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Kommentar: Parasiten des Zorns

US-Präsident Bush hat getan, was sich die Terroristen wünschen konnten. Er hat al Qaeda zum Kriegsgegner aufgewertet, bin Laden die Märtyrer zugetrieben und ihnen im Irak ein Übungsfeld geschaffen.

Qaeda hat in Madrid gesiegt, meinen viele. Spaniens neue Regierung will ihre Truppen aus dem Irak abziehen. Das war es doch, was die Islamisten bezweckten, auch wenn Spaniens konservativer Premier Jose Aznar abgewählt wurde, weil die Menschen seine Lügen satt hatten. Oder?

Mörderisch, aber letztlich doch rational kalkulierend erscheinen bin Ladens Jünger, als kämpften sie für klare Ziele. Ein gefährlicher Irrtum. Denn liest man ihre Kommuniques, verfolgt man ihre Debatten, öffnet sich ein Universum des Wahns. Sie jagen Gespenstern nach, der Wiedererrichtung des Kalifats, des glorreichen Islam des siebten Jahrhunderts. Sie streiten sich, ob die Träger der schwarzen Banner der Apokalypse schon unterwegs sind oder noch nicht, ob das Weltende nahe oder lediglich die "jüdische Weltverschwörung der Kreuzritter und Freimaurer" gegen den Islam abzuwehren sei.

Wozu töten sie Zivilisten in Istanbul, Casablanca, Riad, Bagdad?

Ihre Handlungen verändern die Welt, aber wozu töten sie Zivilisten in Istanbul, Casablanca, Riad, Bagdad? Es geht ihnen nicht um einen Sieg, sagen die Kenner ihrer Gedankenwelt, sondern darum, den größtmöglichen Schrecken zu verbreiten. "Die Tat ist die Botschaft. Im Sinne von: Wir können es", beschreibt der Islamwissenschaftler Reinhard Schulze das Ziel der Attentäter von Madrid. "Ist es ihnen gelungen, Angst und Schrecken zu verbreiten, so haben sie alles erreicht. Darüber hinaus haben sie kein Ziel", sagt der pakistanische Experte S. K. Malik.

Wahnsinn? Zu absurd, um Anhänger in großer Zahl hinter sich zu scharen? "Das tiefste Glück des Menschen besteht darin, dass er geopfert wird", hat einer der geistigen Väter des Märtyrertums geschrieben: "Und die höchste Befehlskunst (besteht) darin, Ziele zu zeigen, die des Opfers würdig sind." Wer sich für die Sache der Reinheit opfere, sei "nach dem Tod lebendiger denn je", weil "er als Gestalt der Ewigkeit angehört". Das könnte von bin Laden sein. Stammt aber von Ernst Jünger, jenem von Helmut Kohl wie Francois Mitterrand hoch geschätzten, vor sechs Jahren verstorbenen Schriftsteller. Er war, 1895 geboren, begeistert in den Ersten Weltkrieg gezogen. Und hatte die Soldaten gepriesen - oft erst 18-, 19-jährige Freiwillige -, die sich in den Schlachten von Langemarck in die Maschinengewehrsalven ihrer Gegner stürzten. Die über die zerschossenen, noch warmen Leiber derer trampelten, die Minuten vor ihnen aus dem Graben gehechtet und keinen Meter weiter gekommen waren, als auch sie kommen würden.

