweise so hoch, dass die Bienen direkt vor Ort starben. Das Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit hat daraufhin die Zulassung von Clothianidin als Beizmittel für Mais und einige andere Saaten vorerst zurückgezogen. Das Beispiel zeigt, dass das Risiko für Bienen nicht immer gründlich bedacht wird, wenn neue Pflanzenschutzmittel zugelassen werden. Da muss der Gesetzgeber nachbessern.

Sind die Chemikalien nicht auch eine Belastung für die Honigqualität?

Trotz einiger Schwierigkeiten ist Honig immer noch eines der reinsten Lebensmittel, die es gibt. Das liegt daran, dass Bienen mit Pflanzenschutzmitteln besprühte Flächen meiden. Die Tiere verfügen über einen guten Riechsinn und empfinden den Geruch der Pestizide wohl als unangenehm.

In den vergangenen Jahren konnte man den Eindruck gewinnen, dass mit den Bienen auch die Bienenhalter wegstarben. Viele Imkerverbände klagten über Nachwuchsmangel.

Wenigstens das ist glücklicherweise kein Problem mehr! Durch die zahlreichen Veröffentlichungen über das Bienensterben sind in den vergangenen zwei Jahren viele junge Leute neugierig auf die Hobby-Imkerei geworden. Die Nachwuchskurse beim Institut für Bienenkunde in Celle und an vielen anderen Stellen sind komplett ausgebucht. Die Imkerei brummt wieder.

Gefunden in ... Stern Stern
Ausgabe 22/2009

Interview: Rüdiger Braun
 
 
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