Ein periodisch wiederkehrender Wahn vom Triumph des Willens

Wahnsinn, absurd - und nur 90 Jahre her. Bin Laden ist Ernst Jünger, Friedrich Nietzsche und den japanischen Ideologen der Kamikaze-Piloten, die ihren "heiligen Krieg" gegen den Westen nicht Dschihad nannten, aber ähnlich verstanden, näher als vielen seiner muslimischen Deutungskollegen. Seine Weltvernichtungsfantasien sind kein einsamer Irrsinn, sondern eher der periodisch wiederkehrende Wahn vom Triumph des Willens nicht bloß gegenüber dem Feind, sondern auch gegenüber sich selbst. Die eigene, unbedeutende Existenz einzutauschen gegen eine Mission als Kämpfer in Gottes Eliteeinheit eint die multinationale Front der Dschihadisten. Was sich auch in einem kleinen, aber immer wiederkehrenden Detail zeigt: Einmal festgenommen, verharren sie nicht in Schweigen, sondern antworten in Verhören bereitwillig auf alle Fragen; sei es Ramzi Binalshibh, einer der Chefplaner des 11. September, seien es überlebende Selbstmordattentäter in kurdischen Gefängnissen. Ob sie lebendig sind oder tot, das scheint ihnen egal zu sein - aber wichtig wollen sie sein, ernst genommen werden.

In ihrem Vernichtungsfeldzug mischen sich Mittelalter und Moderne, alte Mythen vom Märtyrertum mit den technischen Möglichkeiten der Globalisierung: Debatten über Predigten und Anleitungen zum Bombenbau werden ins Internet gestellt, verschlüsselte Informationen via E-Mail ausgetauscht - oder auf handgeschriebenen Zetteln von Boten transportiert. So, wie ein multinationaler Konzern dort produziert, wo es billig ist, und Steuern zahlt, wo sie niedrig sind, verbindet al Qaeda die unterschiedlich geeigneten Standorte der Welt: und nutzt den weltweit per Fernsehen geschürten Zorn darüber, was in Israel oder Tschetschenien geschieht, um Menschen aus Marokko oder Indien zu Anschlägen in Madrid zu bewegen. Denn was hatten die Opfer in Madrid und die Täter aus Marokko mit der US-Besatzung im Irak zu tun?

Nichts. Etwas Vergleichbares hat es noch nie gegeben: ein weltumspannendes Netz Entschlossener, die gar keine Befehle mehr brauchen, die für eine vollkommen unerreichbare Utopie zu töten und zu sterben bereit sind, wobei sie weder einen ursprünglichen Gegner haben noch bei der Auswahl ihrer Opfer irgendwelche Grenzen respektieren.

Völlig egal, ob Zivilisten oder Militärs, Christen oder Muslime - wer nicht mit ihnen kämpft, gilt als Feind, und die Welt ist es wert, zugrunde zu gehen.

Ein Monster, das Amerika mit erschuf

Al Qaeda im Ursprung ist, daran lohnt es zu erinnern, keine aus sich selbst heraus entstandene Gruppe, sondern ein Monster, das Amerika mit erschaffen hat: jene Internationale der sunnitischen Radikalen, die zusammengebracht wurde von bin Laden, bezahlt vom Pentagon, benutzt gegen die Sowjetmacht in Afghanistan. Und dann fallen gelassen wurde, unnütz geworden nach dem Abzug der Besatzungstruppen. Aber immer noch da. Und hungrig nach neuer Beute, die es schließlich im einstigen Schöpfer fand.

Es ist dieses Monster, gegen das Reagans politischer Enkel George W. Bush nun im Irak zu Felde ziehen will. Aber er versteht nicht einmal, gegen wen er kämpft. Saddam war der falsche Gegner. Ihn zu besiegen war leicht, er hatte einen Staat, eine Armee, alle Embleme konventioneller Macht. Doch ihn zu besiegen war zugleich der Anbeginn der größten Niederlage im tatsächlichen Krieg gegen den Terror, den der amerikanische Präsident so oft beschwört, in dem aber nach neuen Regeln gekämpft wird.

Schon seine Kriegserklärung war genau das, was die Dschihadisten wollten: als Gegner anerkannt werden, auf gleicher Höhe mit dem Imperium stehen, den Kreuzrittern, den "Juden und Freimaurern", dem Satan ihres Verschwörungsglaubens. Aber genau diesen Wahn nährt Bush, der sich ja selbst in göttlicher Mission wähnt. Er hat im Irak exakt das geschaffen, was er vernichten wollte. Auch wenn er keinen Trick scheute, eine Komplizenschaft herbeizureden: Selbst einem Tyrannen wie Saddam war al Qaeda suspekt. Keine Terror-Söldner wie Carlos oder Abu Nidal, die auf Bestellung mordeten, sondern eine Bewegung, die durch nichts zu kontrollieren, weil mit nichts zu bedrohen ist: Wenn der eigene Tod einkalkuliert ist, was soll die Märtyrer da beeindrucken? Sie brauchen keine verbündeten Regierungen. Sie brauchen rechtsfreie Räume, die klimatischen Bedingungen des Bürgerkriegs. Wie sie in Afghanistan existierten und sich nun im Irak abzeichnen.

Wenn der Widerstand sich in einen Albtraum verwandelt

Für die islamische Welt gilt: Wann immer in den vergangenen zwei Jahrzehnten eine Besatzungsmacht versuchte, sich mit militärischer Übermacht durchzusetzen, zerbrach der Widerstand dagegen nicht, sondern verwandelte sich in einen Albtraum: Als Israels Armee 1982 im Libanon einmarschierte, kapitulierte zwar die PLO, aber dafür entstand die Hisbollah, und mit ihr kamen die ersten Selbstmordanschläge. In Tschetschenien hat die russische Armee nicht gesiegt, stattdessen versetzen tschetschenische Selbstmordbomber Moskau in Angst. Und in Gaza hat Israels Armee mit der Ermordung des Hamas-Gründers Scheich Jassin gezeigt, dass sie immer noch glaubt, mit Gewalt siegen zu können. Den Preis werden, wie schon so oft, Israels Zivilisten zahlen. Wobei für die genannten Beispiele noch gilt: Es sind Kriege mit klaren Gegnern und Zielen, noch im Diesseits der Rationalität.

Al Qaeda ist es nicht, auch wenn der Zorn über das Unrecht der Welt ihrer Sekte immer neue Märtyrer zutreibt. Wie nun im Irak, wo sich die Dschihadisten aus aller Welt neu gruppieren, aber ihre Opfer nicht einmal US-Soldaten sind, sondern Iraker, wo sie binnen weniger Monate mehr als 1000 Polizisten, Pilger, Passanten mit in den Tod gerissen haben.

Doch wie diesen Parasiten des Zorns begegnen? Spätestens, wenn in einem deutschen Vorortzug oder Restaurant Dutzende Menschen in Stücke gerissen werden, dürfte die Debatte um Bürgerrechte und Unschuldsvermutung ihr jähes Ende finden. Mit mehr Polizei, mehr Überwachung, rigideren Gesetzen lassen sich, wie bereits geschehen, Anschläge verhindern. Aber es bleibt ein Kampf gegen die Symptome, nicht die Ursachen.

Al Qaeda wird nicht allein von außen zu besiegen sein

Dazu gilt es zum einen, die Quellen des Zorns trockenzulegen. Es kann uns nicht länger gleichgültig sein, wie die russische Armee in Tschetschenien wütet, wie die illegale Landnahme israelischer Regierungen auf palästinensischem Territorium sich fortsetzt, wie die US-Regierung den Irak samt Nachbarstaaten in einen Bürgerkrieg gleiten lässt. Zum anderen aber, und das ist der schwierigere Teil, wird der Terror der Dschihadisten erst aufhören, wenn der Resonanzboden ihrer Taten verstummt: wenn die islamische Welt, die zwar gegen das Kopftuchverbot in Frankreichs Schulen, aber nicht gegen al Qaeda vieltausendfach auf die Straße geht, sich gegen den Terror in ihrem Namen wendet. Al Qaeda wird nicht allein von außen zu besiegen sein. Nur von innen, indem ihre eigenen Völker den Dschihadisten den Boden entziehen, niemand mehr nachwächst, die Reihen zu füllen. Dies ist ein langsamer, mühsamer Weg. Aber es ist der einzige. Denn wenn wir die Regeln dieses Krieges nicht verstehen, wird er weitergehen, werden die nächsten Massaker geschehen - ganz sicher im Irak, vielleicht in Thailand, vielleicht in England, Italien, den USA, vielleicht im Supermarkt um die Ecke.

Christoph Reuter / print